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Ausgabe 1/02


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Der lange Schatten der NS-Medizin

Am 28. April werden am Wiener Zentralfriedhof knapp 600 Urnen mit sterblichen Überresten von Opfern der NS-Kindereuthanasie am „Spiegelgrund“ bestattet. Eine dunkle Episode der österreichischen Geschichte findet damit ihren vorläufigen Abschluß. Die Suche nach den Gründen für dieses späte Begräbnis mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende führt mitten in die Geschichte der NS-Medizin in Österreich und ihrer gescheiterten Bewältigung in den Jahrzehnten nach 1945.

Doch kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der Geschichte. Im Sommer 1940 eröffnete die Wiener Stadtverwaltung in der „Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof“ eine Fürsorgeanstalt für Kinder. Sie erhielt die Bezeichnung „Am Spiegelgrund“. Die Gründung war möglich, weil vorher in der Anstalt Platz geschaffen worden war: die „Kanzlei des Führers“ liess rund 3200 Steinhofer PatientInnen nach Hartheim deportieren und vergasen. Auch der „Spiegelgrund“ sollte der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ dienen. Behinderte Kinder und Jugendliche wurden systematisch erfaßt und in die Tötungsklinik eingewiesen. Gelangten die dort tätigen Ärztinnen und Ärzte zu dem Schluss, dass mit keiner künftigen Arbeitsleistung im Dienste der NS-Volksgemeinschaft zu rechnen war, so berichteten sie nach Berlin. Drei Gutachter des dortigen „Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ entschieden über Leben oder Tod der Betreffenden. Gaben sie die Ermächtigung zum Mord, so erhielten die Kinder hochdosierte Schlafmittel. Waren sie entsprechend geschwächt, so starben sie an einer Infektionskrankheit, in der Regel Lungenentzündung.

Die gnadenlose Kosten-Nutzen-Rechnung, der die Nationalsozialisten das menschliche Leben unterwarfen, erlaubte keine „unnützen Esser“. Sie erlaubte aber auch keinen unnützen Tod: Die Leichen der Euthanasieopfer wurden für die wissenschaftliche Forschung aufbewahrt. Daran scheint sich auch nach dem Krieg niemand gestossen zu haben: Beim Prozess gegen einen der Hauptverantwortlichen der Wiener Kindereuthanasie, den ehemaligen Leiter des Spiegelgrund Dr. Ernst Illing, sagte die Prosektorin des Steinhof Dr. Barbara Uiberrak:

„Fast jeder der einzelnen Fälle ist wissenschaftlich gesehen hoch interessant. Wir haben „Am Steinhof” noch alle 700 Gehirne, in den meisten Fällen auch die Drüsen mit innerer Sekretion, fixiert ausgebaut, sodaß sie jederzeit einer wissenschaftlichen pathologischen Untersuchung zugeführt werden können. Ich glaube, daß es lohnend wäre, einige Fälle aus jedem Jahr herauszugreifen.“

Illing selbst sollte dazu keine Gelegenheit mehr haben: er wurde im November 1946 hingerichtet. Seinem ehemaligen Abteilungsarzt im Tötungspavillon XV, Dr. Heinrich Gross, sollten die gesamten Früchte der gemeinsamen Arbeit zufallen. Während Illing vor Gericht stand, befand Gross sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Bei seiner Rückkehr 1948 wurde er verhaftet und ebenfalls angeklagt. Das politische Klima in Österreich hatte sich jedoch bereits soweit zugunsten der („ehemaligen“) Nationalsozialisten verschoben, dass Urteilssprüche immer seltener wurden. Die erste Instanz verurteilte Gross zwar, nach der Aufhebung des Urteils wegen formaler Mängel verlief das Verfahren jedoch im Sand.

Gross startete seine zweite Karriere. Er trat dem „Bund Sozialistischer Akademiker“ (BSA) bei, wo viele „Ehemalige“ hilfreiche Seilschaften bildeten. Die Stadt Wien nahm in wieder in ihre Dienste, diesmal in der Nervenheilanstalt „Am Rosenhügel“, wo sich Gross konsequenterweise zum Neurologen und Psychiater ausbilden liess.

Anfang der 50er-Jahre begann er mit der Auswertung der Gehirne, die in der Prosektur des Steinhof aufbewahrt worden waren. Bald folgte Publikation auf Publikation. Gross gab sich keine grosse Mühe, die Herkunft seines „Materiales“ zu verschleiern, wenngleich er natürlich darauf verzichtete, die näheren Umstände seiner Entstehung zu erläutern. Bis ins Jahr 1978 erschienen über 30 Arbeiten, an denen teilweise prominente Kollegen von Gross beteiligt waren: F. Seitelberger etwa, ehemaliges SS-Mitglied und Rektor der Universität Wien in den 70er-Jahren. 1968 erhielt Gross ein eigenes „Ludwig Boltzmann-Institut zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems“, das sich in den ersten Jahren seines Bestehens ausschliesslich auf die Auswertung der Spiegelgrund-Gehirne konzentrierte.

Heinrich Gross zählte jahrzehntelang zu den prominentesten Psychiatern Österreichs.  Das hing zum Teil mit seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter zusammen, die er oft bei aufsehenerregenden Prozessen ausübte. Drei seiner prominentesten Begutachtungsfälle: Günter Brus, Otto Mühl und Oswald Wiener, die wegen der berühmten „Uni-Ferkelei“ vom 7. Juni 1968 vor Gericht standen.

Neben seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter und Hirnforscher fand Gross auch die Zeit, sich als Pharmatester zu betätigen. Auf seiner Abteilung am „Steinhof“ stand ihm das dafür nötige „Krankengut“ zur Verfügung. Gross genoss das Vertrauen der Pharmaindustrie: Oft kamen die neuen Präparate direkt aus dem Tierversuchslabor, um an den Steinhofer Patienten ausprobiert zu werden. Allein zwischen 1958 und 1968 testete er nach eigenen Angaben 83 verschiedene Psychopharmaka an teilweise weit über hundert Patienten.

Mitte der 70er-Jahre begutachtete Gross einen Überlebenden des Spiegelgrund, Friedrich Zawrel. Dieser erkannte seinen Peiniger aus der NS-Zeit wieder. Gross verfasste ein vernichtendes Gutachten, in dem er sich ungeniert aus der Spiegelgrund-Akte Zawrels bediente, um den unliebsamen Zeugen zum Schweigen zu bringen. Der Plan wäre auch fast aufgegangen, wenn sich die „Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin“ nicht des Falles angenommen hätte. Im Zuge der folgenden öffentlichen Auseinandersetzungen kam es zu einem Ehrenbeleidigungsprozess zwischen Gross und Dr. Werner Vogt, der mit einer juristischen Niederlage Gross’ endete. Das Gericht sah die Beteiligung von Gross an den NS-Kindermorden als erwiesen an. Dieser kam dennoch mit einem blauen Auge davon: die Niederlage im Zivilprozess führte zu keinen strafrechtlichen Konsequenzen. Gross konnte seine Tätigkeit als Gerichtsgutachter unbehelligt fortsetzen. Ähnlich halbherzig die politischen Konsequenzen: die SPÖ (und mit einiger Verzögerung auch der BSA) schloss ihn zwar aus, die Ludwig Boltzmann-Gesellschaft hielt ihrem Institutsleiter jedoch die Stange: das Gross-Institut wurde mit dem „Ludwig Boltzmann-Institut für klinische Neurobiologie“ zusammengelegt, Prof. Kurt Jellinger und Heinrich Gross übernahmen die gemeinsame Leitung. Erst 1989 musste Gross auf Druck des Wissenschaftsministeriums diese Funktion zurücklegen.

Über der Präparatesammlung lag ein Mantel des Schweigens. Angehörige von Jugendlichen aus Hamburg, die nach Wien deportiert und am Spiegelgrund getötet worden waren, versuchten jahrelang, Auskunft über die sterblichen Überreste der Opfer zu erlangen. Die Wiener Zuständigen blockten ab. So mancher, der sich jetzt bei der Aufarbeitung der Angelegenheit profiliert, war noch vor wenigen Jahren an dieser Vertuschung beteiligt.

Dennoch setzte ein langsames Umdenken ein. Im „Bedenkjahr“ 1988 wurde ein Lagerraum im Keller der Pathologie in einen „Gedenkraum“ umfunktioniert. Die Sammlung sollte plötzlich als Mahnmal fungieren, wenngleich einzelne Gehirne immer noch für eine eventuelle wissenschaftliche Bearbeitung vorgesehen waren.

Die entscheidende Wende erfolgte erst mit dem neuerlichen Verfahren gegen Gross Ende der 90er-Jahre. Der Prozess scheiterte zwar an der attestierten Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten, dieser war aber nun zumindest politisch isoliert. Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder nannte Gross einen „Mörder“ und liess die Bestattung der Präparate vorbereiten. Diese positive Tendenz setzte sich auch unter seiner Nachfolgerin Elisabeth Pittermann fort.

Rückzugsgefechte blieben dennoch nicht aus. Der Leiter des LBI für Klinische Neurobiologie Kurt Jellinger versuchte, die Existenz von zehntausenden histologischen Präparaten der Spiegelgrund-Opfer in seinem Institut zu verheimlichen und somit der Bestattung zu entziehen.

Ungeklärt ist auch die Frage, was mit den noch vorhandenen Präparaten aus der „Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof“ geschehen soll, die ebenfalls aus der NS-Zeit stammen. Wer die Geschichte der Anstalt kennt, muss davon ausgehen, dass es sich bei diesen Menschen zum Grossteil um Opfer der „dezentralen Anstaltstötungen” der Jahre 1941 bis 45 handelt.

Die Bestattung der sterblichen Überreste der Spiegelgrund-Opfer ist vor allem für die Angehörigen ein äusserst wichtiger Akt. Als politisches Symbol ist sie ambivalent. Es steht zu befürchten, dass die Verantwortlichen an das Begräbnis wieder einmal die Hoffnung auf einen Schlusstrich, auf eine endgültige Erledigung knüpfen werden. Dabei steckt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema noch in den Anfängen. Viele Bereiche der NS-Medizin sind noch unzureichend erforscht. Insofern war es nur konsequent, dass Elisabeth Pittermann im Herbst 2001 neben der Bestattung der Gehirnpräparate auch die Errichtung einer Gedenk- und Forschungsstätte ankündigte, die sich der Auseinandersetzung mit diesem Thema widmen soll. Inzwischen liegt ein entsprechendes Konzept vor, an dessen Verwirklichung der politische Wille zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema Medizin und Nationalsozialismus zu messen sein wird.

 

Herwig Czech, Mitarbeiter des DÖW und Gedenkdienstleistender 2002/03