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Ausgabe 1/02


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Minsk – ein Aufbruch

Partnerschaftstagung des IBB Minsk vom 6.-12. November 2001

 

Minsk – Hauptstadt und Regierungssitz der Republik Belarus – ist eine von Gegensätzen geprägte Stadt. Steht man im Stadtzentrum noch vor monumentalen, sowjetischen Prunkbauten, so erlebt man nur wenige Kilometer weiter zum Stadtrand Industrie- und vorstadtgleiche Viertel, in denen sich große Fabrikshallen und sozialistische Wohnbaukomplexe abwechseln und ein Bild formen, das sich dem Besucher in merkwürdiger Art und Weise einprägt. In einem dieser Viertel steht das Bildungs- und Konferenzzentrum des IBB Minsk (Internationales Bildungs- und Begegnungswerk), das in seiner Funktion als Ort der Freien Rede eine einzigartige Position in der belarussischen Hauptstadt einnimmt.

Im Rahmen der Partnerschaftstagung vom 6.-12. November 2001 trafen sich Vertreter von Jugendorganisationen aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen, Russland, Ukraine, Bosnien und Herzegowina, Belarus und den Niederlanden, um den Grundstein für eine grenzüberschreitende Kooperation ihrer jeweiligen Projekte und für die Gründung eines europäischen Jugendnetzwerkes zu legen. Als Vertreter des Vereins GEDENKDIENST waren Matthias Kail und Johanna Moser anwesend, der ehemalige Gedenkdienstleistende und ehemaliges Vorstandsmitglied des Vereins, Norbert Hinterleitner, vertrat die niederländische Anne Frank Stichting.

Am Tagungsplan stand neben Diskussionsrunden und Projektgruppen auch die Besichtigung des Minsker Ghettos unter der Leitung von Zeitzeugen und der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Trostinec, das sich in unmittelbarer Nähe der Stadt befindet. In diesem Vernichtungslager fanden während der Nazi-Herrschaft mehr als 200.000 Menschen den Tod. Unter ihnen auch knapp 10.000 Wiener Juden, die, teilweise über das Konzentrationslager Theresienstadt, nach Minsk deportiert wurden. Das Gelände des Lagers Trostinec selbst lässt nichts von alledem erahnen. Gemüsegärten der ansässigen Bevölkerung wechseln sich mit Wohnhausanlagen ab. Nur eine kleine Blechtafel erinnert an die Greuel der Nationalsozialisten.

Nach jahrelangen Bemühungen bekam man die Erlaubnis, den Opfern des Minsker Ghettos durch eine Steintafel und eine kleine „Allee der Gerechten“ ein Denkmal zu setzen. Der Bildhauer selbst wurde wegen der Erwähnung der „jüdischen Opfer“ inhaftiert, die Bäume der Allee mutwillig entwurzelt und gebrochen. Der Antisemitismus in der Republik Belarus ist weiterhin lebendig. Am ehemaligen jüdischen Friedhof findet sich ein schauerliches Beispiel: ein Davidstern am Galgen prangt neben den umgestürzten Grabsteinen. Gegenüber ein altes, dem Verfall preisgegebenes Haus, dessen von Hand gegrabener Keller etwa 30 Juden als Versteck während der Zeit des Ghettos (Juli 1941 - Oktober 1943) diente. Nur wenige überlebten diese Zeit in vollkommener Abgeschiedenheit von der Umwelt.

In jenem Gebäude soll nun, in Initiative des IBB Minsk und Dortmund, eine Geschichtswerkstätte entstehen, die als Hauptaufgabe die Aufarbeitung der Archivbestände und die archäologische Untersuchung des Lagergeländes Trostinec haben wird. Eine Zusammenarbeit mit GEDENKDIENST ist geplant, und stellt durch die soziale und politische Tragweite dieses Projekts eine große Herausforderung an das IBB und den Verein GEDENKDIENST dar. Ein deutscher oder österreichischer Historiker soll mit belarussischen Geschichtsstudenten die Leitung dieser Bildungsinstitution übernehmen. Den administrativen Problemen, die sich im Vorfeld dieses Projektes ergeben, stehen die praktischen, die der Renovierung und Adaptierung, sowie, in weiterer Folge, der tatsächlichen Bearbeitung der vorhandenen und teilweise sehr zerstreuten, Materialien gegenüber.

Im Zusammenhang mit diesem Projekt sollen seitens GEDENKDIENST auch Studienfahrten nach Minsk und weiteren Orten der Naziverbrechen in Belarus stattfinden.

Die Tagung selbst war von ausgezeichnetem gegenseitigem Verständnis – trotz allfälliger Sprachbarrieren, die von lokalen Dolmetschern gekonnt überbrückt wurden – und fruchtbaren Gesprächen geprägt, und brachte für alle Teilnehmer zukunftsreiche Aussichten auf internationale Zusammenarbeit in ihren Projekten.

 

Matthias Kail, Dolmetschstudent und Mitarbeiter bei GEDENKDIENST