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Ausgabe 2/02


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Kommentar und Editorial

10 Jahre Gedenkdienst: Von billigen Botschaftern, Gedenktafelputzern und Bonzensöhnchen

Die beinahe 200 Gedenkdeinstleistenden, die seit 1992 ihren 14-monatigen Zivilersatzdienst an Holocaust-Gedenkstätten abgeleistet haben, wurden schon mit vielen Attributen belegt. Einmal waren sie „sensible Botschafter“ (Zitat: Die Furche, 1. September 2002), dann wieder die „kleinen Botschafter Österreichs“ (Zitat einer Mitarbeiterin des Außenamts). Die Botschafter- Funktion wird Gedenkdienstleistenden gerne von offizieller Seite zugeschrieben. Eines sind Gedenkdienstleistende sicher: Billige Botschafter. Vater Staat schießt maximal ð_ 10.000,- pro Gedenkdienstleisten für die 14 Monate dazu. So billig kommt nicht einmal der/die „kleinste“ österreichische BotschaftsmitarbeiterIn: Für einen kleinen Angestellten in einer Botschaft irgendwo auf der Welt zahlt der österreichische Staat genauso viel wie in einem Jahr für 10 Gedenkdienstleistende!

Wie wird man Gedenkdienstleistender und was macht man in den 14 Monaten? Ein User der online Presse weiß es da ganz genau: „Nach New York kommt man, wenn man den Herrn Muzikant etwas bezirzt, um dann in New York den Amerikanern zu erzählen, was für Ungeheuer unsere Vorfahren doch waren!“ Ein anderer, im gleichen Forum, meint „Bonzensöhnchen“ zu kennen, die sich im „Ausland ein lustiges Jährchen“ gönnen und alles unternehmen „um gegen unsere Republik zu agitieren und uns zu diskreditieren.“ Dass die Arbeit bei Gedenkdienst und die 14 Monate an einer Holocaust-Gedenkstätte alles andere als eine einfache Tätigkeit darstellt, weiß jeder, der schon einmal ein ehemaliges Konzentrationslager besucht hat. Und viele Überlebende, die Gedenkdienstleistende in den USA, Argentinien und Israel treffen, tragen Auschwitz immer in sich mit. Die jungen Menschen darauf vorzubereiten und sie für Zeitgeschichte zu sensibilisieren ist daher die vordringlichste Aufgabe bei der Vorbereitung der Gedenkdienstleistenden. Das wird all jenen bald klar, die Gedenkdienst wirklich nur für eine Möglichkeit halten, ein Jahr in Übersee zu verbringen. Die 14 Monate Gedenkdienst sind für viele Jugendliche prägend für ihr weiteres Leben. Viele haben danach eine Beschäftigung in Institutionen wie dem Österreichischen Nationalfonds, der Claims Conference oder der Anlaufstelle der Israelitischen Kultusgemeinde gefunden. Andere sind jetzt wissenschaftlich tätig und arbeiten für die Österreichische Historikerkommission, das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands oder sind von den Institutionen, an denen sie Gedenkdienst geleistet haben, als Angestellte übernommen worden.

Auch viele Projekte sind aus der Tätigkeit von Gedenkdienstleistenden entstanden. Um nur jene zu erwähnen, die im Jahr 2002 durchgeführt wurden: Anlässlich von „10 Jahren Gedenkdienst“ ist neben dem Buch „Jenseits des Schlussstrichs“ und der Tagung in St. Virgil auch die Ausstellung „world.wide.web.gede nkdienst.at“ speziell für Schulen konzipiert worden, ebenso wie der „Gedenkdienstfilm“, eine Dokumentation von Niko Mayr über die Arbeit von vier Gedenkdienstleistenden an vier Einsatzstellen. Im Jüdischen Museum Wien und am Leo Baeck Institute New York findet derzeit eine Ausstellung über das Interviewprojekt der Austrian Heritage Collection statt. Diese Ausstellung, die von den ehemaligen New Yorker Gedenkdienstleistenden Christian Prasser, Thomas Geissler und Niko Wahl konzipiert und in Zusammenarbeit mit Werner Hanak vom Jüdischen Museum umgesetzt wurde, ist ein großer Erfolg und kann in Wien noch bis inklusive 16. Oktober gesehen werden.

All dies zeigt, dass Gedenkdienstleistende sich von ihren von außen zugeschriebenen Rollen und Funktionen längst emanzipiert haben und zu einer Generation herangewachsen sind, die „persönlich“ gesellschaftliche Verantwortung übernimmt für das, was in der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich passiert ist. Durch ihre Erfahrungen hat die „Generation Gedenkdienst“ begonnen darüber sprechen zu lernen, worüber viele in der Nachkriegsgeneration nicht einmal nachzudenken wagten.

 

Christian Klösch, Historike und Obmann Verein GEDENKDIENST

 

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Die Gedenkdienst- Tagung „Vermächtnis Holocaust – Strategien der Nachgeborenen im Umgang mit Nationalsozialismus und Holocaust“ war ein großer Publikumserfolg.

In dieser Ausgabe finden Sie Texte von Vortragenden, die diese Tagung reflektieren und kommentieren. Besonders möchte ich Sie auf den Artikel der amerikanischen Psychologin Dorith Whiteman hinweisen, die über Resultate ihrer Arbeit mit Überlebenden berichtet und die Frage erörtert, welchen Stellenwert Gedenkdienst nach 10 Jahren Tätigkeit für Holocaust-Überlebende bekommen hat.

Weiters finden sie auch die Rede von Werner Hanak, die er zur Eröffnung der Ausstellung „Vom Grossvater vertrieben – vom Enkel erforscht?“ im Jüdischen Museum in Wien gehalten hat.

Daneben bringen wir auch einige Beiträge, die aus Platzgründen nicht im Buch „Jenseits des Schlussstrichs.“ (Löcker Verlag 2002) abgedruckt werden konnten. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, hier noch einmal allen jenen danken, die am Zustandekommen von Buch und Tagung beteiligt waren, insbesondere den Herausgebern des Buches Martin Horváth, Anton Legerer, Judith Pfeiffer und Stephan Roth.

Auch heuer haben wieder 18 Gedenkdienstleistende ihren Dienst an einer internationalen Holocaust-Gedenkstätte angetreten. Im Vergleich zum letzten Jahr sind dies allerdings um fünf weniger. Leider wurden die Subventionen für Gedenkdienst heuer gekürzt. Wir hoffen jedoch, im nächsten Jahr wieder alle 23 Stellen besetzen zu können und hoffen dabei auch auf Ihre moralische und finanzielle Unterstützung.

Es lohnt sich, auch in Hinkunft öfter einen Blick auf die von Franz Fuchs neu adaptierte und konzipierte Homepage von Gedenkdienst www.gedenkdienst.at zu werfen, die nun regelmässig aktuelle Information zum Verein und zu zeitgeschichtlichen Themen liefert.

 

Herzlichst Ihr,

Christian Klösch, Obmann Verein GEDENKDIENST

 

PS: Das Buch „Jenseits des Schlussstrichs“ ist im Büro des Vereins Gedenkdienst oder im Buchhandel um € 25,- käuflich zu erwerben.