AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/02


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Generation-Fragen

Eine Reflexion zur Gedenkdienst-Tagung, Salzburg, Mai 2002

 

Der Begriff Generation scheint derzeit Hochkonjunktur zu haben, so auch bei der Tagung in Salzburg. Einmal mehr hat sich mir im Laufe der Diskussionen die Frage nach dem Sinn und der Tauglichkeit der Kategorie „Generation“ gestellt. Sehr bald zeigte sich in den einzelnen Diskussionsbeiträgen, dass sich eigentlich niemand so wirklich einer bestimmten Generation zuordnet, sondern vielmehr sich von der ihm/ihr zugeschriebenen abgrenzt, aus welchen Gründen auch immer. Nicht selten begann ein Statement mit den Worten „Ich gehöre ja eigentlich nicht zur zweiten (wahlweise: dritten) Generation, weil...“ – und dann folgten Begründungen verschiedenster Art. In der Tat lässt sich eine Generationszugehörigkeit nicht so eindeutig bestimmen, wie es auf den ersten Blick scheint. Da gibt es zum einen eine jahrgangsbezogene Einordnung, wonach man eher dieser oder jener Generation zugeordnet werden kann, zum anderen kann eine Einordnung auch nach dem persönlichen Standort in der familiären Generationskette erfolgen. Das heißt: Wie alt waren die Großeltern/Eltern zur NS-Zeit – was kann es bedeuten, wenn – wie in meinem Fall – die Eltern damals selbst noch Kinder waren – wo ordne ich mich dann ein? All diese Zuordnungsfragen setzen sich natürlich auch in den nachfolgenden Generationen fort – die auf der Tagung vertretenen „Jungen“ stehen bereits am Übergang von der dritten zur vierten Generation und stellen ihrerseits wieder eine Art „Zwischengeneration“ dar. Die Fragwürdigkeit des Generationsbegriffs zeigte sich auch in den Diskussionen um „die 68er Generation“, die es natürlich in der Einheitlichkeit nicht gibt, nie gegeben hat. Ich selbst arbeite zwar auch mit der Kategorie Generation und halte sie für eine zielführende Denkkategorie, denke aber – und die Diskussionen der Tagung haben mich darin bestärkt – dass der herkömmliche Generationsbegriff um wichtige Kriterien außerhalb der jahrgangsbezogenen Generationszugehörigkeit erweitert werden sollte: Das Geschlecht, soziales Milieu (Elite – Basis), politische Zuordnung (Grad der NS-Involviertheit der Eltern/Großeltern), regionale Herkunft (Peripherie-Zentrum) usw. sind einige Faktoren, die die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entscheidend mitbestimmen und daher ebenfalls in die Analyse miteinbezogen werden sollten.

Ein weiterer interessanter, vordergründig vielleicht banal klingender Aspekt ist mir im Laufe der Tagung zunehmend bewußter geworden: nämlich, wie „jung“ die Gedenkdiener eigentlich sind! Dieser Gedanke ist mir als Lehrende an der Universität, die mit immer jünger werdenden Studierenden konfrontiert ist, zwar nicht neu, aber in konkreten Fällen nichtsdestotrotz immer wieder erstaunlich. Etwa dann, wenn einem/r klar wird, dass viele der Anwesenden erst kurz „vor Waldheim“ geboren sind, die damit einher gehenden Vergangenheitsdiskussionen nur vom Hörensagen kennen usw. Kurz: Diese Generation ist kognitiv und emotional ganz wo anders „eingestiegen“, hat einen anderen Wissensstand und anderen persönlichen Zugang zur Thematik. Gerade aus diesem Grund fand ich die Idee, am letzten Podiumsgespräch ausschließlich VertreterInnen der dritten und vierten Generation zu Wort kommen zu lassen, eine sehr gute. Denn auf diese Weise waren vielleicht die jeweiligen Zugänge dieser jungen Generation, ihre Motivationen zum Gedenkdienst, ihre Erwartungshaltungen an die Tagung usw. zu erfahren. Im Laufe der Tagung war diese Generation ja zunehmend „verstummt“, zumindest im Rahmen der „offiziellen“ Diskussionsrunden (Pausengespräche gab es meiner Beobachtung nach aber sehr wohl).

Den ansatzweise konstruierten Konflikt zwischen einer (nicht näher benannten) zweiten und der vorher stumm im Publikum und nunmehr am Podium vertretenen Generation sah ich allerdings nicht wirklich. Vielmehr sehe ich solche Positionierungen als Ausdruck einer logischen Generationenabfolge, wo die eine auf der anderen aufbaut, sich aber auch davon abgrenzt – das gehört einfach dazu. So wie ich meinerseits wissenschaftlich und politisch zu einem bestimmten Zeitpunkt eingestiegen bin und mich von der vor mir tätigen (meiner Meinung zu stark moralisierenden, auf Opferidentifikation ausgerichtete) HistorikerInnengeneration teilweise abgegrenzt habe, nicht ohne auch von ihren Leistungen zu profitieren, so sehe ich ähnliche Mechanismen auch heute. Deshalb frage ich mich: Was kann ich als schon seit längerem in der Forschungspraxis tätige Zeithistorikerin an die nachfolgenden Generationen weitergeben, was unterscheidet uns aber auch – in unseren Motivationen, Zugängen, Fragestellungen, Interessen? Interessant für mich war, als ein Ergebnis der Diskussion, dass die Jüngeren sich nunmehr offensichtlich verstärkt mit der Legitimationsfrage konfrontiert sehen: Warum sich überhaupt mit dem Nationalsozialismus beschäftigen? Nach all dieser Zeit? Wo der Nationalsozialismus als persönlicher, emotionaler und familiärer Bezugspunkt zunehmend (scheinbar?) entschwindet? Wo die Verbrechen des Nationalsozialismus seiner „Singularität“ beraubt, universalisiert und in die Welt- und Menschheitsverbrechen insgesamt eingereiht werden? Diese - übrigens gar nicht so neuen - Fragen mussten letztendlich wohl offen bleiben. Interessant fand ich auch, dass fast niemand von den jungen PodiumsteilnehmerInnen ihr Engagement mit familiären Schuld-Verstrickungen begründet hat. Gleichzeitig wurde aber die von mir als Frage aufgestellte These, dass durch die zunehmende zeitliche Distanz auch eine zunehmende Ent-Emotionalisierung und somit ein neuer „unbefangener“ Umgang mit dem Nationalsozialismus einhergehen könnte, eher verneint. Woher genau das Engagement für den Gedenkdienst kommt, das blieb wiederum für mich eine offene Frage.

Ein wichtiger Nebeneffekt der Tagung war, dass ich – sei es in Form von Gesprächen oder durch den Film von Niko Mayr - auch einige für mich neue Informationen und Einblicke über/in die Praxis des Gedenkdienstes erhalten habe. Neu für mich war, wo überall man/frau inzwischen Gedenkdienst leisten kann; neu war auch, daß bemerkenswerterweise auch einige junge Frauen dieses Angebot nutzen! Besonders positiv überrascht war ich von dem auffallend hohen Reflexionsgrad unter den jungen TeilnehmerInnen (vielleicht die Folge des vorhin angesprochenen anderen generationsbedingten „Einstiegs“?), dem kontinuierlich großen Interesse im Publikum (immerhin wurde ein „verlängertes Wochenende“ mit vorsommerlichen Temperaturen in einem Veranstaltungsraum in Kauf genommen) und der guten Atmosphäre der Tagung. Weniger erfreulich erscheinen mir die auf der Tagung zur Sprache gekommenen Probleme mit denen sich der Gedenkdienst zwar immer schon, aber doch zunehmend konfrontiert sieht. Als Zeithistorikerin aber auch als politisch denkender Mensch kann ich mir nur wünschen, daß sich die derzeit im Gedenkdienst aktiven, aber auch die künftigen MitarbeiterInnen von diesen Schwierigkeiten in ihrem Engagement nicht beirren lassen.

 

Margit Reiter, Historikerin