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Ausgabe 2/02


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„Jenseits des Schlussstrichs. Gedenkdienst im Diskurs über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit“

Interview mit Sarah Halperyn, ehemalige Bibliothekarin am Centre de Documentation Juive Contemporaine in Paris

 

Wie denken sie darüber, dass junge Österreicher Gedenkdienst an ihrer Einrichtung leisten?

Vom Beginn unserer Zusammenarbeit an war ich davon überzeugt, dass es sich dabei um eine sehr gute Initiative handelt. Einerseits bin ich der Meinung, dass allein schon die Möglichkeit Gedenkdienst zu leisten eine großartige Sache ist, und andererseits finde ich es bewundernswert, dass sich junge Leute bereit erklären einen solchen zu leisten, auch wenn das große Mühen, finanzieller und anderer Natur, bedeutet.

Im Vergleich zu Deutschland war es in Österreich erst viel später möglich, einen solchen Dienst zu leisten. Es scheint, als hätte Deutschland bei weitem mehr zum Gedenken getan. Tatsächlich sind die besten Bücher und Werke zum Thema Shoah in Deutschland (und den Vereinigten Staaten) erschienen. Man kann jedoch nicht leugnen, dass dieser Teil unserer Geschichte auch in Frankreich lange Zeit nicht behandelt wurde. Ich denke, Österreich hat die Pflicht zum Gedenken an seine Mitverantwortung in allen Bereichen des Holocaust erst sehr spät erkannt. Aber besser spät als gar nie!

Außerdem bin ich der Meinung, dass es nicht nur ein Nachteil ist, spät damit begonnen zu haben. Ich glaube, ein richtiger Dialog ist erst heute möglich. Früher war es schwieriger. Für die erste Generation in Österreich und Deutschland, die noch aktiv oder passiv am Krieg beteiligt war, war ein solcher Dialog nicht möglich. Auch die zweite Generation hatte dabei Probleme, da sie sich in einer gewissen Art mitschuldig fühlte. Erst mit der dritten Generation, die von der Vergangenheit nicht direkt betroffen ist, ist es uns [Juden] möglich, einen ehrlichen Dialog zu führen. Und es sind die Gedenkdienstleistenden, mit denen wir diesen begonnen haben. Ich glaube, dass Gedenkdienst, und die Tatsache, dass junge Österreicher einen solchen Dienst leisten, viel zur Verbesserung unserer Beziehung beigetragen haben. Ich merke, dass sich etwas verändert, dass sich eine Brücke zwischen euch und uns bildet. Und mit jedem weiteren Jahr, mit jedem weiteren Freiwilligen sehe ich, wie diese Brücke sich festigt.

 

Sarah Halperyn

Übersetzung aus dem Französischen von Matthias Kail