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Ausgabe 2/02


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Erwartungen an die zweite und dritte Generation

Nachdem ich nach dem Anschluss mein Leben in verschiedenen Gefängnissen und Zuchthäusern als Schubhäftling zubrachte, wurde ich in die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald deportiert. In Buchenwald wurde ich von den Amerikaner befreit.

Der 11. April 1945 ist so gesehen mein zweiter Geburtstag. Ab diesem Tag konnte ich wieder in Freiheit leben. Wir waren ungefähr 200 jüdische Handwerker verschiedener Nationen und 500 Österreicher, die den Terror im KZ Buchenwald überlebten.

Nach unserer Befreiung wurden wir nicht mehr als Juden und Nichtjuden in den Baracken untergebracht, sondern nach Nationen. Während Häftlinge anderer Nationen mit Autobussen und Rot- Kreuz-Autos abgeholt wurden, warteten wir weiter. Doch nicht nur wir, aus dem KZ Buchenwald, wurden nicht abgeholt, auch alle anderen ÖsterreicherInnen aus den weiteren Konzentrationslager nicht – das damals offizielle Österreich war auf seine Widerstandskämpfer nicht neugierig.

Am 18. Mai 1945 beendeten wir selbst unser Warten. Wir organisierten von den Stadtwerken Weimar vier Autobusse und fuhren Richtung Heimat. Viele waren aus Wien und dorthin wollten auch wir wieder. Die Autobahnen waren noch nicht so ausgebaut wie heute und die Busse konnten auch noch keine 100 km/ h fahren. So ergab es sich, dass wir die erste Nächtigung auf österreichischem Gebiet in der Stadt Salzburg machten. Salzburg, das sich in der Nähe der Alpenfestung befindet, wurde erst Anfang Mai befreit, dementsprechend wurden wir auch aufgenommen. Keiner konnte uns ins Gesicht sehen, alle drehten sich weg, als sie uns sahen.

Wir hatten aber auch nicht vor in Salzburg zu bleiben und so fuhren wir weiter in Richtung Wien. Bei der Demarkationslinie an der Enns gab es eine Grenze. Österreich war in vier Zonen geteilt. Der Fluss Enns trennte die Amerikanische von der Russischen Zone. Obwohl die Mehrzahl der ehemaligen KZ-Häftlinge Kommunisten waren, war es uns nicht gelungen, die Russen davon zu überzeugen uns durchzulassen um nach Wien zu kommen. Nach vergeblichen Verhandlungen wollten uns die Amerikaner wieder nach Buchenwald zurückbringen, wir waren uns jedoch einig, dass wir dort lange genug waren und beschlossen, daß bei jedem Stop einige nicht mehr einsteigen sollten. So fehlten schon einige Kameraden als wir von der Enns Richtung Westen fuhren.

Am Abend des 20. Mai 1945 kamen die Busse in Salzburg an, es gab damals eine Sperrstunde: niemand durfte sich nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße befinden. Knapp vor dieser Sperrstunde stieg ich mit fünf Kameraden an der Ecke des Landesgerichts – Nonnthaler Hauptstraße aus. Wir meldeten uns bei der Polizei und diese wies uns einen Schlafplatz in der Nonnthaler Hauptschule zu. Alle Turnsäle waren damals zu Notquartieren und Hilfslazaretten umgerüstet worden.

Am nächsten Tag meldeten wir uns bei der Polizei um Lebensmittelmarken zu erhalten. Dort erhielten wir den Hinweis, dass in der Haydnstraße eine 3-Zimmer-Wohnung, ein ehemaliges Büro der NS-Frauenschaft, frei stehe. Wir hatten also eine Wohnung, in jedem Zimmer wohnten zwei von uns. Aus dem Turnsaal der Andrä-Schule holten wir uns Matratzen, Polster und Decken und schon waren wir eingerichtet, mehr brauchte man damals nicht. Im Stift St. Peter gab es eine Küche für Flüchtlinge wo wir ernährt wurden. Nach all den Entbehrungen in den Konzentrationslagern lebten wir nun herrschaftlich.

Es dauerte nicht lange da gab es Tumult in der Küche. Ich stand auf einem Sessel und man zeigte auf mich, dass ab nun ich für die Führung der Küche verantwortlich sei. In der Dreifaltigkeitsgasse war damals das Ernährungsamt, wo ich Lebensmittelkarten für ungefähr 550 Flüchtlinge erhielt. Jedoch konnte mir niemand sagen, woher ich die Lebensmittel bekomme. Man gab mir Tips: “geh‘ zu dem, der ist ein Nationalsozialist, der wird dir Erdäpfel und Gemüse geben”, oder: “von dem wirst du Brot bekommen”. Die Tips waren gut und ich erhielt das, was ich brauchte.

Die Zeit verging und sehr bald kamen die großen Flüchtlingsströme. Da Salzburg Amerikanische Zone war, war auch die jüdische Organisation Joint hier tätig, die sich jüdischer Flüchtlinge aus dem Osten annahm. Eines Tages kamen Organisatoren vom Joint zu mir und schlugen mir ein Geschäft vor: sie wollten Fleisch- und Fettkonserven gegen frisches Gemüse, Erdäpfel und Obst tauschen. Dieses Geschäft war gut, ich konnte meine Küche mit Fleisch- und Fettkonserven aufbessern und lieferte dafür Obst, Gemüse und Erdäpfel. Es dauerte nicht lange, da kamen neuerlich Organisatoren vom Joint zu mir und baten mich, ich möge Lastautos besorgen, um Flüchtlinge nach Italien zu transportieren.

Ich ging zur Landesregierung und bat dort um fünf Lastautos. Die Verantwortlichen wollten mir klar machen, ich habe doch ein Lastautos für die Transporte meiner Küche, dieses müsse doch reichen, weitere Lastautos seien ausgeschlossen. Ich gab mich mit dieser Aussage nicht zufrieden und forderte die Lastautos mit dem Ausspruch: „Entweder ich bekomme die Lastautos, oder die Juden bleiben da!“ – als Antwort bekam ich: „Wie viele Lastautos brauchen Sie?“.

Trotzdem damals die Greuel an den Juden allen bekannt waren, waren Juden unerwünscht. Man war den Juden neidig, dass sie Care-Pakete oder Rot- Kreuz-Pakete erhielten. Jeder Flüchtling bekam in regelmäßigen Abständen so ein Paket, und jedes Paket enthielt zwei Stangen Zigaretten. Ein Teil dieser Zigaretten landete auf dem Schwarzmarkt. Die Salzburger Nachrichten berichteten damals so: „Der Jude J. Rosenblatt wurde am XY-Platz mit F. B. beim Schwarzhandel erwischt.“ Ein Handel kann nur stattfinden, wenn es einen Verkäufer aber auch einen Käufer gibt, die Käufer wurden immer nur mit Initialen bekannt gegeben und auch das Religionsbekenntnis wurde nicht angegeben. Öfter hatte ich bei den Salzburger Nachrichten vorgesprochen und auf antisemitische Aussprüche aufmerksam gemacht, die Antwort war: „Unsere Leser wollen das“.

Nachdem immer mehr Flüchtlinge in die Kasernen kamen und ich die Lastautos erhalten hatte, konnte die jüdische Fluchtorganisation ‚Bricha‘ mit dem Flüchtlingstransport beginnen. Erst wurden große Grenzübergänge wie der Brenner gewählt, doch durch die Politik der Engländer in Palästina mussten immer kleinere Grenzübergänge gesucht werden, bis im Jahre 1947 nur mehr ein Übergang offen war.

Nach der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 konnten die Flüchtlinge legal einreisen und ich wurde nicht mehr für die Transporte benötigt. Ich musste nun für meinen eigenen Unterhalt sorgen und hatte bereits 1945 um einen Gewerbeschein angesucht. Dieser wurde mir auch an meiner Adresse Haydngasse ausgestellt, als ich in die Schwarzstraße übersiedelte, wurde auch diese Adresse genehmigt. Doch als ich im August 1948 ein Damen- und Herrenmodegeschäft in der Wolf-Dietrich-Straße eröffnen und den Gewerbeschein auf diese Adresse ändern wollte, da war dieser plötzlich nicht mehr gültig. Was war geschehen? Ich musste mit den Mitbewerbern in der Umgebung übereinkommen, welche Waren ich führen dürfe und welche nicht, denn ich durfte für diese keine Konkurrenz sein – einen einzigen Artikel habe ich gefunden – sechseckige Eier – dafür gab es allerdings keinen Lieferanten.

Mein Geschäft ging gut, ich konnte durch Qualität und billige Preise viele Kunden gewinnen. Nach wenigen Jahren konnte ich bereits eine Filiale im Kongresshaus in der Rainerstraße eröffnen. Viele Kunden aus dem In- und Ausland kauften Lederhosen für Kinder. Die kleinste Größe dieser Lederhosen verkaufte ich um 25 Schilling. Bei diesem Preis hatte ich Schwierigkeiten mit der Gewerkschaft, diese stellte sich mit einer Stoppuhr neben eine Näherin und meinte, um diesen Preis können man keine Lederhose herstellen. Die Gewerkschaft hatte damals noch nicht die Erfahrung, Arbeitsvorgänge zu teilen und so die Arbeitszeit erheblich zu reduzieren.

Im Jahre 1977 ging ich in Pension. Ich stellte mir vor nun meine freie Zeit mehr dem Reisen zu widmen und vielleicht längere Zeit wieder in Italien zu verbringen. Ich wurde jedoch mit Fragen der Kultusgemeinde beauftragt und nach dem Tod des damaligen Präsidenten Ladislaus Friedländer wurde ich zum Vorstand gewählt. Ich war also wieder dort, wo ich nach meiner Wiedergeburt 1945 begonnen hatte. Es wartete Arbeit auf mich. Wie viel es werden würde, wusste ich damals nicht.

Für meine Lebensgeschichte während der NS-Zeit und die jüdische Religion interessierten sich immer mehr Personen. Das Unterrichtsministerium unterstützt den Geschichtsunterricht durch Vorträge von Zeitzeugen und so gehe ich seit Jahren an Schulen um junge Menschen für die Demokratie zu gewinnen. Viele Schulklassen kommen auch zu mir in die Synagoge, diese jungen Menschen sehen vermutlich zum ersten Mal eine Synagoge von innen.

Ich versuche und versuchte immer, Menschen denen es schlecht geht und ging zu helfen.

Ich schließe meine Vorträge immer mit dem Satz: “Die schlechteste Demokratie ist mir lieber als die beste Diktatur. In jeder Demokratie kann man auf die Minister, auf den Bundespräsidenten schimpfen und man kann weiterleben; in der Diktatur kann ein schlechtes Wort an den Hausmeister den Kopf kosten.”

 

Marco Feingold, Vorsitzender der IKG Salzburg