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Ausgabe 2/02


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„Vom Grossvater vertrieben, vom Enkel erforscht?“

Rede zur Eröffnung der Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Warum gibt es, habe ich mich gefragt, junge, nichtjüdische Österreicher, die zielstrebig auf österreichische Juden aus ihrer Großelterngeneration zugehen? Und weil mich diese Frage als nichtjüdischer, 1969 geborener Österreicher und Kurator am Jüdischen Museum Wien ebenso betrifft, habe ich die Chance genützt, einmal in selbstreflexiver Weise über jene Menschen zu arbeiten, die zwar nicht jüdisch sind, aber dennoch immer wieder die Nähe zu jenen Juden suchen, die einmal in Österreich gewohnt haben.

So wie die Gedenkdienstleistenden die Emigranten in New York zumeist zu Hause aufgesucht und interviewt haben, so bin auch ich im Frühjahr dieses Jahres in Wien von Wohnung zu Wohnung gegangen und habe die ehemaligen Gedenkdienstleistenden interviewt. Hinter meinen Fragen standen folgende hypothetische Fragestellungen: Warum bist Du nach New York gegangen? Warum haben Dir die Emigranten in diesem großen Maß vertraut? Warum fällt es Dir schwerer, deine eigene Familiengeschichte zu recherchieren als diejenige der vertriebenen Österreicher?

Ich möchte ihnen ein paar Ausschnitte aus den Interviews näherbringen, weil sie viel über diese spannenden Treffen erzählen. Wichtig war den New Yorker Gedenkdienstleistenden, sich in einer Stadt aufzuhalten, in der sie lebenden Zeugen der Geschichte begegnen würden. So hat ein ehemaliger Gedenkdienstleistender, dessen Aufenthalt in New York schon mehrere Jahre zurückliegt, gemeint: „Als Schüler hatte ich immer zwei Bilder im Kopf. Die marschierenden Soldaten und die Leichenberge. Juden waren eigentlich Leichen für mich. Die persönlichen Treffen und Auseinandersetzungen mit den Juden in New York waren für mich eine wahnsinnige psychische Befreiung. Bis heute weiß ich nicht genau warum, und möglicherweise steht da auch ein Trugschluss dahinter. Aber für mich waren diese Gespräche mit den realen Personen wie ein psychischer Durchbruch.“

Ich selbst konnte mich mit Aussagen wie dieser sehr identifizieren. Aber ich lasse hier die Zivildiener nochmals selbst zu Wort kommen, denn die Erzählungen von den Begegnungen lassen uns erahnen, wie wichtig und gleichzeitig auch schwierig sie sein konnten. So ist es beispielsweise alles andere als leicht, den Erfolg eines Gesprächs festzustellen.

„Ich war bei einem Mann“, erzählte ein anderer Zivildiener,“habe mein Interview begonnen und war nach zehn Minuten mit den Fragen durch, weil er zumeist nur mit ja oder nein geantwortet hat. Ich wusste schnell, dass das alles gewesen ist, was er sagen wollte und konnte, da habe ich mich bedankt und mich verabschiedet. Dann hat mich seine Frau noch aufgehalten und mich um eine Kopie des Bandes gebeten, denn er hatte weder ihr noch den Kindern jemals so viel aus der Zeit der Verfolgung und des Lagers erzählt.“

Die meisten Gespräche zwischen Zivildienern und Vertriebenen waren von großem Vertrauen geprägt. Durchaus überraschend, meine ich, und man kann sich berechtigterweise fragen, warum die Vertriebenen gerade jenen Menschen ihre Lebensgeschichte anvertrauen, die die Enkeln von denjenigen sein könnten, die sie vertrieben haben. Aber wir dürfen eines nicht vergessen. Viele Menschen meldeten sich nicht auf die erste Anfrage. Sie wollen nicht mehr von ihrer alten Heimat belästigt werden oder haben mit ihr ganz abgeschlossen, auch wenn sie es gegenüber den Zivildienern nicht artikuliert haben. Ausnahmen wie die folgende, bestätigen die Regel: „Einer erhielt von uns den Fragebogen und rief mich an“, erzählte ein Gedenkdiener, „dass er nicht am Projekt teilnehmen will. Und außerdem, das wolle er noch sagen, hätten die Amerikaner einen großen Fehler im Zweiten Weltkrieg gemacht. Sie haben die Atombombe auf Hiroschima und nicht auf Wien abgeworfen. Dann hing er ein und ich muss sagen, dass ich darüber froh war, denn ich wusste wirklich nicht, was ich darauf sagen sollte.“

Diese Aussage, die die Verletzung spüren läßt, die den Menschen vor 60 Jahren hier in diesem Land angetan wurde, blieb relativ einsam. In den Gesprächen, die ich mit den Zivildienern führte, kamen vielmehr die Gründe für die positiven Beziehungen zwischen jungen und alten Menschen zur Sprache.

Über einen New Yorker Gesprächspartner, mit dem sich ein Gedenkdiener nach dem Interview hin und wieder zum Mittagessen traf, sagte dieser: „Plötzlich ist da eine Form des Zusammenlebens entstanden, wie wenn man in einer Stadt schon sehr lange lebt und man seine Großeltern besucht.“

Ich selbst war von der Offenheit meiner Interviewpartner überrascht und angetan, denn es ging in unseren Gesprächen ja nicht nur um die Arbeit in New York, sondern auch um ihre eigenen Familien. So hat derselbe Zivildiener über das Verhältnis zu seinen eigenen Großeltern in Österreich erzählt, und diese Aussage gibt den Grundtenor der schwierigen innerfamiliären Gespräche wider: „Es ist schon interessant, wie die Kommunikation mit den Großeltern so verläuft. Die Großeltern haben natürlich das Jahr, das ich in New York war, mitverfolgt, sie haben von mir auch Arbeitsberichte, einfach so, ganz ohne Statement zugeschickt bekommen. Ich wollte sie einerseits informieren, was wir da so machen, und andererseits Reaktionen abtesten. Es ist aber leider kaum eine richtige Kommunikation darüber entstanden.“

Während also die Kommunikation über den Gedenkdienst in New York für die meisten mit den eigenen Großeltern unbefriedigend verlief, waren sich alle einig, dass ihre Eltern stets hinter ihnen standen, denn ohne die wäre der Aufenthalt in einer der teuersten Städte der Welt gar nicht möglich gewesen. Es ist zwar nicht angenehm, aber dennoch wichtig zu wissen, dass der österreichische Staat den Gedenkdienst im Ausland zwar unterstützt, er aber nicht genug zahlt, dass die jungen Leute in New York tatsächlich die Grundkosten abdecken können, und ich kenne nicht nur einen Zivildiener, der dort erst nach Monaten sein erstes Gehalt ausbezahlt bekam.

Lassen Sie mich noch kurz über Politisches sprechen, denn es war auch Ziel dieser Ausstellung, über dieses Projekt, das in Österreich kaum bekannt ist, zu informieren, damit in Zukunft mehr Mittel dafür zu Verfügung gestellt werden. Denn Gedenkdienst ist, und das habe ich im Laufe dieser Arbeit begriffen, eine Form der Auseinandersetzung, die nichts mit dem Aufpolieren des österreichischen Images im Ausland zu tun hat, auch wenn die Gedenkdiener im Lichte der Aussenpolitik immer wieder gerne so gesehen werden. Viel wichtiger erscheint mir die Arbeit nach innen. Gedenkdienstleistende sind aufgrund ihrer einzigartigen Erfahrungen in New York und in anderen Städten Multiplikatoren von menschlichen Erfahrungen, die ihnen die ganzen Widersprüche der österreichischen Geschichte vorgeführt haben, und die es ihnen auch ermöglicht, diesen Dialog nun in Österreich, wohin sie zurückkehren, fortzusetzen.

Deshalb, meine Damen und Herren, und hier komme ich zum Ende meiner Ausführungen, ist die Ausstellung „Vom Großvater vertrieben, vom Enkel erforscht?” auch eine wichtige Ausstellung für und in Österreich. Sie trägt den richtigen Titel in Form einer Frage, die der Ausstellung ein Forum bieten kann. Diese Frage „Vom Großvater vertrieben, vom Enkel erforscht?” ist absichtlich vollkommen undiplomatisch gestellt und fordert schon bis dato zu diversen Reaktionen heraus. Sie könnte aber auch jene ganz stille Frage sein, die sich eine Emigrantin oder ein Emigrant in New York selbst stellt, wenn er oder sie einen Anruf von einem jungen, nichtjüdischen Österreicher bekommt und zu einem Interview gebeten wird. Der Titel soll nicht unsere nichtjüdischen Vorfahren pauschal zu Tätern oder Kriegsverbrechern abstempeln. Wir verstehen ihn vielmehr als eine Aufforderung an die junge Generation, sich über die Geschichte der eigenen Familie klar zu werden, und neben dem begonnen Dialog mit den Vertriebenen auch das Gespräch mit den eigenen Großeltern über Geschichte und persönlich Erlebtes zu suchen. Ein Unterfangen, das manchmal frustriert und schwierig ist. In diesem Sinne danke ich allen, die an der Arbeit beteiligt waren. Es war ein besonders spannendes und ein besonders gruppendynamisches Projekt. Die, die mitgearbeitet haben, wissen wovon ich spreche. Herzlichen Dank.

 

Werner Hanak, Kurator des Jüdischen Museums Wien