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Ausgabe 2/02


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Telegramm

Die Verbrechen der Wehrmacht

 

Ende Juni fand eine von Gedenkdienst organisierte Führung durch die „neue“ Wehrmachtsausstellung statt. Im Vergleich zur ersten Ausstellung, so Katharina Wegan die uns herumführte, ist sie wesentlich wissenschaftlicher, weniger emotional. Ihrer Meinung nach sollte die zweite Ausstellung als „Ergänzung“ der ersten gelten.

Das Kernstück der Ausstellung - „Krieg & Recht“ - befasst sich mit den rechtlichen Grundlagen des Krieges und den Überschreitungen der Wehrmacht in Bezug auf dieses Recht. Das Kriegsrecht bot unter anderem Möglichkeiten zu Vergeltungsmaßnahmen, welche als Gewohnheitsrecht bezeichnet wurden.

So wurde jeder Kriegspartei zugestanden, zehn feindliche Soldaten für jeden eigenen getöteten Soldaten zu exekutieren. Jedoch wurde auf deutscher Seite, vor allem im Zuge des Partisanenkrieges am Balkan, von Österreichern das Verhältnis oft auf fünfzig bis hundert Personen ausgedehnt, wobei häufig auch Zivilisten hingerichtet wurden. Dieser Mißbrauch des Gewohnheitsrecht nimmt zum Teil den Völkermord vorweg.

Ein Beispiel für diese Vorgangsweise des deutschen Reichs sind die Vorkommnisse in der Stadt Pancevo, wo im April 1941 ein SS- Soldat erschossen wurde. Als Sühnemaßnahme wurde überall nach Waffen gesucht. Dort wo man welche fand, stellte man die männlichen Mitglieder der Familie bzw. des Haushaltes vor ein Standgericht. Die Angeklagten, in Summe 36, wurden ohne Verteidigung verurteilt und am Ort der Tötung des SS-Soldaten erschossen.

Eine weitere Überschreitung der Wehrmacht ist die Behandlung von Soldaten der roten Armee als Partisanen. Partisanen werden laut Kriegsgesetz per se als Kriegsverbrecher definiert. Die Wehrmacht verschlechterte damit die Position der Soldaten.

Das Unternehmen „Barbarossa“ hatte keinen territorialen, sondern einen ideologischen Hintergrund. Beispiele dafür sind der Gerichtsbarkeitserlaß, die Strenge gegenüber den Gegnern und die Freistellung von Kriegsverbrechen auf deutscher Seite. Dafür war aber die Aufhebung des ratifizierten internationalen Kriegsgesetzes notwendig. Ein weiteres Beispiel für die Aufhebung von rechtlichen Grundsätzen war der Befehl bis in den Tod weiter kämpfen zu müssen.

Es gab viele Absprachen zwischen Wehrmacht und SS. So hatte die Wehrmacht die gesamte Logistik für die SS inne.

Prinzipiell führten Angehörige der SS Erschießungen durch, oft nahm aber auch die Wehrmacht daran teil.

An Hand dieser Fakten und Beispiele versuchte die Ausstellung den oft bestrittenen Zusammenhang zwischen Wehrmacht und SS darzustellen und weiters auf die Verbrechen der Wehrmacht hinzuweisen.

Der Ausschnitt „Krieg & Recht“ sollte dazu exemplarisch dienen, jedoch war dies natürlich nur ein Teil der Ausstellung, welche so umfassend ist, dass der Rahmen einer Führung nicht ausreicht.

Neben der oben erwähnten Bereiche der Ausstellung gab es noch einen Teil, welcher sich „Handlungsspielräume“ nannte. Dieser Bereich stellte Einzelschicksale von Wehrmachtsangehörigen dar. Information wurde hauptsächlich audiovisuell vermittelt.

Es wurde gezeigt welchen Handlungsspielraum ein Soldat der Wehrmacht eigentlich hatte. So reichten die Schicksale von der blinden Befolgung von Befehlen bis zur Weigerung bzw. nichtordnungsgemäßen Ausführung ebendieser, was einigen Menschen das Leben rettete.

Der größte Kritikpunkt ist wohl, dass der Österreichbezug zu wenig dargestellt wird, obwohl viele Verbrechen der Wehrmacht von Österreichern begangen wurden.

So besteht noch für viele Besucher der Ausstellung zu Unrecht die Unterscheidung zwischen österreichischen und deutschen Soldaten, da es diese in der Wehrmacht nicht gab. (ar)

 

Vier Tage Untergrund

 

Von 2. bis 5. September lud der Verein Gedenkdienst zu einer Studienfahrt `Underground ´ nach Warschau. Eine Gruppe von 14 jungen ÖsterreicherInnen und Deutschen beschäftigte sich während dieser Zeit mit Geschichte und Gegenwart der polnischen Hauptstadt. Das Jüdisch-Historische Institut, der Arbeitsort der Gedenkdienstleistenden in Warschau, diente uns als Ausgangspunkt für Führungen durch Ghetto und die wiederaufgebaute Altstadt. Im Umkreis der Stadt besichtigten wir die Kleinstadt Tykocin als Beispiel für katholisch-jüdisches Zusammenleben vor dem Krieg und das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers in Treblinka.

Ihren Abschluss fand diese Reise mit einer Einladung ins Österreichische Kulturforum, wo wir mit einer deutschen Journalistin und polnischen StudentInnen über die Brüche im Geschichtsbild rund um Jedwabne diskutierten.

Trotz des dichten Programms, das manchmal auch das ansonsten recht harmonische Gruppenklima belastete, blieb Zeit für Einblicke in die Warschauer Jugendkultur, einen Besuch am größten Freiluftmarkt Europas und andere Untergründe. (mr)

 

Das letzte Kaptitel - Der Mord an den ungarischen Juden

 

Auf etwa 450 Seiten, die kürzlich in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen sind, beschreiben Christian Gerlach und Götz Aly die Deportation der ungarischen Juden, die Vorgeschichte dieser bis zur Besetzung Ungarns durch die Deutschen 1944, sowie die politischen Zusammenhänge dieser Zeit.

In diesem Buch wird auf interessante Weise der Frage nachgegangen, wie es ein Jahr vor der Niederlage des Deutschen Reichs dazu kommen konnte, dass innerhalb weniger Wochen 400.000 Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Die Beschäftigung mit den ökonomischen Überlegungen der Täterseite werden nicht zuletzt durch die journalistischen Fähigkeiten der Autoren in ihrer Bedeutung hervorgehoben und klar verständlich gemacht. Damit geben sie einen Einblick in die mit Fakten gefüllten Unterlagen, die sie in langer Arbeit aus verschiedenen Akten der deutschen Besatzer und Zeitzeugenberichte gesammelt hatten, und nun im Buch verwenden. Dadurch wird ein wirklich lesenswertes Ergebnis erzielt, das absolut empfohlen werden kann. (ws)

 

Christian Gerlach/Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, München 2002.