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Ausgabe 3/02


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Kommentar und Editorial

„Jenseits des Schlussstrichs“

Was soll das Gerede um einen „Schlussstrich“? Was ist zu tun, wenn es gilt eine Debatte „jenseits des Schlussstrichs“ zu führen? Reagierten die politisch Verantwortlichen in diesem Land adäquat auf diese Frage?

Eine Frage, die sich aus der Diskussion um die österreichische nationalsozialistische Vergangenheit wohl schwerlich wegdenken ließe, wird doch immer wieder die Forderung erhoben, man möge einen „Schlussstrich“ unter „dieses Thema“ ziehen.

Einen Hinweis auf die Beantwortung mag der Fragebogen geben, den GEDENKDIENST vor der Nationalratswahl an die Spitzenkandidaten der Parlamentsparteien mit der Bitte um eine schriftliche Stellungnahme versendete. Unsere Fragen zielten ab auf Themenkreise, die die Arbeit von GEDENKDIENST betreffen, und so wurde da unter anderem auch um eine persönliche Meinung zur sogenannten „Schlussstrichdebatte“ gebeten.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel beantwortete diese beispielsweise so: „Die ÖVP hat in ihrer Regierungsarbeit bewiesen, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit besonders wichtig ist. […] Die ÖVP hat somit auch gezeigt, dass ein „Schlussstrich“ der falsche Weg ist, dieses Thema zu behandeln.“

Spätestens seit der Affäre um den österreichischen Ex- Bundespräsidenten Kurt Waldheim kann man annehmen, dass die Forderung nach einer adäquaten Aufarbeitung der NSVergangenheit und das damit verbundene Schuldeingeständnis anstelle eines „Schlussstrichs“ innerhalb der österreichischen Parteienlandschaft konsensfähig geworden ist. Das ist unbestritten eine positive Erscheinung. Absurderweise scheint jedoch gerade dieser Minimalkonsens für die Kanzlerpartei Argument genug sein, jedwede weitergehende Diskussion im Keim zu ersticken zu erlassen, denn die Tatsache, „dass ein „Schlussstrich“ der falsche Weg ist“, ist ja ohnehin bekannt.

Reicht aus, um sich lästige Erklärungen zu den antisemitischen Kommentaren des Oppositionspartners zu ersparen. Genügt, um sich zur revisionistischen Rede eines Volksanwalts über die Befreiung Österreichs nicht weiter äußern zu wollen. Alles was, dazu notwendig zu sagen wäre, gilt dem Kanzler als bereits formuliert. Damit verlieren all jene ihre Legitimität, die diesen Stil kritisieren suchen, hier gibt es ja nichts anzukreiden.

Was ist zu tun, wenn es gilt eine Debatte „jenseits des Schlussstrichs“ zu führen?

Auf diese Frage gibt es scheinbar lauter gleiche Antworten (ein Umstand, den auch unsere Befragung verdeutlichte), die für den Kanzler weiterführende Diskussionen obsolet erklären.

Sollte doch einmal einer jener „Ewiggestrigen“ zu einer anderen Antwort finden, genügt es auf den Satz vom nicht zu ziehenden „Schlussstrich“ zu verweisen ohne die daraus erwachsenden Konsequenzen mittragen zu wollen.

„Die ÖVP hat somit auch gezeigt, dass ein „Schlussstrich“ der falsche Weg ist, dieses Thema zu behandeln.“

Was ist zu tun, wenn es gilt eine Debatte „jenseits des Schlussstrichs“ zu führen?

Ist es da wirklich genug immer wieder auf das verabschiedete Entschädigungsfondgesetz für Ns-Zwangsarbeiter zu verweisen, noch dazu, da dieses jahrzehntelang überfällig war?

Ist es denn wirklich zuviel verlangt, in der Beantwortung dieser Frage mehr als ein Schuldeingeständnis zu suchen?

Geht es nicht vielmehr auch auf politischem Weg zuletzt darum, neue Diskurse zu erschließen suchen, um das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auch in die jüngere Generation zu tragen?

Fragen über Fragen, bei denen man den Eindruck gewinnen könnte, dass der Bundeskanzler wie die letzte Bundesregierung keine Antwort auf sie zu formulieren wünschte.

Aber vielleicht mag ja die Entscheidung über die Finanzierung von Projekten wie GEDENKDIENST die Frage erhellen, wie ernst es einer zukünftigen Regierung, allen voran Bundeskanzler Schüssel, mit einer tatsächlichen Debatte um die nationalsozialistische österreichische Vergangenheit ist.

 

Florian Huber, Student der Philosphie und der Judaistik

 

 

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Das Jahr 2002 war für GEDENKDIENST bis jetzt ein erfolgreiches Jahr. Gerade hat uns die Nachricht erreicht das das Buch „Jenseits des Schlussstrichs. Gedenkdienst im Diskurs über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit“ mit dem Bruno-Kreisky Förderungspreis für das politische Buch 2002 ausgezeichnet wurde!

Diese Auszeichnung ist insbesondere eine Anerkennung für die Leistung der Herausgeber, die es geschafft haben auf knappen 330 Seiten die Aktivitäten und Entwicklungen in der 10-jährigen Geschichte von GEDENKDIENST in den Kontext des internationalen und nationalen Diskurs um Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit zu stellen.

Das Buch können Sie bei Gedenkdienst um € 25 bestellen.

Über die 10-Jahres-Aktivitäten haben wir in der letzten Nummer ausführlich berichtet. In der nun vorliegenden Ausgabe finden Sie noch eine „Nachlese“ zur Tagung im Mai. Judith Pfeiffer hat die Podiumsdiskussion der jungen Gedenkdienstleistenden zusammengefasst. Dabei wurde der Fragenkomplex erörtert, ob es in der jungen Generation einen anderen Zugang zur Fragen der „Schuld“ und der „Verantwortung“ gibt und was junge Leute dazu motiviert einen Gedenkdienst an Holocaust- Gedenkstätten abzuleisten.

In der ersten Ausgabe von GEDENKDIENST 2002 haben wir eine Unterschriftenkampagne zur Benennung einer öffentlichen Verkehrsfläche nach dem österreichischen Gerechten Anton Schmid gestartet. Mittlerweile wurde im 2. bzw. 20. Bezirk eine „Anton Schmid Promenade“ nach ihm benannt. Damit ehrte die Bezirksvertretung einen der bedeutendsten österreichischen Gerechten. Christine M. Papst und Manfred Wieninger, auf deren Initiative die Benennung zurückging und die an einem Buch über Schmid arbeiten haben für diese Ausgabe eine Biografie verfasst.

 

Eine interessante Lektüre wünscht Ihnen

 

Christian Klösch, Obmann Verein GEDENKDIENST