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Ausgabe 3/02


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Gedenken in der dritten Generation

Motivation und Sinn von Erinnerungsarbeit an Holocaustgedenkstätten - Eine Podiumsdiskussion

 

Günther Sturm: Beginnen möchte ich gleich mal, indem ich meine eigene Glaubwürdigkeit in Frage stelle: Ich bin hier nicht die dritte Generation. Ich bin nur ein Teil, eine Minderheit, die ich hier vertrete, und die dritte Generation ist vielleicht ein guter Freund von mir, der zu Hause sitzt und mir regelmäßig vorwirft, du beschäftigst dich nur die ganze Zeit mit dieser Scheiße, das ist doch alles über fünfzig Jahre vorbei und mach doch was anderes. Was soll ich erzählen? Ich erzähl einmal was aus meinen Erfahrungen während der 14 Monate. Ich beginne mit dem Punkt 3. Generation: Ich bin vom biologisch zeitlichen her tatsächlich die dritte Generation. Meine Großeltern waren im Krieg, die Großmütter waren es nicht, mein väterlicher Großvater war auch nicht im Krieg, nur ein einziger Großvater; und von diesen Großeltern sind drei gestorben, bevor ich auf die Welt gekommen bin. Reingewachsen bin ich in die Thematik eher über Zeitzeugen, ich habe einige im Rahmen von Mauthausen- Gedenken kennen gelernt, in meiner Heimatstadt Vöcklabruck hat es ein Konzentrationslager gegeben und da war so eine Gruppe von Franzosen, die ist jedes Jahr hierher gekommen und irgendwie bin ich dann zu der Gruppe gestoßen und hab dann zwei dieser älteren Herren, das waren damals schon ältere Herren, einfach adoptiert und an Großvaters statt angenommen und hab die dann regelmäßig besucht und hab mir auf diese Weise meine Großeltern wieder geholt. Ich bin durch sie sehr direkt in die ganze Geschichte reingewachsen. Schuld hab ich nie gefühlt, fühle ich auch jetzt nicht, aber durch diese Leute hab ich die Verantwortung irgendwie mitbekommen. Sie wollten das weitergeben und ich habe das aufgenommen. Wir haben diese Gedenkdienst-Tagung im Rahmen dieser Generationendiskussion und Generationen beinhalten für mich immer so etwas, dass eine Generation lebt, etwas erlebt und zu einem gewissen Zeitpunkt sieht die Generation, es ist Zeit für etwas Neues und sie gibt dann das ab an die nächste Generation. Zumindest stelle ich mir das so vor. Jetzt ist es aber so, dass diese zweite Generation noch gar nicht daran denkt, das Thema abzugeben. Die, die jetzt darüber schreiben, sich ihre Pfründe erwirtschaftet haben, sich Wissen, ein gigantisches Wissen über das dritte Reich sich angelesen haben. Ihr von der zweiten Generation, ihr werdet es nie aufgeben, dieses Thema. Aber ich glaub, wir von der dritten Generation sind auch nicht auf den Kopf gefallen.

Florian Huber: Die Motivation ist bei mir immer da gewesen und je mehr ich darüber nachdenke, was die Motivation denn genau sein kann, weil es eben kein Selbstzweck sein kann, Gedenkdienst zu machen, merke ich, dass die Familie doch sehr wichtig für mich war. Das klingt jetzt wahrscheinlich komisch, ich denke mir, dass es bei den meisten eher so ist, dass es in Opposition zur Familie passiert, dieses Gedenken, aber eigentlich fühle ich mich gar nicht zugehörig zur dritten Generation. Meine Großeltern waren viel zu jung im Krieg, um irgendetwas mitbekommen zu haben. Ich hab mir einmal gedacht, meine Eltern haben mir da sehr viel mit gegeben, da war die Auseinandersetzung immer schon da, dass da in Österreich zu wenig passiert, dass es vielleicht zu wenig ist, oder dass es ganz sicher zu wenig ist, dass etwas passieren muss über dieses Schuldeingeständnis hinaus. Bei einem Gedenken war für mich diese Zugehörigkeitsgefühl immer sehr wichtig. Nachdem ich aber jung bin, hab ich mich nie irgendwo zugehörig gefühlt, weder zu den Opfern noch zur Täterseite. Eine wichtige Motivation für mich war sicherlich, Dinge, die sehr abstrakt sind, und die mir eigentlich bereits relativ bekannt waren aus Geschichtsbüchern, kennen zu lernen, in Kontakt zu kommen mit Zeitzeugen und andere Perspektiven kennen zu lernen. ich habe während meines Gedenkdienstes in Theresienstadt ganz verschiedene Generationen kennen gelernt, die verschiedenen Zugänge zu der Thematik haben, ich habe gesehen, dass es Familien gibt, in denen das anders funktioniert, dass Leute unterschiedliche Motivationen haben, einen solchen Ort zu besuchen, das hat mir sehr geholfen eine Orientierung zu finden. Einer der schwierigsten Punkt in Theresienstadt war für mich sicherlich einzusehen, dass sich nicht alle „bekehren“ lassen, dass eben nicht alle wissen wollen was passiert ist. Zu sehen, dass man nur jene unterstützen kann und soll, die wirklich daran interessiert sind etwas zu ändern und ihnen auch zu zeigen, dass das, was sie tun gut und wichtig ist, daraus entsteht ganz einfach eine gewisse Zugehörigkeit.

Sebastian Holzer: Zu meiner Motivation möchte ich vielleicht kurz einmal ausholen... Ich komme ursprünglich aus Kärnten, war bis zu meinem zwölften Lebensjahr dort, das erwähne ich deshalb, weil meine Umgebung, meine Großmutter mit der ich auch gelebt habe, alle sehr nationalsozialistisch eingestellt waren und gedacht haben. Der Grundtenor war, es war ja auch vieles gut damals, etc. Ich bin dann nach Wien gekommen, hab begonnen nachzudenken, mich für die Thematik, für den Holocaust zu interessieren. Ich bin dann einmal zu Gedenkdienst gegangen und hab gesehen, dort kann ich mich weiter informieren, das ist offen, das ist kritisch, bin nach Auschwitz gefahren auf eine Studienfahrt, nach Theresienstadt und erst später hab ich mir gedacht, ha das wär doch was – Gedenkdienst – was ich auch machen könnte. Das Anne Frank Zentrum in Berlin ist kein historischer Ort und ich glaube, das verändert sehr viel; auch im Zugang zu den Jugendlichen und wie man mit ihnen umgehen kann. Vielleicht noch ganz kurz zur Schuldfrage, das hab ich nie gespürt, die einzigen zwei Erfahrungen, die ich gemacht habe, wo ich so etwas wie Schuld gespürt hab, so ein komisches Gefühl Österreicher zu sein, waren zu einen auf der Studienfahrt in Auschwitz und vor kurzem als ich in London war, im Imperial War Museum. Ich bin dort gestanden, rund herum nur Engländer, die alle die Übersetzungen gelesen haben. Ich war der einzige, der direkt auf den Hitler gesehen hat, weil er eh alles verstanden hat. Ich hab mich sehr unangenehm berührt gefühlt.

Christian Klösch: Danke, Stefan arbeitet in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz...

Stefan Schmid: Ganz kurz formuliert... Hauptaufgabe ist es Gruppen zu betreuen, also organisatorisch, inhaltlich und pädagogisch soweit es in meinen Möglichkeiten liegt. Zur Frage Gedenkdienst... ich kann da keine spannende Geschichte bieten. Ich stehe genauso wie Christian zwischen zwei Generationen, nur eben eine später als er. Also ich fühle mich politisch schon der dritten Generation zugehörig, aber de facto bin ich diesbezüglich vierte Generation. Wo aber dann doch eine Verbindung zum Thema da ist, das ist bei mir über den Begriff Tätergesellschaft. Das beantwortet vielleicht auch die Schuldfrage. Also ich hab kein Schuldgefühl, hatte nie ein Schuldgefühl, aber ich bekenne mich in dem Sinn klar zur Tätergesellschaft, als dass es für mich heißt, dass Menschen von dem geprägt werden, was um sie herum ist. Auch in späterer Zeit, auch Waldheim, auch Vranitzkys große Rede, mit zehn Jahren hat mich die auch nicht wirklich berührt, das heißt mein Zugang zum Thema war von vornherein ein anderer, nämlich gerade dieser, der in den letzten Tagen mit kulturellem Gedächtnis oder Universalisierung beschrieben wurde. Ich setze mich eigentlich mehr mit der Geschichte der Auswirkungen des Holocausts, des Zweiten Weltkrieges auseinander, als mit dem Ereignis selbst. Ich arbeite nicht in irgendwelchen Archiven, ich arbeite eigentlich überwiegend mit Vertretern der Dritten Generation.

Stefanie Lucas: Ich habe einen etwas anderen Zugang zu Gedenkdienst gehabt, einen mehr pragmatischen Zugang. Wahrscheinlich geht es einigen Leuten so, die zum ersten Mal etwas von Gedenkdienst hören, das erste was ihnen einfällt: „wow Ausland...“ Das merke ich bei meiner Arbeit, weil ich direkt mit Neuinteressenten zu tun habe. Wir haben viele Anrufer, die sich absolut keine Vorstellungen davon machen, was das eigentlich ist. Und natürlich war das auch so was das EVS-Programm angeht: eine gute Möglichkeit finanziert von der Europäischen Union einmal im Ausland tätig zu sein. Das Thema hat mich soweit angesprochen, als dass es in meiner Familie nie besprochen wurde. Während der Schule wurde Holocaust mehr als Thema abgearbeitet. In meinem Ort, ich komme aus Sachsen-Anhalt, sind zu Ende des Krieges Häftlinge, die durch Deutschland „gewandert“ sind, quasi in eine Feldscheune reingequetscht worden, die ist dann angezündet worden und 1.200 Leute sind dabei getötet worden. Und das lastet meinem Ort auch an. Es ist erstaunlich wie damit umgegangen wurde, ich habe einen Großteil meiner Kindheit in der DDR verbracht und da war es so, dass jedes Mal zu 1. Mai oder 7. Oktober die gesamte Schule da hingeschickt wurde. Die meisten hatten gar keine Ahnung, was da eigentlich passiert ist. Nach der Wende als dieser „Termin“ dann irgendwie abgeschafft wurde, ist aufgefallen, dass auf einmal keiner mehr da ist, der sich dafür interessiert. Es ist damals zu DDRZeiten so hochstilisiert worden, die antifaschistischen Opfer und Juden wurden nur am Rande thematisiert. Jetzt machen sie genau die Umkehrung und „Juden hauptsächlich Opfer“ und die anderen Opfergruppen werden quasi nicht angesprochen.

Christian Klösch: Danke für diese Statements. Ich hoffe es ist jetzt ein bisschen begreifbar, welche verschiedenen Zugänge man bei Gedenkdienst haben kann oder welche sehr persönlich gefärbte Zugänge... Gibt es jetzt ad hoc Fragen dazu?

Ruth Beckermann: Ich möchte was dazusagen. Mich hat es die letzten eineinhalb Tage gewundert, wieso ihr eigentlich keine Schuld bei den Leuten, die da am Podium irgendetwas dahergeredet haben, gefunden habt. Das heißt wieso ihr diese zweite Generation – wenn man so will – nicht irgendwie mit eurem Ansatz oder eurer Sichtweise konfrontiert oder analysiert, was sie daher reden.

Günther Sturm: Das hängt vielleicht auch mit dem Alter zusammen. Wir werden natürlich in unserer Funktion als Gedenkdienstleistende kritisch geschult, aber wir sind noch nicht so weit, dass wir jetzt in diesem sehr formellen Rahmen Kritik formulieren. Zum inhaltlichen: Wie soll man jemanden kritisieren, der sagt, dass Auschwitz schlecht war? Wenn man älter wird geht es leichter, da weiß man mehr, traut sich eher Dinge zu hinterfragen. Ich glaube, das hängt mit der Zeit zusammen, man muss uns Zeit geben…

Sepp Teichmann: Aus meiner persönlichen Sicht ist diese Frontlinie zwischen zweiter und dritter Generation auch eine, die es eigentlich kaum gibt, oder die man sehr wenig wahrnimmt in intellektuellen Diskussionen. In Österreich verläuft die Frontlinie ganz woanders. Es sind die nicht aufgeklärten Teile der zweiten und dritten Generationen, wo wir uns auseinandersetzen, wo es wirklich zu Streitigkeiten kommt. Diese Fragestellung zwischen zweiter und dritter Generation, ob jetzt eher Schuld oder ob Faschismus – Kapitalismus oder nicht ist schon ein bisschen ein Nebenschauplatz kommt mir vor. Mein Bedürfnis ist es eher Anregungen zu finden, um in Diskussionen wo die wirklichen Probleme liegen, sich mit dem auseinander zu setzen. Ich sehe es ist eine sehr kleines Boot aufgeklärter Leute, und da sitzen Leute aus der zweiten und dritten Generation drin.

Stephan Roth: Ich sehe das ganz ähnlich wie der Sepp, mit den Leuten aus der zweiten Generation, die jetzt nicht am Podium sitzen, verbindet uns sehr viel, mehr als mit irgendjemand anderem. Also ich sehe das Problem aus meiner Geschichte eher, mit meinen Eltern darüber zu streiten, mit meinen Großeltern darüber zu streiten. Das ist viel mehr eine Geschichte, die ins Private hineingeht. Das was hier abläuft ist eine Familie von Gleichgesinnten, wo das, was man privat oder nach außen irgendwie sich erst erkämpfen muss, wo man hier Verständnis dafür bekommt.

Ruth Pleyer: Ist es nicht so, dass jede Generation einen eigenen Bewältigungsmechanismus finden muss? Ich glaube, man kann nicht erwarten von seinen eigenen Eltern, dass sie die Dinge so machen wie man selbst. Ich glaube, also meine Eltern sind beide um das Jahr 1940 geboren, also kurz vor 1940 und wenn ich in der Zeit aufgewachsen wäre, in der Atmosphäre, in der sie aufgewachsen sind, in diesem österreichischen Nachkriegszustand, wo geschwiegen wurde, über diese Zeit nicht gesprochen wurde, dann ist das viel, wenn diese Eltern irgendwann zwischen 1970 und 2000 einmal selber nach Mauthausen gefahren sind, dann ist das schon eine große Leistung. Ich hingegen, die ich dreißig Jahre später geboren bin, habe es viel einfacher, einen lockerern Zugang zu finden.

Christian Schneider: Wenn man es bösartig fassen will, und dafür bin ich ja Spezialist, könnte man ja auch sagen, die dritte Generation macht den Aufstand nicht, weil sie gar nicht da ist. Also weil, ich will daran erinnern, dass in den fünf Statements, die Sie abgegeben haben, drei von Ihnen gesagt haben: „Ich gehöre nicht der dritten Generation an.“ Das kann man natürlich zur Kenntnis nehmen, aber das ist natürlich ein interessantes Faktum, wenn ein Podium von Leuten, wo man sagen muss vom Lebensalter her und auch von der Erfahrung her, wäre das soziologisch absolut zwingend zu sagen, wir sind dritte Generation, und Sie sagen: „Nee, will ich gar nicht.“ Und Sie haben alle unterschiedliche Gründe dafür angegeben, und Sie sind nicht die einzigen, also ich habe auf der Tagung mit mehreren gesprochen, die auch irgendwie sich ganz stark dagegen gewehrt haben „Ich bin nicht dritte Generation“. Und das Motiv, das mir nur ganz naiv als erstes dazu eingefallen ist, ist, dass es ganz komisch ist, in diesen Kasten gesteckt zu werden. Damit geht auch so eine Art Labelling einher, dass ganz bestimmte Ansprüche verbunden sein sollen.

Sepp Teichmann: Es geht weniger um mich, es geht eher um die Situation, dass sozusagen die dritte von der zweiten Generation entlassen wird. Man muss sozusagen immer wieder von vorne anfangen. Die Probleme sind ähnlich oder konstant, und haben ähnliche Ausgangspositionen, natürlich gibt es Unterschiede, mitunter schon große Unterschiede, wenn man sich ansieht, was sich in den 60er Jahren getan hat gegenüber heute...

Ruth Pleyer: Also ich bin erstaunt zu hören, dass man an irgendetwas nicht herangelassen wird, ich finde es gibt Arbeit genug für alle und ich glaube es ist jeder froh, wenn irgendjemand anderer ihm etwas abnimmt. Ich habe immer den Eindruck gehabt, ich kämpfe ziemlich allein auf weiter Flur und war immer über jeden froh, der auch dabei war, und habe nie das Gefühl gehabt, dass eine andere Generation da sitzt und mich nicht zu den Deportationslisten lässt. So war es nicht.

Günther Sturm: Diese gibt es meines Erachtens schon. Sicher, die zweite Generation, Teile der zweiten Generation, haben mit ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung sehr viel geleistet. Aber ich habe FreundInnen in meinem Bekanntenkreis, wenn ich denen sage ich mache Gedenkdienst, die schauen mich nur groß an. Und es sind neue Fragen, ich muss denen nicht erklären, was der Unterschied zwischen Shoah und Holocaust ist, und wenn sie den falschen Begriff in einer Gruppe verwenden, dass sie dann zerrissen werden. Ich muss ihnen ganz andere Sachen verkaufen, und dass sehe ich in der zweiten Generation nicht, dass sie sich mit diesen Themen beschäftigen und das ist ein Thema, mit dem wir uns jetzt beschäftigen müssen, und das heißt nicht, dass die zwei Generationen gegeneinander sind. Es gibt Leute mit 87 Jahren, KZ-Opfer, die heute noch gemeinsam mit uns das gleiche Ziel verfolgen, jenes Ziel, das uns verbindet, wie wir alle gesagt haben, viel mehr als es uns trennt. Aber das ist ein neuer Ansatz, der gar nicht so neu ist, über den wir gemeinsam nachdenken müssen.

 

transkribiert von Judith Pfeifer

gekürzt und adaptiert von Matthias Kail