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Ausgabe 3/02


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Feldwebel Anton Schmid

Ein Retter aus Wien

 

Auf dem Soldatenfriedhof im Vingio-Park in der litauischen Hauptstadt Vilnius (Wilna) wurden zwischen Juni 1941 und Juli 1944 rund 2.000 deutsche Wehrmachtsangehörige begraben. Nur ein Feldwebel, der 1942 im damaligen Wilna ums Leben gekommen ist, wurde nicht im Kreis seiner toten Kameraden bestattet, sondern am Rand eines Zivilfriedhofes im Wilnaer Stadtteil Antakalnis in eine Grube geworfen und verscharrt. Die Grabstelle dieses Mannes, der sehr einsam gestorben ist, wurde nicht gekennzeichnet. Im Herbst 1965 fuhren seine Witwe und seine Tochter gemeinsam mit Simon Wiesenthal ins sowjetische Wilna, um seine letzte Ruhestätte zu finden. Sie suchten zwei Tage lang und fanden nicht mehr vor als einen jungen Wald, Gebüsch und Sand.

Anfang nächsten Jahres wird die israelische Stadt Haifa einen Platz nach diesem deutschen Unteroffizier benennnen und Beamte des litauischen Kulturministeriums sowie Wissenschaftler des Jüdischen Museums in Wilna suchen derzeit gemeinsam nach seinem Grab, von dem man nur weiß, daß die Erkennungsmarke dessen, der darin liegt, 898 12 lautete.

Der Mann, der mehr als 59 Jahre nach seinem Tod solche Aktivitäten auslöst, war ein ‘echt’s Weana Kind’ und hieß Anton Schmid. Am 25. Februar 1942 wurde er vom Kriegsgericht der Wehrmachtsfeldkommandantur 814 in Wilna wegen der Rettung von über 300 jüdischen Ghettogefangenen zum Tode verurteilt und am 13. April 1942 um 15 Uhr im Militärgefängnis Stefanska erschossen.

1967 wurde Schmid posthum mit einer der exklusivsten Auszeichnungen der Welt, nämlich mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt. Am 8. Mai des Vorjahres hat Deutschlands Verteidigungsminister eine Kaserne nach ihm benannt und damit versucht, der Traditionspflege der Bundeswehr eine neue Richtung zu weisen. Überlebende Wilnaer Juden haben den Feldwebel als „Heiligen“ bezeichnet. Grund genug vielleicht, sich zu fragen, wer dieser Anton Schmid eigentlich war?

„Auf alle Fälle war der Herr Schmid ein herzensguter Kerl, und er war auch ein herzensguter Kerl während der Hitler-Zeit“, der heute Fünfundsiebzigjährige erzählt uns mit Tränen in den Augen, wie Schmid seine Menschlichkeit in der Zeit der Unmenschlichkeit bewies, „Auf der Ecke Pappenheimgasse / Klosterneuburgerstraße war eine Bäckerei einer Jüdin, einer gewissen Tobor. Wie der Hitler da war, ist einer zu der Bäckerei hingegangen, ein so ein Nazi-Bua, und hat die Auslage eingehaut, und der Schmid ist dazugekommen und hat das gesehen und hat ihm ein paar Watschen runtergehaut. Auf das hinauf ist ein Wachmann gekommen - auf dem Pferd, damals hat es ja noch berittene Polizei gegeben - und hat den Schmid mit dem Säbel angreifen wollen, und der Schmid hat den Säbel genommen und hat ihn so abgebogen“. Unser Gewährsmann, der das heute noch aus dem Blickwinkel eines damals wohl sehr aufgeregten Halbwüchsigen erzählt, macht mit beiden Armen eine Bewegung, als würde er einen Expander abbiegen, „Auf das hinauf haben sie ihn in die Pappenheimgasse auf das Kommissariat geführt...“

Mitten in Hitlers Wien war da offenbar einer ganz anders - Wie sieht die Geschichte eines solchen Mannes aus?

Geboren wird Anton Schmid am 9. Jänner 1900 in Wien als Sohn eines Bäckergehilfen. Über seine wahrscheinlich eher ärmliche Kindheit wissen wir so gut wie nichts. Erst am 17. Oktober 1914 wird Anton Schmid biographisch wieder faßbar. An diesem Tag tritt er nämlich in der Wiener Telegraphenzentralstation seinen Dienst als Telegraphenjunge an. Anfang Juli 1918 wird er zum Militärdienst in das k. k. Schützenregiment Nr. 1 einberufen und macht schwere Kämpfe und schließlich den Rückzug an der italienischen Front mit. Im Juni 1919 scheidet er durch Verzicht aus dem Postdienst aus. Die Gründe hierfür sind uns unbekannt, ebenso wie der weitere Lebensweg des jungen Schmid bis 1926, als er das Gewerbe des Handels mit technischen und elektrotechnischen Bedarfsgegenständen anmeldet. Er eröffnet in der Spaungasse in der Arbeitervorstadt Brigittenau ein kleines Geschäft, das er einige Jahre später in die Hauptstraße dieses Grätzls, in die Klosterneuburger Straße, verlegt. Neben elektrischen Kleinteilen verkauft Schmid auch Radios und Fotoapparate, er entwickelt Filme und repariert Radios und elektrische Hausanlagen. Ende der dreißiger Jahre beschäftigt er bereits drei Mitarbeiter, zwei davon sind Juden.

 

Der Gerechte von Wilna

Am 22. Juni 1941 beginnt Hitler den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Schon am 24. Juni marschieren die ersten deutschen Einheiten in Wilna, der ehemaligen Hauptstadt der von den Sowjets ein Jahr zuvor annektierten Republik Litauen, ein. Bereits in den allerersten Tagen beginnen die deutschen Besatzer im Baltikum, insbesondere die berüchtigte Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD, unterstützt von vielen einheimischen Kollaborateuren, den Holocaust.

Wilna war seit Jahrhunderten - auch geistig - eines der wichtigsten Zentren des europäischen Ostjudentums, rund vierzig Prozent seiner Bevölkerung war jüdisch, alles in allem etwa 60.000 Menschen. Fast ein Drittel davon überlebt die ersten Pogrome nicht. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Im Juli 1941 errichtet die deutsche Besatzung im Wilnaer Außenbezirk Ponary „einen der größten Judenschlachthöfe Europas“, so der polnische Schriftsteller Józef Mackiewicz. Vom 31. August bis 2. September werden die rund 3.700 Bewohner des historischen jüdischen Viertels von Wilna zusammengetrieben, in das Lukischki-Gefängnis gepfercht und dann vom Einsatzkommando 3 und von litauischen Kollaborateuren in Ponary erschossen. Am 6. September 1941 werden die verbliebenen Juden aus zwei von insgesamt drei Wilnaer Rayonen, in die das Stadtgebiet von den Schreibtischtätern des Gebietskommissariates eingeteilt worden ist, in zwei winzigen, umzäunten Ghettos im Areal des durch Massenvernichtung geräumten, alten Judenviertels erbarmungslos konzentriert. Die jüdische Bevölkerung des dritten Rayons wird in den nächsten Tagen in Ponary ermordet.

In den nächsten Wochen und Monaten werden die Ghettobewohner durch immer neue ‘Aktionen’ selektiert. Tausende werden aus den Ghettos hinausgeführt und zunächst mit LKWs, später mit der Eisenbahn, zur Erschießungsstätte Ponary gebracht. Am 21. Oktober 1941 ist das zweite, kleinere Ghetto entleert und wird aufgelöst. Feldwebel Anton Schmid kann als Angehöriger der zweiten Kompanie des Landesschützen-Bataillons 898, das um den 20. August 1941 nach Wilna verlegt worden ist, gar nicht anders, als von all dem Notiz zu nehmen. Ja, er hat als Leiter der sogenannten Versprengtensammelstelle in der Eisenbahnstraße Nr. 15, der früheren Kolejowa Straße, direkt gegenüber dem Wilnaer Hauptbahnhof, von dem immer wieder Züge mit jüdischen Todeskandidaten nach Ponary abgehen, geradezu einen Logenplatz in all dem Grauen. Wenige Tage vor seiner Hinrichtung schreibt er in einem Brief an seine Frau in Wien: „Hier waren sehr viele Juden die vom Litauischen Militär zusammen getrieben auf einer Wiese ausserhalb der Stadt erschossen wurden immer so 2-3000 Menschen die Kinder haben sie auf dem Wege gleich an die Bäume angeschlagen - kannst Dir ja denken?“ Mit dem „litauischen Militär“ meint Schmid die ‘Ypatingasis burys’, litauische Kollaborateure in grünen SD-Uniformen, die den Deutschen als Hilfspolizei die Henkersarbeit mit großem Eifer abnahmen.

In den Spätsommertagen des Jahres 1941, als die Straßen Wilnas von Blut triefen, tut der Feldwebel eines Abends auf dem Heimweg zu seiner Dienstwohnung in der Versprengtensammelstelle etwas, das einem Wunder gleicht: Auf offener Straße spricht ihn ein jüdisches Mädchen, Luisa Emaitisaite, an, das den grausamen Razzien dieses Tages nur knapp entronnen ist, und bittet ausgerechnet einen deutschen Feldwebel um Hilfe. Allein, daß ein vogelfreier jüdischer ‘Untermensch’ einen Landser anredet, ist im Wilna dieser Tage schon ein todeswürdiges Verbrechen. Feldwebel Schmid aber gewährt der Gehetzten spontan Asyl in seiner Dienstwohnung. Nach allem, was wir wissen, fiel Schmids Entscheidung zur Hilfeleistung vielleicht für ihn selbst unerwartet, war ein Akt der Menschlichkeit angesichts einer konkreten Notlage eines bedrängten Mitmenschen.

Am nächsten Tag will Schmid Luisa Emaitisaite eigentlich wegschicken. Aber er weiß, daß sie als Jüdin an der nächsten Straßenecke geschnappt werden würde und setzt zunächst einmal auf Zeitgewinn, also ganz einfach darauf, daß die Pogrome in den nächsten Tagen abflauen würden. Das ist aber auch noch nach einer Woche noch nicht der Fall, und da hat der Katholik Schmid einen riskanten Einfall - Schnurstracks marschiert er mit dem jüdischen Mädchen in das nur zwei Straßenblöcke von seiner Dienststelle entfernte Kloster Ostra Brama und erbittet dort vom polnischen Priester Andrzej Gdowski eine schriftliche Bestätigung für Luisa, das man sie in der Ostra Brama als Katholikin kenne. Wegen der Deportation ihrer Familie durch die Sowjets, so solle es in dem kirchlichen Dokument heißen, seien ihr alle Papiere, darunter auch der Taufschein, verloren gegangen. Im Wissen, daß dies nicht der Wahrheit entspricht, gewährt Pater Gdowski diesen ‘Ariernachweis’.

In der Folge gelingt es dem kleinen Feldwebel aus Wien, Luisa Emaitsaite als Zivilangestellte der Wehrmacht in seiner Versprengtensammelstelle bei allen deutschen und litauischen Dienststellen anzumelden, und schließlich verschafft er ihr auch noch vom deutschen Quartieramt ein Zimmer bei einer gewissen Dr. Janina Skladovska.

Und Schmid, dessen Kameraden ihn wegen des Oberlippenbärtchens und der Haartolle, die ihm gelegentlich in die Stirn fällt, mit dem Spitznamen „Adolf“ necken, macht weiter: Den perfekt deutsch sprechenden, polnischen Juden Max Salinger steckt er in eine Wehrmachtsuniform, verschafft ihm in einer schon an Genialität grenzenden Weise ein Soldbuch und beschäftigt ihn als Gefreiten Max Huppert ebenfalls in seiner Versprengtensammelstelle. Salinger beeindruckt in dieser Rolle spätere Besucher der Dienststelle durch sein betont preußischzackiges Auftreten.

Mit der Rettung dieser beiden Gehetzten beginnt Feldwebel Anton Schmid seinen privaten Feldzug gegen den Holocaust in Wilna und steigert sich bald zu Rettungsaktionen größeren Stils. Wieder sind es konkrete Notlagen von Menschen, die er vor Augen hat, die ihn zum Handeln motivieren. Schmid leitet nämlich nicht nur die Versprengtensammelstelle, in der er von ihren Einheiten getrennte deutsche Soldaten zu vernehmen und sie wieder ihren Verbänden zuzuführen oder bei Verdacht von ‘Feigheit vor dem Feind’ oder ‘unerlaubter Entfernung von der Truppe’ zu melden hat, was ihm von Anfang an Unbehagen verursacht, sondern auch eine Wehrmachtspolsterei in einigen früher zum Bahnhof gehörenden Schuppen in der Eisenbahnstraße. Er hat jüdische Zwangsarbeiter zu beaufsichtigen, die als Polsterer und Tischler Eisenbahn- oder Lastkraftwagen-Polster ausbessern müssen. Daneben gibt es offenbar auch Schneider und Schuster, die beschädigte Ausrüstungsgegenstände der versprengten Soldaten zu reparieren haben. „Ich musste was ich nicht wollte die Versprengtenstelle übernehmen, wo 140 Juden arbeiteten, die baten mich, ich soll sie von hier wegbringen oder einem Fahrer mit Wagen sagen“, berichtet er seiner Frau nach Wien.

Schmid nützt zunächst seine bürokratischen Möglichkeiten als relativ selbstständiger Dienststellenleiter zugunsten der Juden. Er fordert weit mehr Zwangsarbeiter an, als er für seine Werkstätten benötigt, und bemüht sich, vom Gebietskommissariat und vom Arbeitsamt Wilna für seine jüdischen Schützlinge möglichst viele der sogenannten ‘Todesurlaubsscheine’zu erhalten: Im Oktober 1941 werden an die rund 27.000 überlebenden Wilnaer Ghettojuden nur 3.000 sogenannte ‘gelbe Scheine’, verteilt - das sind Facharbeiterausweise, die einem Facharbeiter, seinem Ehegatten und maximal zwei seiner minderjährigen Kinder das vorläufige Überleben ermöglichen. Auf alle Nicht-Besitzer dieser ‘gelben Scheine’wird am 24. Oktober und von 3. bis 5. November erbarmungslos Jagd im Ghetto gemacht. Im Zuge dieser ‘Aktionen der gelben Scheine’ werden alleine bis 6. November über 6.600 Menschen aus dem Ghetto deportiert und in Ponary ermordet. „My other aunt, Rachil [Cholem] gave her yellow life certificate to the Zlatins [Vera und Naum Zlatin] and during the next few days did not return to the ghetto und stayed at her place of work with the permission of her chief Feldfebel Anthon Schmidt [!]. The more lengthy and detailed search for the Jews remaining in the ghetto, mostly hidden in secret hiding places, „Malines“ lasted until November 5th.“ erinnert sich die Ghettogefangene Perella Esterowicz. Tatsächlich schafft es Schmid nicht, für seine 140 Arbeiter und ihre Familien mehr als 15 ‘Todesurlaubsscheine’, also die lebensrettenden gelben Facharbeiterausweise zu ergattern. Der Rest seiner Belegschaft scheint zum Tode verurteilt zu sein.

Ing. Schlomo Bernowsky, zu der Zeit ein Zwangsarbeiter in der Versprengtensammelstelle und Inhaber eines ‘gelben Scheines’, erinnert sich: „Die allgemeine Meinung war, daß der Besitzer eines gelben Ausweises sich und seine Familie durch dieses Zeugnis vor der Hinrichtung bewahrte. Der Führer unserer Einheit, Feldwebel Anton Schmid, der gut zu uns war, sagte etwas anderes: „Die gelben oder weißen Ausweise [Letztere sind Ausweise für Nicht-Facharbeiter] sind derselbe Dreck; so oder so, alle Juden werden vernichtet“, sagte er. Trotzdem drückte er seine Bereitschaft aus, jene von den Arbeitern, die keine gelben Ausweise erhalten hatten, zusammen mit ihren Familien in die Stadt Lida zu führen. [...]. Dort wurden noch keine Ghettos errichtet und keine Aktionen durchgeführt.“

Es ist ein Widerstand von unten, aber Schmid nutzt furios die gesamte Infrastruktur, die ihm seine kleine militärische Diensstelle bietet. Das sind vor allem zwei Wehmachtslastwagen, darunter ein Opel Blitz, mit dem er beginnt, seine Zwangsarbeiter ohne gelben Schein und deren Familien in die nur 90 Kilometer von Wilna entfernte, weißrussische Stadt Lida zu bringen.

Der Lidaer Abrasha Arluk, der Anton Schmid am Steuer des Opel Blitz selbst in Lida gesehen hat und später bei den Partisanen überlebt, weiß um die Motivation von Anton Schmids Passagieren: „Die Meinung damals war, da in Wilna bereits mit Hilfe von den Litauern und der Kollaborationären die Verfolgungen schon angefangen haben, wobei in der Stadt Lida Präsenz der Einsatzgruppe B aus Minsk noch nicht so gravierend war. Hat man gesagt: Wenn man flieht nach Lida, wird es vielleicht bissel leichter sein.“ Für diese Rettungsfahrten stellt sich Schmid als Leiter einer militärischen Dienststelle selbst Marschbefehle und Durchlaßscheine aus und überwindet die Wehrmachtskontrollen auf der breiten, befestigten Landstraße.

 

Der deutsche Feldwebel im jüdischen Hilfskomitee

Im Wilnaer Ghetto, in dem die Menschen den baldigen sicheren Tod durch Hunger und vor allem durch die Erschießungspelotons von Ponary vor Augen haben, hat sich inzwischen eine kleine Widerstandsbewegung vor allem aus zionistischen Jugendlichen gebildet. Man sucht verzweifelt Fluchtmöglichkeiten in - zum damaligen Zeitpunkt noch nicht von der Totalliquidation bedrohte - nahe Ghettos wie Lida und Grodno, vor allem aber nach Bialystok im besetzten Polen, in dem zehntausende jüdische Zwangsarbeiter in Uniformfabriken für die Wehrmacht schuften und wo Arbeitskräftemangel herrscht. Nun kommt wieder Pfarrer Gdowski ins Spiel: Wie durch höhere Macht gelenkt, versuchen die aus Wien vertriebene Anita Adler und ihr Gatte Hermann als Abgesandte der jüdischen Widerstandsbewegung des Ghettos von eben jenem Geistlichen Hilfestellung zu bekommen, bei dem schon Schmid im Fall Emaitisaite Unterstützung fand.

Das Ehepaar Adler bittet den Pfarrer um Papiere Verstorbener, um damit Juden ‘arische’ Identitäten zu geben und sie so zu retten. Gdowski vermittelt die Adlers an den deutschen Feldwebel Schmid. Sie entfernen ihre Judensterne, gehen voller Furcht in die Versprengtensammelstelle und bitten Schmid, Juden mit dem Lkw nach Bialystok zu transportieren, um sie auf diese Weise zu retten.

Schmid will die Sache überschlafen und läßt die Adlers - es ist der 10. November 1941 - zunächst einmal in seiner Dienstwohnung übernachten, aber seine Entscheidung ist wohl längst gefallen. Einige Tage vor seiner Hinrichtung schreibt er an seine Frau: „Du weißt ja, wie mir ist mit meinem weichen Herz - ich konnte nicht denken und half ihnen, was schlecht war von Gerichts wegen.“

In den wenigen Monaten bis zu seiner Verhaftung Mitte Jänner 1942 entfaltet Schmid gemeinsam mit Hermann und Anita Adler fieberhafte Rettungsaktivitäten und transportiert mit seinem Wehrmachts- Lkw rund 300 todgeweihte Ghettogefangene, die vom jüdischen Untergrund unter Mordechai Tenenbaum ausgewählt werden, von Wilna nach Bialystok. Seine Passagiere werden von den Adlers aus dem Ghetto herausgeführt und verbringen oft zwei, drei Tage in seiner Dienstwohnung in der Versprengtensammelstelle, bis wieder ein nächtlicher Transport mit zwanzig bis dreißig Personen nach Bialystok abgeht.

Vier Abgesandte der Wilnaer Widerstandsbewegung bringt Schmid unter unvorstellbaren Risiken sogar bis nach Warschau, wo sie die dortigen jüdischen Stellen über die Vernichtung der litauischen Judenschaft informieren und so weiteren Widerstandswillen, der schließlich in den heroischen Warschauer Ghettoaufstand mündet, entfachen können.

Ein schwerer Schlag, der ihn aber vermutlich dazu bewegt, seine Rettungsfahrten vor allem nach Bialystok noch zu intensivieren, trifft Schmid im November 1941. Mitte bis Ende dieses Monats kommt es in Lida durch die Einsatzgruppe B zu einer ‘Aktion’, der Schmids ehemalige Arbeiter zum größten Teil zum Opfer fallen.

Der Kopf hinter all diesen Rettungsaktionen von Wilna nach Bialystok ist Mordechai Tenenbaum von der zionistischen Jugendorganisation Ha- Shomer ha-Zair Dror, einer der bedeutendsten Kommandeure des jüdischen Widerstandes in Osteuropa.

Im Gegensatz zu den Führungspersönlichkeiten der anderen zionistischen Fraktionen, der Kommunisten und des sozialdemokratischen ‘Bundes’, die am 21. Jänner 1942 die ‘Farejnikte Partisaner Organisazje’ gründen, glaubt er nicht mehr an die Möglichkeit eines erfolgreichen, bewaffneten Widerstandes im erschöpften Wilnaer Ghetto: „In Wilna leben alles in allem nur noch an die 18.000 hilflose, müde und gebrochene Juden. Wir müssen dahin gehen, wo wir über die erforderliche Stärke zum Kämpfen verfügen. Wir sollten unsere beschränkten Kräfte konzentrieren, nicht aufteilen. Und hier sehe ich keine Chance für uns, wieder zu Kräften zu kommen.“ Tenenbaum ist daher bestrebt, möglichst junge, kampffähige Menschen durch Feldwebel Schmid aus dem Wilnaer Ghetto retten zu lassen, Anfang Jänner 1942 ist der gesamte von Tenenbaum geführte Teil von Ha-Shomer ha-Zair Dror bereits in Bialystok und bereitet einen Aufstand vor. Mordechai Tenenbaum fällt als überragender Führer dieser heroischen Rebolte im August 1943.

 

Es ist uns nicht bekannt, an welchem Tag im Jänner 1942 und wo – ob in Wilna oder auf einer seiner nächtlichen Rettungsfahrten – Feldwebel Anton Schmid verhaftet wurde. Trotz Schlägen und Folter durch Feldgendarmerie und Gestapo verrät er einen einzigen seiner jüdischen Freunde. Seine Tochter, zum Zeitpunkt seiner Exekution zwanzig Jahre alt, meint Jahrzehnte später: „Er war ein guter und hilsbereiter Mensch und war sich sicher auch der Gefahr bewußt, der er sich aussetzte. Trotzdem ist er bis zum Schluß zu seinen Handlungen gestanden.“

 

Manfred Wieninger, Schriftsteller

Christiane M. Pabst, Schriftstellerin