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Ausgabe 3/02


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Erfahrungen mit dem Gedenkdienst

Eine Diplomarbeit über das Kommunikationsverhalten ehemaliger Gedenkdienstleistender

 

Die öffentliche und mediale Kommunikation über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit hat in den letzten fünfzehn Jahren sicherlich zugenommen. Doch wie sieht es mit der privaten, inoffiziellen Kommunikation aus? Sind Nationalsozialismus, Holocaust und Vergangenheitsaufarbeitung relevante oder gar wichtige Themen? Werden Auswirkungen dieser Vergangenheit auf das heutige Leben thematisiert? Spricht man in den Familien über die Geschichte der eigenen Vorfahren?

Fragen über private, zwischenmenschliche Gesprächen über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit und deren Aufarbeitung haben mich zum Gedenkdienst geführt. Die Idee war, dass sich nach der Rückkehr der Gedenkdienstleistenden in ihre alte Umgebung solche Gespräche ganz natürlich ergeben könnten. “Österreich und seine nationalsozialistische Vergangenheit. Kommunikationserfahrungen mit einem Tabuthema. Die interpersonale Kommunikation von ehemaligen Zivildienern, die Gedenkdienst an Holocaust-Gedenkstätten leisteten” wurde der Titel meiner Diplomarbeit. Ich bin zu dem Thema gekommen, weil ich selbst ein halbes Jahr in Israel verbracht habe.

 

Die Studie

Im Frühjahr 1999 habe ich insgesamt 48 ehemalige Gedenkdienstleistende angeschrieben und um ein Interview gebeten. Das sind alle, die zum dem Zeitpunkt in Österreich waren und deren aktuelle Adresse auffindbar war. Sechzehn Männer haben sich im Laufe der nächsten Monate bei mir gemeldet, mit zwölf von ihnen kam ein Interview zustande.

Meine Gesprächspartner haben Gedenkdienst in Frankreich, Israel, Polen, Tschechien, Litauen und den USA gemacht. Ich habe teilstandardisierte, qualitative Interviews durchgeführt, eine Mischform aus sehr freiem Erzählen und einigen in jedem Interview vorgegebenen Fragen.

Die Themen der Interviews waren einerseits die Motivation für den Gedenkdienst, Erlebnisse während des Gedenkdienstes und der Umgang damit. Andererseits ging es um die Vermittlung der Erfahrungen, um das Kommunikationsbedürfnis der Befragten und um die Reaktionen ihrer Umgebung.

 

Eine wichtige Zeit

Von der abgeschlossenen Erfahrung (“Ich bin froh, dass auch das jetzt vorbei ist.”) bis zur die heutigen Lebensbedingungen wesentlich mitbestimmenden Zeit reicht das Spektrum der Bedeutungen, die die Interviewpartner dem Gedenkdienst heute zuschreiben. “Das ist immer präsent, das weiß jeder, dass ich das gemacht hab. Viele sprechen mich heute noch an als Mister Gedenkdienst.” Generell halten sie ihren Zivildienst für eine gute Erfahrung, die ihren Blick auf die Welt verändert hat. Ein Mann sagt, dass das Wissen um den Holocaust die eigenen Probleme relativiert. “Man nimmt nicht alles so furchtbar ernst, weil man sich denkt, im Verhältnis zu den Dingen, die dort passiert sind, ist das doch nur ein lächerliches Problem, das ich da hab.”

Die meisten Gesprächspartner haben einen starken emotionalen Bezug zu Holocaust und Gedenken. “Es vergeht echt kein Tag, wo ich nicht an den Holocaust denk in irgendeiner Form, und das ist nicht immer fein.” Manchmal wird das auch zu viel. Zwei Gesprächspartner haben nach dem Jahr erst einmal Abstand gebraucht und für eine Weile genug von der Thematik gehabt.

 

Seltenes Gesprächsthema

Insgesamt waren der Gedenkdienst und die damit verbundenen Inhalte weniger häufig Thema von informellen Gesprächen als vor der Analyse angenommen. Die interviewten Männer hatten in vielen Situationen nicht das Bedürfnis, darüber zu sprechen, manchmal haben sie es auch bewusst vermieden. “Aber wenn ich jetzt so nachdenk, ich hab eigentlich nicht sehr vielen Leuten nachher von meinen wirklichen Erfahrungen mit den Juden dort oder dem Holocaustaufarbeiten erzählt.”

Die Gründe dafür waren sehr unterschiedlich. Da gab es den Wunsch, beruflich politische Themen zu vermeiden und nicht “als Wichtigtuer dazustehen” und die Vermutung von mangelndem Interesse bei den Zuhörern. Es gab das Gefühl, mit diesen so wichtigen Erfahrungen nicht wirklich verstanden zu werden und das Wissen, dass das Thema Zeit und Vorverständnis braucht und nicht für einen “small talk” geeignet ist. Für einen Mann waren Briefe an den Nachfolger ein Ventil, um Dinge loszuwerden, die er hier mit niemanden teilen konnte. Das Bedürfnis, die Eindrücke des Gedenkdienstes für sich selbst zu verarbeiten und an andere weiterzugeben fand eher in Aktivitäten und offizieller Kommunikation seinen Ausdruck – zum Beispiel in Diavorträgen, Artikeln, Veranstaltungen und Informationsstunden in Schulen. Beinahe alle Gesprächspartner haben nach dem Gedenkdienst weiter mit dem Thema gearbeitet, entweder beim Verein Gedenkdienst oder mit eigenen Projekten.

 

Persönliche Anknüpfungspunkte finden

Die Reaktionen, die die interviewten Männer in Österreich auf Berichte über den Gedenkdienst bekommen haben, waren meist neutral und indifferent. “Das hat sie weder besonders begeistert noch warn's dagegen. Es war ihnen, glaub ich, ziemlich wurscht.” Der Auslandsaufenthalt hat ihre Gesprächspartner meist mehr interessiert als die Themen, mit denen sie sich dort beschäftigt haben. Inwieweit die ehemaligen Gedenkdiener bei anderen doch Interesse wecken konnten, hatte stark mit der Art der Vermittlung zu tun, damit, ob ein persönlicher Anknüpfungspunkt geschaffen werden konnte. “Da hab ich gemerkt, an persönlichen Schicksalen kannst du mit dem Thema doch einiges noch erreichen.”

Gespräche mit Familienmitgliedern und mit Österreichern der NSGeneration waren für viele Interviewpartner eher schwierig, insbesondere dann, wenn sie negative Reaktionen erwartet haben. Keiner ist wirklich auf Konfrontation gegangen. Viele haben in ihrem Bekanntenkreis auch nur wenig alte Leute. Inwieweit die befragten ehemaligen Gedenkdienstleistenden die Geschichte ihrere eigenen Familie in der NS-Zeit recherchiert haben, ist sehr unterschiedlich. Manche wollten es lieber nicht so genau wissen, andere kennen Details der Lebensstationen ihrer Verwandten. Einer meint, dass es dennoch in Bezug auf deren damilige Gefühle und Beweggründe für ihn noch viel zu erforschen gäbe.

 

 

Elisabeth Hargassner Publizistin und Kommunikationswissenschafterin