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Ausgabe 1/03


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Kommentar und Editorial

Historikerkommission am Ende – alles gut?

Am 24. Oktober 2000 fand die konstituierende Sitzung der „Restitutionskonferenz“ mit rund 70 TeilnehmerInnen unter der Leitung Ernst Sucharipas und Stuart Eizenstats in Wien statt. Bald sah sich die versammelte ExpertInnenrunde mit dem Paradoxon konfrontiert, eine Thematik bearbeiten zu wollen, von der niemand im Detail viel wusste – mit Ausnahme der anwesenden Vertreterinnen der Historikerkommission, Brigitte Bailer-Galanda und Eva Blimlinger. Mitglieder der Historikerkommission aber waren von der österreichischen Regierung bei ihrer Einsetzung zu (befristetem) Stillschweigen verpflichtet worden. Stuart Eizenstat schlug einen pragmatischen und doch nicht praktikablen Ausweg vor: vielleicht könnten die Ergebnisse aus früheren Forschungen, die nicht dem Schweigegebot unterlägen, in die Runde eingebracht werden.

 

Diese Episode beschreibt das Dilemma der Mitglieder und MitarbeiterInnen der Historikerkommission: einerseits galt es, akademisch hoch qualifizierte Arbeit zu leisten, andererseits waren die Rahmenbedingungen profan: da gab es erstens die unakademische Schweigepflicht bei gleichzeitig hoher Erfolgserwartung seitens Medien, Anwälte und Lobbyisten. Zweitens der Zeitdruck, der nicht nur durch die anhängigen Gerichtsverfahren sondern durch das Alter der betroffenen Opfer bzw. auch schon ihrer Nachkommen genährt wurde und dem das Paradoxon der aus gesellschaftspolitischer Sicht zu späten, aus historischer Perspektive eher frühen Aufarbeitung, ebenso entgegenstand, wie die eher verständnislose Haltung der Bevölkerung, „schon wieder jüdische Geschichten aufzuarbeiten“, die womöglich dazu führten, „Juden wieder einmal viel Geld zu zahlen“. Kurzum, der Arbeitsauftrag der Regierung an die Historikerkommission bedeutete auch Auftragsarbeit, und das bei einem gesellschaftlich (immer noch) belasteten Thema.

 

Viereinhalb Jahre nach ihrer Einsetzung legte nun die Historikerkommission ihren Schlussbericht samt Teilberichten von 47 Forschungsprojekten vor. Die Lektüre der einzelnen Berichte verspricht eine spannende Beschäftigung zu werden. Im Schlussbericht sind die deutlichen Ausführungen zur Auswirkung der These vom kollektiven österreichischen Opfer gegenüber den individuellen Opfern als besonders gelungen hervorzuheben. Diese Passagen sollten jedem Politiker ins Stammbuch geschrieben sein. Essentiell sind ebenso die selbstkritischen und interdisziplinären Überlegungen. Beim Versuch, die Perspektive der Opfer zu beleuchten, griff man allerdings daneben. Auf Seite 17 des Abschlussberichts heißt es da nämlich: „Jene besonders jüdischen Opfer, die den Holocaust überlebt hatten, wollten, wenn sie nach Österreich zurückkehrten, unauffällig leben.“ Überlebende mussten dazu aber erstens nicht besonders jüdisch sein, und ob sie unauffällig leben wollten, ist zweitens ebenfalls anzuzweifeln.

 

Desiderate für künftige Forschungen liegen vor allem in der Nachkriegszeit. Hier wird der Ball von der beauftragten außerakademischen Forschungskommission wieder auf akademischen Boden zurückgespielt. Die befürchtete oder erhoffte Euro-Differenz zwischen geraubtem Vermögen und geleisteter Entschädigung hat die Historikerkommission nicht geliefert – Opfer und ihre Erben werden selbst Nachforschungen anstellen müssen, was tatsächlich bereits auf breiter Ebene, meist über Anwälte, erfolgt. Nur kurz sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass sich die ForscherInnen sämtlicher Kommissionen mit Unzulänglichkeiten in den Archiven, auch im Staatsarchiv herumschlagen mussten. Oft fanden sich die MitarbeiterInnen seit Jahrzehnten unberührten Akten gegenüber, von zeitgerechter Katalogisierung oder Digitalisierung ganz zu schweigen. Dem Quellenstudium ging in vielen Fällen eine Quellenerschließung und -aufbereitung voraus.

 

Das bleibende Verdienst der Historikerkommission und ihrer 160 MitarbeiterInnen ist die Schaffung eines Kompendiums, das Grundlage und Ausgangspunkt für weitere Forschungen – und vor allem auch für die Vermittlung an die Öffentlichkeit ist, ja sein muss, damit die 6, 5 Mio. Euro Gesamtbudget letztlich erfolgreich investiert gewesen sind. Die Arbeit der HistorikerInnen hat den zentralen Vergangenheits-Nerv der österreichischen Gesellschaft berührt und einen Reflex ausgelöst – einen Gesetzesvorschlag zur umfassenden Beschränkung der Archive.

 

Anton Legerer, Psychologe

 

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Im Februar diesen Jahres hat die Österreichische Historikerkommission ihre Tätigkeit mit der Veröffentlichung des Schlussberichtes offiziell beendet. Über hundert HistorikerInnen - unter ihnen auch einige ehemalige Gedenkdienstleistende - haben seit 1998 in dutzenden Projekten die verschiedenen Aspekte des Vermögensentzugs nach dem „Anschluss“, aber auch die Rückstellungsgesetzgebung, sowie deren Praxis nach 1945 in Österreich untersucht. Sie lieferte Berichte im Gesamtumfang von über 15.000 Seiten, die im Internet unter www.historikerkommission. at abrufbar sind. Das öffentliche Echo auf die Ergebnisse dieses gigantischen Forschungsprojekts war jedoch gering. In Zeiten des Infotainment wäre der Kommission wahrscheinlich mehr öffentliche Resonanz zuteil geworden, wenn sie den Abschlussbericht im Rahmen eines zeitgeistigen Events am Heldenplatz, vielleicht gar noch vom Balkon der neuen Hofburg - möglichst genau dort wo einst Adolf Hitler wenige Tage nach dem Anschluss stand - den Journalisten präsentiert hätte...

 

So stellt sich die ernste Frage, ob die Aufarbeitung der NS-Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein gerückt ist? Zweifellos war die Auseinandersetzung mit der NSZeit in Österreich nie sehr ernsthaft und tiefgehend. Es dominierten emotionale Reflexe, kanalisiert durch die Boulevardmedien. In den letzten Jahren stand - in Abwandlung eines klassischen antisemitischen Vorurteils - die Angst vor ökonomischen Nachteilen im Zentrum der Interessen Österreichs falls den Forderungen der „Ostküste“ nicht nachgegeben würde. Tatsächlich war mit dem Abkommen zwischen Österreich, den USA sowie den jüdischen Organisationen „die Luft draußen“ und dies, obwohl heute, mehr als zwei Jahre nach Unterzeichung des Abkommens mit den Auszahlungen an Opfer des NS-Regimes und deren Nachkommen noch nicht einmal begonnen wurde.

 

Mit den Berichten und deren Veröffentlichung kann und darf die Arbeit der Kommission nicht zu Ende gehen. Jetzt geht es darum - wie der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, und der Vorsitzende der Kommission, Clemens Jabloner, gefordert haben - die Ergebnisse der Arbeit der Bevölkerung und insbesondere der Jugend näher zu bringen.

 

Mit dieser Ausgabe von Gedenkdienst wollen wir dafür einen Beitrag leisten. Dies kann natürlich nicht erschöpfend geschehen. Wenn jedoch bei dem/der LeserIn das Interesse auf mehr Information geweckt werden kann, ist das Ziel dieser Ausgabe schon erreicht.

 

Eine interessante Lektüre wünscht Ihnen

Christian Klösch, Obmann Verein GEDENKDIENST

 

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