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Ausgabe 1/03


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Füllfedern, Weißwäsche und Stoffkaninchen

Symbole einer verlorenen Heimat?

 

Ohne Heimat

Wir sitzen auf Stühlen die

nicht unser sind.

Wir essen von Tellern die

nicht unser sind.

Wir sprechen die Sprachen

die nicht unser sind.

Unser ist: Der Staub und

der Steg.

Unser ist: Das Wandern

und der Weg.

Unser ist das Leben das

keinen Keim hat.

Wir haben keine Heimat.

Stella Rotenberg, England 1940

 

Vor knapp zwei Jahren entstand in Zusammenarbeit mit Niko Wahl das Projekt „Spuren des Verlustes. Über die Arisierung des Alltags“ für die Österreichische Historikerkommission. Unser Vorhaben, aus der Perspektive einer alltäglich gewordenen Konsumkultur die Suche nach dem individuellen Wert verlorener Dinge anzutreten, stellte uns von Anfang an vor einige, nicht nur praktische Schwierigkeiten: Vor dem Hintergrund der Wohlstandsgesellschaft, zwischen den Regalen von Ikea, H&M und Amazon verschwimmt die Bedeutung des persönlichen und individuellen Werts von Gegenständen zusehends hinter der Masse und Beliebigkeit der Dinge, die uns umgeben. Nicht nur fällt es schwer, die Bedeutung eines einzelnen Mantels, eines Buches oder einer Tischdecke in seiner historischen Wertigkeit einzuschätzen, es ist darüber hinaus unmöglich, den individuellen Wert der Dinge und die Konsequenzen ihres Verlustes zu begreifen. Im Bewusstsein dessen und der Unvollständigkeit unseres Vorhabens versuchten wir, möglichst viele Geschichten und Erzählungen aus Interviews, Memoiren und Akten zu sammeln und ihre Bedeutung für Beraubte und Räuber zu illustrieren.

 

Der Begriff der Arisierung als Teil jenes Prozesses, der vom massiven Ausschluss und der völligen gesellschaftlichen Entwertung bis hin zur Vernichtung österreichischer Jüdinnen und Juden führte, beschreibt ein Ereignis aus der Perspektive von Tätern und ist damit schon problematisch. Was hinter dem Wort steht, ist eine Abfolge gebrochener Präsenzen, die keine Kontinuitäten kennt, als die Wiederkehr von Lücken, Verlust und dem Verschwinden aus der Gesellschaft. Arisierte Mobilien tragen Spuren lebendiger sozialer Prozesse und deren Akteure. Ihr Zeugnis- und Fragmentcharakter bildet eine mögliche weitere Ebene zu Erinnerungsliteratur und lebensgeschichtlichen Interviews, macht sich an ihnen doch die Zerstörung der linearen subjektiven Zeit durch das Schockerlebnis des Holocaust sichtbar. In der Erinnerung scheinen die verlorenen Dinge zusammen mit verlorenen Empfindungen jener Zeit wieder real und in der Gegenwart präsent zu werden - die uneingelösten Versprechen der Vergangenheit und die Erinnerung an eine mögliche, nicht erlebte Zukunft. So kam es zu dem Versuch, über den Umweg der Dinge die imaginäre Geschichte der Empfindungen, der Hoffnungen und Ängste ihrer Besitzer zu erzählen.

 

Für unsere Überlegungen wählten wir eine Reihe von unterschiedlichen Gegenständen aus, die nicht repräsentativ, sondern exemplarisch für die Fülle der Dinge stehen sollten: Bücher, Photos, Gebrauchsgegenstände, Tiere, Spielzeug, Autos und Fahrräder sowie Kultgegenstände und gesamte Wohnungsensembles sollten die verschiedenen Lebenssituationen und sozialen Umfelder symbolisieren, deren Bestandteil sie waren und aus denen sie geraubt wurden.

 

Es sind Gegenstände, die ihren Wert aus ihrer Vertrautheit gewannen, aus dem Zusammenhang, der sie zur individuellen Umgebung werden ließ, aus den Lebensumständen, für die sie symbolhaft standen, und aus der Erinnerung an die eigene Vergangenheit und die Menschen, die diese Vergangenheit bevölkerten.

 

Eine der Geschichten, die wir sammelten, ist die des 72jährigen Israelis Uri ben Rehav, der als Wilhelm Schwarz in Wien geboren wurde. Im Alter von neun Jahren musste er zusammen mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder in eine Sammelwohnung im zweiten Bezirk ziehen. Seine Eisenbahn, eine Märklinbahn, an die sich die Erinnerung an eine behütete und heile Kindheit knüpft, musste er zurücklassen: „Man durfte nur mitnehmen, was in den Koffer rein geht und da hab ich meine Eisenbahn natürlich nicht rein geben können. Man hat wichtigere Sachen gehabt, man hat Kleider gebraucht und Wäsche.“ 1942 wurde Uri ben Rehav mit seiner Familie nach Theresienstadt deportiert und „hatte das fragliche Vergnügen bis Kriegsende dort zu bleiben.“ Auch dort spielte er mit einer Eisenbahn, die er auf einem Dachboden gefunden hatte. „Die hat mich als Kind immer so erinnert an die guten schönen Zeiten. Das war für mich wie ein seelischer Katalysator, dass ich durchhalten konnte - moralisch und seelisch.“ Was später aus seiner Wiener Eisenbahn geworden war, was aus der elterlichen Wohnung, weiß Uri ben Rehav nicht. Andere Geschichten, wie die von Jonny Mosers Hund, Alexander Picks Fahrrad, Jakob Kohns Shabbat-Leuchter oder Gertrude Pravdas Teddybär stehen gegenüber den Geschichten derer, die diese Dinge geraubt und in ihr neues Leben integriert hatten: Verdiente Parteigenossen, die ganze Wohnungen übernahmen, Nachbarn die, denunzierten, um neue Wohnungen und damit einen höheren sozialen Status zu erreichen oder die vielen anderen, die billig an mobilen Besitz jeder Art kommen wollten.

 

So findet sich in den Akten der Vermögensverkehrsstelle Wien auch der Antrag einer Volksdeutschen auf Arisierung einer florierenden Wäsche- und Strumpfreparaturwerkstätte im vierten Bezirk. Rosa Mauer wandte sich mit dem Hinweis auf ihre „rein-arische Abstammung“ direkt an „meinen Führer.“ Sie war erfolgreich. Im selben Akt findet sich eine Notiz, dass die Vermögensverkehrsstelle dem Ansuchen stattgegeben und ihr trotz des fehlenden Gewerbescheins den Zuschlag für die Reparaturwerkstätte und alle darin befindlichen Gerätschaften und Weißwaren zugesprochen hatte.

 

Was für die einen sozialen Aufstieg bedeutete, stand für die andern symbolhaft für den erlittenen Bruch. Für die Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung scheint sich die Bedeutung der verlorenen Gegenstände vielfach aus der Geschichte ihres Verlustes abzuleiten. Manchmal wurden alltägliche Dinge zu Zeugen des erlittenen Traumas und begleiteten als idealisierte Objekte und Projektionsflächen die Erinnerung ein Leben lang, die Erinnerung an den Verlust der Familie, des Lebens, der Perspektiven.

 

In den Interviews, die wir im Rahmen dieses Projektes führten, wurden wir aber auch immer wieder auf die Grenzen unserer Erklärungs- und Verständnisversuche aufmerksam gemacht, sind die Geschichten, die wir zu erzählen versuchten doch niemals repräsentativ, sondern stehen immer nur für sich. Die Dichterin Stella Rotenberg antwortete auf unsere Frage nach dem Verlorenen: „Naja, ich erinner‘ mich an alles, schon, aber was nützt das? Vielleicht [...] hab ich deshalb nie im eigenen Haus viel haben wollen, möglicherweise wollt ich nie viel haben, denn was man nicht hat, kann man nicht verlieren, kann sein...“

 

Ihre Heimat aber scheint in der Klarheit und Unmittelbarkeit ihrer Sprache zu liegen, nicht an einem Ort, „[...] ich bin nirgendwo zu Hause. Mir ist ja kein Ort verlorengegangen, sondern eine Entwicklung – und eine Generation.“

 

Mirjam Triendl, Mitarbeiterin der Historikerkommission Dissertandin in Zeitgeschichte an der Universität München