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Ausgabe 1/03


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Eine Initiative gegen die Schäppchenjäger der Arisierung

Die Stiftung "Zurückgeben"

 

Zahllose Menschen haben direkt und indirekt von der Vertreibung und Ermordung der Juden im Dritten Reich profitiert. Eine Deutsche Stiftung will ein Zeichen setzen und fordert die Vernichtungsgewinner auf, arisiertes Gut zurückzugeben.

 

Ein Ergebnis der Recherchen der Historikerkommission ließ besonders aufhorchen: Ein Grossteil der Werte, die in den Jahren ab 1938 arisiert worden waren und nach 1945 im Besitz der Öffentlichen Hand gelangt waren, wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte – zwar schleppend und mit allerlei bürokratischen Hemmnissen und Schikanen - an die ursprünglichen Besitzer oder deren Erben zurückgegeben. Ganz anders jedoch sieht es mit Häusern, Möbeln, Hausrat, Schmuck, Bildern etc. die in Privatbesitz kamen. Hier wurde nur ein Bruchteil dessen, was geraubt und erpresst wurde und letztendlich durch „Gassenverkäufe“, Versteigerungen oder Zuweisungen seitens der Behörden in den Besitz von Privatpersonen kam, nach 1945 zurückgegeben. Schätzungen gehen von einer Restitutionsquote von nur etwa einem Drittel aus! Wie viele arisierte Perserteppiche, Porzellan, Möbel, Bücher, Klaviere, Bilder etc. sind wohl heute noch in österreichischen Privatwohnungen zu finden? Wie viele davon sind im Besitz der Enkel von Ariseuren, Mitläufern und Nutznießern des NS-Regimes, die nie auf die Idee kommen würden, dass so manches lieb gewonnene Familienerbstück Personen gehört hat, die in Auschwitz oder Maly Trostinec ermordet wurden oder heute noch in den USA oder Israel leben?

 

Eine Gruppe von Arisierungsgewinnern hat sich nun vor einigen Jahren zusammengetan um diesen Zustand des tradierten Unrechts für sich persönlich zu beenden. Die Berlinerin Irene Anhalt erbte von ihrer Großmutter ein paar Biedermeier-Möbel. Die, vielen Besuchen vertrauten Möbel gefielen ihr, aber besitzen wollte sie sie nicht. Ihre Großmutter wurde 1943 ausgebombt. Ihr Vater, damals Stadtdirektor von Berlin hatte Zugriff auf „arisierten“ Hausrat deportierter oder ermordeter Juden. Aus diesem Lager besorgte er ihr damals eine neue Wohnungseinrichtung.

 

Hilde Schramm, Erziehungswissenschafterin und ehemalige Abgeordnete der Alternativen Liste im Berliner Abgeordnetenhaus, erbte einige Gemälde von ihrem Vater, die dieser in den dreißiger Jahren günstig erworben hatte. Hilde Schramm wollte die Bilder nicht. Ihr Vater war Albert Speer, Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister und es war sehr wahrscheinlich, dass diese Bilder aus jüdischem Besitz stammten. Stattdessen verkaufte sie die Bilder und gründete zusammen mit Irene Anhalt, Birgit Rommelspacher und Ursula Wachendorfer die Stiftung Zurückgeben.

 

Neben dem Verkauf von Möbeln und Bildern flossen in die Stiftung auch Gelder aus allgemeinen Spenden oder Zuwendungen von Personen, die im weitesten Sinne Nutznießer des NS-Regimes gewesen waren, wie z.B. Industrielle.

 

Die Stiftung vergibt seit 1995 jährlich Projekt- und Jahreszuschüsse an jüdische Künstlerinnen und Wissenschafterinnen, die in Deutschland arbeiten. Die Auswahl trifft eine Jury, der jüdische Frauen aus Kultur und Wissenschaft angehören. Gefördert wurden beispielsweise eine Dissertation über Kindheitserinnerungen jüdischer Autoren oder ein Film über die Verflechtung jüdischer und arabisch-islamischer Kultur.

 

Obwohl die Stiftung seit beinahe 10 Jahren besteht, ist sie in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Es scheint für die Erbengeneration, die selbst keine persönliche Schuld an den Nazi-Verbrechen trägt, oft ausgeschlossen zu sein, dass sich in ihrem Besitz möglicherweise arisiertes Gut befindet und sich so mit dem Erbe auch das Unrecht tradiert. In einem Radiointerview sagte Irene Schramm einmal: „Es fällt den Menschen wohl schwer, die Rassenpolitik mit dem eigenen Leben und Wohlstand in Verbindung zu bringen. Doch man kann nicht die Gegenwart von der Vergangenheit trennen.“ Mit dem symbolischen „Zurückgeben“ geraubter Güter zwar nicht an den ursprünglichen Besitzer bzw. deren Erben sondern stellvertretend an jüdische Frauen, die heute in Deutschland leben und arbeiten, kann das Unrecht nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Stiftung ist aber eine wichtige Initiative, die lange Zeit tabuisierte Bereicherung breiter Bevölkerungsschichten durch die Arisierungen zu thematisieren. Eine ähnliche Initiative in Österreich ist längst überfällig.

 

Christian Klösch, Obmann Verein GEDENKDIENST

 

Weitere Informationen:

Stiftung Zurückgeben, Greifswalderstr. 4, D-10405 Berlin

Tel.: +49 30 42022645 www.stiftung-zurueckgeben.de