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Ausgabe 1/03


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Tod einer alten Dame

Bald nach meinem Dienstbeginn als Gedenkdienstleistender im U.S. Holocaust Memorial Museum (USHMM) im Oktober 1993 wurde ich an den Reference Desk gerufen. Dort erwartete mich Helen Otley, mittelgroß, schlank und – wie ich später erfahren habe – 82 Jahre alt. „Ich wollte mir den Österreicher hier einmal anschaun“, sagte sie mir bei dieser ersten Begegnung unverblümt. Sie hatte im Nachrichtenblatt des Pressedienstes der österreichischen Botschaft vom Gedenkdienstleistenden im USHMM gelesen. Fortan war ich regelmäßiger Gast im Hause Otley.

 

„Besuch einer alten Dame“ habe ich diese erste Begegnung in einem Beitrag für das Presse Spectrum genannt. Helen Otley freute sich über diesen an Friedrich Dürrenmatts Drama angelehnten Titel meiner Kurzgeschichte. Mit der Zeit entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen Helen Otley und mir, obwohl die Besuche eine Herausforderung bedeuteten, nicht nur, weil sie immer länger dauerten als von mir im Voraus geplant. Irgendwann bot mir Helen das Du-Wort, und wir duzten einander. Nach meiner Heimreise im Oktober 1994 telefonierten Helli und ich – meistens rief sie an, immer mit einer Liste von Themen in ihrer Hand, damit nichts zu besprechen vergessen würde, und auch damit die Telefonate nicht zu lang und zu teuer würden, weil sie ihr Vermögen sozialliberalen NGOs (United Farm Workers of America, Amnesty International, Southern Poverty Law Center) möglichst ungeschmälert hinterlassen wollte. Ihr Besuch 1995 in Wien, bei dem sie in ihrer ehemaligen Bücherei Weimarerstraße ihr Buch präsentierte – diese Veranstaltung wurde über Heimo Gruber (Autor von „Bücher aus dem Schutt“) organisiert, der Helli Otley im Spectrum- Artikel wiedererkannt hatte – sollte unsere letzte persönliche Begegnung werden.

 

Helen Otley war eine komplexe Persönlichkeit, eine musisch begabte Naturwissenschaftlerin, die etwa einen Zufall als „Zusammentreffen von Ereignissen, für die unseres Wissens keine Korrelation besteht“ definierte (S. 47 in Helen Otley: „Wieder einmal Menschen werden“, 1995, Verlag Haag und Herchen, Frankfurt). Auch nach ihrem Tod am 13. Jänner 2003 – sie war in ihrem Zuhause in dem Vorort der amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C., Rockville-Maryland friedlich eingeschlafen – lässt sich Person und Schicksal der am 13. Oktober 1911 in Wien geborenen Helene Schlesinger mit den bekannten Stereotypen nur unzulänglich fassen: nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich verlies Helene Schlesinger im Jänner 1939 Wien – um nach Berlin und später weiter nach Dresden zu ziehen, wo sie Arbeitsstellen als Physikerin fand. Dabei hatte sie mit den Nazis nichts zu schaffen. Es war wohl der Verlust vieler FreundInnen, die aus Wien ausgewandert waren bzw. auswandern konnten, und wirtschaftliche Notwendigkeit, weil Vaters (Moritz Schlesinger: Das verlorene Paradies. Ein improvisiertes Leben in Wien um 1900, Picus Verlag 1993) Bahnbeamtenpension nicht ausreichte, vier Personen zu ernähren, die sie in die Nazi- Metropole und nach Dresden ziehen ließen. Kurz vor ihrer Rückkehr nach Wien, wo sie eine Stelle bei der Siemensniederlassung antreten sollte, wurde sie im September 1942 verhaftet – weil sie in Berlin Kontakt zu einer kommunistischen Gruppe gehabt hat, die von den Nationalsozialistischen entdeckt und deren Mitglieder verfolgt wurden.

 

Nun, erneut schwer fassbar: Helene Schlesinger war keine Kommunistin, sie verstand sich zeit ihres Lebens als Sozialdemokratin, und sie verabscheute revolutionäre Gewaltphantasien. Nach zweimonatigen Verhören wird sie nach Auschwitz deportiert, wo sie bis März 1943 festgehalten wird, dabei nur knapp dem Tod durch Fieber und Entkräftung entkommt . Ihre Nummer: 26022 (die Recherche über ihre Inhaftierung im Konzentrationslager Auschwitz hatte der zu dieser Zeit als Gedenkdienstleistende im Museum Auschwitz arbeitende Daniel Werner übernommen).

 

Helene Schlesinger war auch keine Jüdin – nur der Vater ihres Vaters war Jude (der Journalist und Bühnenautor Sigmund Schlesinger). Ihre Überstellung aus dem Konzentrationslager Auschwitz wurde aufgrund des Gerichtsverfahrens wegen Beteiligung an der „Vorbereitung zum Hochverrat“ veranlasst, das sie nun in Berlin-Moabit erwartete, und das ihr paradoxerweise das Leben rettete. Vom rechtlosen Konzentrations-/Vernichtungslager kehrte sie zurück ins „ordentliche“ Justizsystem. Als kleiner Fisch im Hochverratsprozess wird sie zu zweieinhalbjähriger Gefängnisstrafe „verurteilt“, am 2. März 1945, kurz vor Ablauf ihrer „Strafe“ wird sie entlassen, und Helene Schlesinger fährt zurück nach Wien, zu ihren Eltern in die Fenzlgasse 22 im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. (An dieser Stelle endet die publizierte Autobiographie Helen Otleys: „Wien, Auschwitz, Maryland“, 1995 Verlag Haag und Herchen, Frankfurt)

 

Helene Schlesinger versuchte an die Vorkriegszeit anzuknüpfen, und sie beteiligte sich an der sozialdemokratischen Bildungsarbeit, unter anderem schrieb sie für die Arbeiterzeitung, verfasste das politisches Theaterspiel „Eulenspiegel in Wien“, war Personalvertreterin. So richtig Fuß fassen, so ließ sie es in ihren Erzählungen immer wieder durchblicken, konnte sie aber nicht mehr. Ihren Bruder hatte sie im Krieg verloren, ebenso viele der FreundInnen, eine Arbeitsstelle als Physikerin – sie hatte 1937 in Wien in Physik promoviert – war nicht zu bekommen. 1946 begann sie bei den Wiener Städtischen Büchereien zu arbeiten. Sie leitete die Zweigstelle Weimarer Straße und ab 1953 die damalige Bücherei Stumpergasse. 1955 wechselte sie als Mathematikerin in das Statistische Amt der Stadt Wien. 1951 hatte sie ihren Arbeitskollegen Karl Beck geheiratet, der 1960 früh verstarb.

 

Die Aufnahme reger werdenden Briefwechsels mit einem jüdischen Jugendfreund – Kurt Österreich, der nach einer Inhaftierung in Dachau in die USA entkommen konnte, wo er seinen Namen in Otley änderte, und der ebenfalls früh verwitwet war – führte 1962 zur Eheschließung mit Kurt Otley und zu ihrer Übersiedelung nach Rockville-Maryland. Helen Otley wurde Hausfrau, was ihr gar nicht recht behagte, wie in den Erzählungen durchklang. Ab und zu veröffentlichte sie Reiseberichte in der Gewerkschaftszeitung in ihrer alten Heimat. Trotz dieses von Ehemann Kurt erzwungenen Hausfrauendaseins – „Er wollte immer, dass ich für ihn da war, wenn er nach Hause kam“, vertraute mir Helli einmal an – und trotz ihrer Wien- und Österreichnostalgie war sie in ihrer neuen Heimat glücklich.

 

Helen Otley war eine Spätexilantin, eine Spätvertriebene, eine Überlebende von Auschwitz, die das Nachkriegsleben in Wien nicht mehr verkraften konnte, die nicht mehr anschließen konnte an die zerstörte Welt der Zwischenkriegszeit, die nicht mehr die ihre war, und in der sie sich nicht mehr recht heimisch fühlte. Wahrscheinlich war es – trotz des mehr als 50- jährigen Altersunterschieds und der für mich nicht nachempfindbaren Erfahrung der nationalsozialistischen Verfolgung und der Inhaftierung im Konzentrationslager – dieses Gefühl der Entfremdung von den eigenen Wurzeln, das uns auf eine unheimliche, unbeschreibliche Art zu Seelenverwandte machte, das ein Band schuf, das ein tiefes gegenseitiges Verstehen ermöglichte.

 

Für Helli waren unsere Begegnungen – die von fast allen Gedenkdienstleistenden im USHMM weitergeführt wurden – wohl auch ein wenig Kompensation für unerfüllte nostalgische Erinnerungen. Meine Nachfolger und ich kompensierten die aufgrund seiner Krankheit nicht mehr möglichen Gespräche mit dem aus Wien stammenden Ehemann Kurt, der meiner Erinnerung zufolge 1995 verstarb. Für mich selbst war die Begegnung mit Helen Otley von zentraler Bedeutung, weil ich das Potenzial der Vertriebenen, der Überlebenden, der Emigranten für mich und für Gedenkdienst erkannte, weil ich damit fehlende, bislang vorenthaltene Mosaiksteine in der mir vermittelten österreichischen Zeitgeschichte erhielt – und weil sich daraus unschätzbare Freundschaften entwickelt haben, allen voran die Freundschaft mit Helli – Helene Schlesinger-Beck- Otley.

 

Ich bin froh, dass ich Hellis Lebensgeschichte in Österreich publizieren und so nach Wien zurückbringen konnte, dass ich eine Mitbewohnerin, die gerade eine Journalismusausbildung absolvierte, anregen konnte, über Helen Otley in einer regionalen Zeitung in Maryland einen Bericht zu veröffentlichen. Ich bin dankbar, dass Helli meine Familie zu sich eingeladen hatte, als diese mich 1994 in Washington besuchte. Ich bin traurig über den Verlust von Helli, die mir stets als lebendige, quirlige, musisch begabte und zugleich naturwissenschaftlichem Denken verpflichtete Freundin – und als alte Dame – in Erinnerung bleiben wird.

 

Anton Legerer, Psychologe