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Ausgabe 2/03


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Bericht über die Gedenkdienst-Tagung im Bildungshaus St. Virgil

Vom 30. Mai bis 1. Juni veranstaltete der Verein Gedenkdienst in Zusammenarbeit mit dem Österreichisch-Tschechischen Dialogforum und dem Bildungshaus St. Virgil in Salzburg eine international besetzte Tagung zu den Beneš-Dekreten.
13 Vortragende aus Tschechien, Österreich und Deutschland beleuchteten neben dem Zusammenleben der Volksgruppen in der ersten Tschechischen Republik auch die Repressalien gegen Tschechen, Juden und Regimegegner während der Besetzung des Sudentenlandes und des Protektorats durch das Dritte Reich, den tschechischen Widerstand und schließlich die Vertreibung der Sudentendeutschen nach 1945.
 
Gedenkdienst hat für seine diesjährige Tagung dieses Thema gewählt, weil wir den Eindruck gewonnen hatten, dass sich in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt der zeitgeschichtlichen, öffentlichen Diskussion in Österreich von der Mitschuld der österreichischen Gesellschaft am Aufstieg des Nationalsozialismus und der Verstrickung in den Holocaust hin zur Diskussion um tschechische Schuld bewegte. Es scheint, dass viele österreichische Politiker nun, mit dem Abschluss der Verhandlungen mit den USA und den jüdischen Organisationen, der Schaffung des Zwangsarbeiterfonds und des Nationalfonds, glaubten, das moralische Recht erworben zu haben, auf historische Verfehlungen der Tschechen aufmerksam zu machen.
 
Durch die zum Teil heftig geführten Diskussionen mit den bei der Tagung anwesenden Vertretern der Sudentendeutschen Landsmannschaft im Publikum und den Referenten kristallisierte sich heraus, dass das radikale Festhalten der Landsmannschaft an nationalistischen Geschichtsbildern und Interpretationen einem tiefergehenden Diskussionsprozess und letztendlich einer Anerkennung der Leiden vieler Sudentendeutscher nach 1945 im Wege steht. Volker Kier, ehemaliger Abgeordneter des Liberalen Forums und selbst aus einer sudetendeutschen Familie stammend, brachte das Problem so auf den Punkt: Als Voraussetzung für die Aufnahme eines Diskurses über die Vertreibung der Sudentendeutschen müsse es eine gemeinsame Konfliktsicht strittiger Punkte der Geschichte geben. Das sei Voraussetzung für die moralische Anerkennung der Leiden der Sudentendeutschen und für die Erörterung der Frage einer möglichen Restitution von geraubten Gütern der Sudentendeutschen.
 
Im Laufe der Tagung kristallisierten sich vier wesentliche Streitpunkte heraus, der eine divergierende Interpretation der Geschichte zugrunde liegt:
 
Streitpunkt 1: Das Münchner Abkommen:
Das Abkommen von 1938 zwischen den Westmächten und dem Dritten Reich über den Anschluss des Sudetenlandes wird noch immer von weiten Teilen der Sudentendeutschen als „gerecht“ empfunden und als „verspäteter Triumph des Selbstbestimmungsrechts“ gefeiert. In dieser Logik wird Adolf Hitler oft noch immer als „Befreier“ der Sudetendeutschen gesehen. Diese Sicht berücksichtigt den historischen Kontext nicht, in dem das Münchner Abkommen zustande gekommen ist. In dieser Sichtweise werden auch die zehntausenden Nazi-Opfer der Sudentendeutschen vollkommen ausgeblendet. Dabei werden oft jüdische, sozialdemokratische, kommunistische und christlich-soziale Opfer zu „Kollaborateuren“ des tschechischen Staates degradiert.
 
Streitpunkt 2: Die erste Tschechische Republik:
Aus der Sichtweise der Landsmannschaft war die erste Tschechoslowakische Republik ein „Völkerkerker“, dessen Ziel es gewesen wäre, die Existenz der deutschen Volksgruppe durch diskriminierende Maßnahmen „auszulöschen“. Den Sudentendeutschen seien 1918 falsche Versprechungen gemacht worden: So hätte das Land z.B. nach Schweizer Vorbild in einen föderativen Nationalitätenstaat umgebaut werden sollen. Stattdessen sei man ökonomisch und politisch Opfer einer massiven Tschechisierungspolitik und ökonomisch von der Prager Zentrale „ausgehungert“ worden.
Zweifelsohne wird die Volksgruppenpolitik der ersten tschechischslowakischen Republik nicht mit den heutigen Standards des internationalen Volksgruppenrechts vergleichbar sein. Von einem Völkerkerker zu sprechen scheint aber in diesem Zusammenhang maßlos überzogen, insbesondere wenn man sich die Situation anderer ethnischer Minderheiten in Europa zur selben Zeit, wie z.B. den Kärntner Slowenen oder der deutschsprachigen Volksgruppe in Südtirol ansieht.
 
Streitpunkt 3: Das Konzept des ethnischen reinen Nationalstaates:
Von „sudentendeutscher Seite“ wird „den Tschechen“ die rücksichtlose Verwirklichung des „ethnisch reinen“ slawischen Nationalstaates vorgeworfen. Dabei wird vollkommen ausgeklammert, dass „die Sudentendeutschen“ selbst durch die Forderung des Anschlusses an Deutschland genauso das Ziel eines ethnisch reinen Nationalstaates verfolgten, wie es schließlich ab 1938 durch den Anschluss des Sudentenlandes und durch die Besatzungspolitik während des Zweiten Weltkrieges auch im Sudetenland und im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren in die Tat umgesetzt wurde. Hier wirft offensichtlich die eine Seite der anderen Seite ähnliche Maßnahmen vor, nur einmal scheinen sie „gerechtfertigt“ bzw. „gar nicht so schlimm“ gewesen zu sein, im anderen Fall aber „menschenverachtend“ und „brutal“.
Hier wäre es doch einmal an der Zeit, die eigenen Denkkategorien und ideologischen Auffassungen zu hinterfragen: Waren es nicht gerade Konzepte wie die Verwirklichung des „nationalen Charakters“, die Idee der Schaffung von „Kulturnationen“ oder die Fiktion eines „Europa der säuberlich voneinander getrennten Völker“, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts maßgeblich mitverursacht haben?
 
Streitpunkt 4: Der tschechische Widerstand in der NS-Zeit und die sudentendeutsche Verwicklung in Verbrechen.
Von Seiten der Sudentendeutschen Landsmannschaft wird der tschechische Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung als von der tschechischen Exil-Regierung von „außen“ gesteuert bezeichnet. Im Land selbst hätte es keinen nennenswerten Widerstand gegeben. Im Allgemeinen seien die Tschechen gut von den Besatzern behandelt worden. Die Schleifung von Lidice und die Ermordung der gesamten männlichen Bevölkerung des Dorfes als Antwort auf den Anschlag auf Reinhard Heydrich wird zwar „bedauert“, aber damit relativiert, „dass sich die Deutschen von den Tschechen durch ihren Terror provozieren hätten lassen“.
Es wird zwar zugegeben, dass insbesondere die Führung der Sudentendeutschen wie Konrad Henlein und K.H. Frank in Verbrechen am tschechischen Volk verwickelt waren, jedoch nicht die Sudentendeutschen selbst. Der tschechische und sudetendeutsche Widerstand gegen die NS-Besatzung und die Beteiligung von Sudentendeutschen an der Besatzungspolitik wird wohl mit dem Zweck heruntergespielt, die Zeit vor 1938 und nach 1945 als vergleichsweise „schrecklicher“ und „menschenverachtender“ darzustellen.
 
Diese Punkte zeigen, dass noch viel an Aufklärungsarbeit und Forschung geleistet werden muss, um zu einer entemotionalisierten Debatte um die Vertreibung der Sudentendeutschen nach 1945 zu kommen. Von verschiedenen Referenten wurde während der Tagung das Recht der Sudetendeutschen auf moralische Anerkennung ihrer Leiden und auf Restitution der von ihnen geraubten Besitztümer immer wieder anerkannt. Die Sudentendeutsche Landsmannschaft hätte wohl mehr Rückhalt und Verständnis für ihre Anliegen bei der Bevölkerung Tschechiens, Deutschlands und Österreichs, wenn sie sich von überkommenen Versatzstücken deutschnationalen Gedankengutes und rechtsextremer Ideologie verabschieden könnte. Darüber hätten sie auch mehr Rückhalt unter den Sudentendeutschen der dritten und vierten Nachkriegsgeneration, die mit nationaler Folklore und Resten großdeutscher Volkstumsideologie nicht mehr viel anfangen können. Dass die oft berechtigten Anliegen der Sudentendeutschen in ideologischer Geiselhaft rechter und rechtsextremer Organisationen sind, zeigte auch ein Vorfall bei der Tagung: Der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem eingestufte Witiko-Bund versuchte die Tagung durch eine Demonstration und das Verteilen von Flugblättern zu stören. Robert Hauer, Linzer FPÖ-Gemeinderat, war Organisator dieser Aktion. Einigen Referenten und dem Veranstalter der Tagung wurde vorgeworfen, den „Völkermord“ an den Sudentendeutschen „zu verharmlosen“ und sich daher „mitschuldig“ zu machen. In dem Flugblatt, das verteilt wurde, hieß es „Wer das leugnet oder verharmlost, wer Wiedergutmachungsansprüche als ‚deutsche Begehrlichkeit’ verleumdet, versündigt sich an unschuldigen deutschen Opfern ebenso, wie er jüdische Opfer mit der Behauptung, ‚jüdischer Begehrlichkeit’ entehren würde. (...) Wer Verbrechen verharmlost, gefährdet die Rechts- und Werteordnung der EU und den Frieden in der Welt!“
 
Die anwesenden Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft verurteilten zwar die Vorgangsweise des Witiko-Bundes und die im Flugblatt vorgebrachten Anschuldigungen, waren aber nicht bereit, den Witiko-Bund über den wahren Charakter der Tagung als offenes Forum aufzuklären. Nicht nur daran zeigte sich die Widersprüchlichkeit der sudetendeutschen Organisationen. Im persönlichen Gespräch demonstrierten die Vertreter der Landsmannschaft ihre Diskussionsbereitschaft und betonten immer wieder, an einer Aussöhnung mit den Tschechen interessiert zu sein. Anderseits zeigten die heftigen Diskussionen nach den Referaten immer wieder, dass viele Sudetendeutsche mit ihrem Festhalten an deutschnationaler Ideologie einer zukunftsorientierten Lösung selbst im Weg stehen.
 
Für Gedenkdienst war dies die erste Veranstaltung zum Themenkomplex „Beneš-Dekrete“ und dem Verhältnis von Tschechen- und Deutschsprachigen in der ehemaligen Tschechoslowakei. Gedenkdienst wird sich auch in Zukunft mit dieser Thematik auseinandersetzen und versuchen, einen Aspekt aufzugreifen, der bisher meist vergessen wurde: Die Thematik des sudetendeutschen Widerstands gegen den Anschluss des Sudentenlandes an das Dritte Reich und das Gedenken an die zehntausenden jüdischen und nicht-jüdischen Nazi-Opfer der Sudetendeutschen.
 
Christian Klösch