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Ausgabe 2/03


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Zur Rolle Karl Hermann Franks im Protektorat Böhmen und Mähren

Die nationalsozialistische Protektoratspolitik trug schon deshalb sudetendeutsche Züge, weil Hitler mit Karl Hermann Frank dem ehemaligen Stellvertreter Konrad Henleins die politische Führungsposition im Protektorat einräumte. Während sich verschiedene Personen im Amt des Reichsprotektors abwechselten, war Frank, von 1939 bis 1943 Staatssekretär im Amt des Reichsprotektors, dann Deutscher Staatsminister für Böhmen und Mähren sowie von 1939 bis 1945 Höherer SS- und Polizeiführer im Protektorat und ab 1944 auch im Reichsgau Sudetenland, für Hitler bei der Konzipierung und Durchführung der nationalsozialistischen Tschechenpolitik unverzichtbar. Bereits im Herbst 1940 bestätigte er Franks Führungsanspruch, indem er dessen „Denkschrift über die Behandlung des Tschechen-Problems und die zukünftige Gestaltung des böhmisch-mährischen Raumes“ vom 28.8.1940 als theoretische Grundlage der Besatzungspolitik anerkannte. Insofern ist Frank sozusagen als sudetendeutscher Haupttäter im Protektorat anzusprechen, es gab aber daneben zehntausende sudetendeutsche Mittäter, die, vor allem in mittleren und unteren Positionen, wichtige, vielleicht unverzichtbare Funktionen innerhalb der Besatzungsherrschaft ausübten. Die Errichtung des Protektorates brachte der deutschen Minderheit  soziale, rechtliche und materielle Verbesserungen sowie Karrieremöglichkeiten. Abgesehen davon, daß zahlreiche Sudetendeutsche sich stark in den verschiedenen Gliederungen der NSDAP engagierten,  waren sie aufgrund ihrer Kenntnis von Sprache, Land und Leuten besonders geeignet, als Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst bei der Aushöhlung der angeblichen Verwaltungsautonomie unter Bestehenlassen der Fassade Schlüsselstellungen in der ‚autonomen‘ Verwaltung einzunehmen. Die Behörde des Reichsprotektors und das Deutsche Staatsministerium für Böhmen und Mähren waren zwar überwiegend mit Reichsdeutschen besetzt, aber ab 1942 waren 3 von 7 deutschen Oberlandrat-Inspekteuren Sudetendeutsche, die Mehrheit der Bezirks- und Kreishauptleute sowie knapp 29 % der in den obersten Protektoratsbehörden installierten deutschen Beamten. Insgesamt waren etwa 30.000 Sudetendeutsche im öffentlichen Dienst tätig, darunter mehr als ein Drittel des Personals von Sicherheitspolizei und SD im Protektorat.
Franks Besatzungpolitik, die auf die langfristige Germanisierung des Protektorates abzielte, während ab 1942 die volle Ausnutzung der personellen und materiellen Ressourcen des Protektorats für die deutsche Kriegführung im Vordergrund stand, erwies sich in ihrer Mischung aus gezielten Terrormaßnahmen und zeitweiligen sozialen und kulturpolitischen Zugeständnissen an die Tschechen als recht erfolgreich. Allerdings wurde Franks taktisches Entgegenkommen von manchen sudetendeutschen NSDAP-Funktionären kritisiert, die zu keinerlei Zugeständnissen an die Tschechen bereit waren. Nach den Stimmungsberichten des SD fand Franks Politik bei der sudetendeutschen Bevölkerung des Protektorats breite Zustimmung. Nachdem Frank zum Beispiel im Oktober 1942 öffentlich die Nichtwiedereröffnung der tschechischen Universtäten angekündigt hatte und den Tschechen noch schärfere Vergeltungsmaßnahmen als die Vernichtung von Lidice angedroht hatte, konstatierte der SD „unter der deutschen Bevölkerung allgemein größte Zustimmung (...) Äußerungen wie: ‚K. H. Frank habe den Deutschen wieder einmal aus dem Herzen gesprochen‘ (...) u.ä.“. Franks Ernennung zum Höheren SS- und Polizeiführer auch im Reichsgau Sudetenland wurde ebenfalls begrüßt: „Von Sudetendeutschen insbesondere wurde in der eingetretenen Veränderung eine Anerkennung der besonderen Leistungen von SS-Obergruppenführer Frank gesehen. Man äußerte, daß SS-Obergruppenführer Frank schon früher mit dieser Aufgabe hätte betraut werden sollen, da er als Sudetendeutscher die Sorgen und Nöte seiner Heimat kenne. (...) Im Zusammenhang damit wurde von Sudetendeutschen auch geäußert, daß ihnen in Böhmen und Mähren wieder eine besondere Aufgabe zukommen würde, die ihnen bisher nicht in dem Maße, wie es auf Grund der Geschichte und ihrer Verdienste hätte sein müssen, zuteil geworden sei. Sie würden nun im Hinblick auf die Lösung der tschechischen Frage viel mehr eingeschaltet werden.“
Zumal die polizeilich-terroristischen Aspekte der Besatzungspolitik wurden gutgeheißen. Zwei Tage nach der Vernichtung von Lidice berichtete der SD-Leitabschnitt Prag: „Unter der gesamten deutschen Bevölkerung hat diese Maßnahme große Genugtuung und vielfach offene Freude ausgelöst. Befriedigung herrscht vor allem darüber, daß jetzt ‚endlich einmal‘ energisch durchgegriffen worden sei. Man erklärt, daß in dieser Weise schon früher hätte vorgegangen werden sollen. verschiedentlich sieht man darin erst den Beginn noch größerer Vergeltungsmaßnahmen gegen die Tschechen und hofft, daß noch mehrere ähnlich geartete Fälle eine Möglichkeit zu weiteren Maßnahmen geben werden. (...) Volksdeutsche Kreise finden ihre ständigen Warnungen vor den Tschechen bestätigt; man werde nun an den Führungsstellen einsehen, wie die Tschechen zu behandeln seien.“
Zwar mag der SD in bezug auf den Umfang begeisterter Zustimmung der sudetendeutschen Bevölkerung im Protektorat während der mörderischsten Phase der Besatzungspolitik etwas übertrieben haben, aber die Quellen legen für diesen und auch für spätere Zeitabschnitte nahe, daß diese Zustimmung sehr breit war.
Die nationalsozialistische Protektoratspolitik  hat, gemessen an ihren politischen und ökonomischen Nahzielen während des Krieges, eindeutig davon profitiert, daß Hitler mit Frank einen Kenner der tschechischen politischen Szenerie und der Mentalität des „völkischen Gegners“ damit betraut hat. Frank verstand seine Politik immer auch als Vertretung sudetendeutscher Interessen und stützte sich bei ihrer Durchführung auf zehntausende sudetendeutsche Parteifunktionäre, Verwaltungsbeamte und -angestellte, Gestapoangehörige und SD-Informanten.
René Küpper, Bonn