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Ausgabe 3/03


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Mäuse und Werwölfe

September 2003. Schauplatz Vorchdorf. Die 8.000 Seelen zählende Gemeinde im nördlichen Salzkammergut, die bisher nur durch die Autobahnanbindung überregionale Bedeutung erlangte, kam plötzlich in die Schlagzeilen: Zwischen 650 und 900 Neonazis konnten sich am 6. September völlig unbehelligt zu einem von Blood & Honour organisierten Konzert versammeln. Ursprünglich in Vorarlberg geplant wurde diese kulturelle Veranstaltung auf Druck der dortigen Behörden binnen weniger Stunden ins oberösterreichische Vorchdorf verlagert. Als Geburtstagsfeier getarnt fanden die Organisatoren bei einem Landwirt - dieser stand nebenbei bemerkt auch auf der freiheitlichen Kandidatenliste der Gemeinderatswahlen - Unterschlupf, der seine für Veranstaltungszwecke umgebaute Maschinenhalle zur Verfügung stellte. Wo bis dahin Landjugend & Co. ihre Feste feierten, tummelte sich an jenem Abend der Kern der süddeutschen und österreichischen Neonaziszene – begleitet von einem mehr als bescheidenen Polizeiaufgebot von ca. 20 Beamten. Bands wie Tollschock, Razor’s Edge, Noie Werte und Bully Boys gaben ihre Hits zum besten, in einschlägigen Internetforen wird stolz berichtet, daß das Lied „6 million lies“ gleich zweimal gespielt wurde:

 

„Alles in allen [!], ein wirklich genialer Abend, es gab überraschenderweise keinen Stress untereinander, [!] Polizei hat sich auch so halbwegs zusammengerissen und sich mal nicht von ihrer lächerlichen Seite gezeigt.“

 

Klingt alles nach einem netten Konzert, dessen quantitative und ideologische Ausmaße die Exekutive offenbar völlig unterschätzt hat. Hinter den Organisatoren Blood & Honour steht ein seit etwa fünf Jahren auch in Österreich operierendes rechtsextremes Musiknetzwerk, das eigene Plattenläden betreibt und Konzerte und Parties organisiert. Unter diesem Deckmantel ist es vor allem in Vorarlberg, der Schweiz und in Süddeutschland gelungen, einer neonazistischen Subkultur eine regionenübergreifende organisatorische Basis zu geben, die in der Lage ist, selbst logistisch aufwendige Aktionen wie das Umdirigieren eines ganzen Konzerts binnen weniger Stunden durchzuführen. Inwieweit ein solches Konzert auch dezitiert auf politische Botschaften Bezug nehmen sollte ist selbst unter den TeilnehmerInnen unklar: Neben euphorischen Konzertberichten gibt es auch Stimmen, die eine stärkere Politisierung solcher Veranstaltungen einmahnen. Tatsächlich ist die veranstaltende Organisation Blood & Honour mit dem Ziel gegründet worden, die Skinhead-Szene via Musik ideologisch zu beeinflussen. Antisemitismus, Rassismus und Verherrlichung des Nationalsozialismus sind dabei integrale Bestandteile des politischen Programms, das eher durch Codes wie „88“, „Kampf gegen die amerikanische Lebensweise“ und „das System“ kommuniziert als über offensichtlich strafbare Handlungen – obwohl auch in Vorchdorf wieder einige Undisziplinierte „Hitler ist der Gott“ rufend dieser Direktive widersprachen.

 

Die Mär von den unpolitischen Radaumachern ist somit widerlegt – war doch beim Vorchdorfer Konzert sogar jener führende Kopf dabei, der wenig später wegen des Verdachts einen Sprengstoffanschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum in München geplant zu haben festgenommen wurde.Ob die Polizei bei ihren Ermittlungen eines Tages in diesem konkreten Fall wirklich auf strafbare Handlungen stossen wird, ist für die weitere Entwicklung zweitrangig. Bagatellisierung und Unkenntnis der vernetzten Strukturen sowie ein Fehlen von klaren Gegenkonzepten werden es Organisationen wie Blood & Honour oder auch dem Bund freier Jugend (organisierte die rechtsextreme Demonstration bei der diesjährigen GEDENKDIESNT-Tagung) ermöglichen in das politische Spektrum jenseits der Parteienstrukturen einzudringen.

 

Quellen:

dokmz.akdh.ch/newz/archive_2003-w42.html

www.doew.at/frames.php

http://www.anarchismus.at/

http://www.idgr.de/

Kulturverein Sägefisch

Rosa Antifa Wien