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Ausgabe 3/03


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Rechtsextremismus-Experte des DÖW

Frage: Aus welchen allgemeinen Gruppen besteht die rechtsextreme und neonazistische Szene in Österreich gegenwärtig?

 H. Schiedel: Bei der sogenannten ?Heldenehrung? am Grab von Franz Nowotny [Anm. am 1. November 2003] konnte man das gesamte Spektrum der rechtsextremen Szene gut erkennen: Rechte Skinheads, junge und alte Burschenschafter und alte Nationalsozialisten, die zum Teil beim BDM bzw. Hitlerjugend oder auch bei der SS dabei waren.

 

Frage: Das Thema Rechtsextremismus kommt in den Medien nur selten vor, dennoch ist es nicht nur ein ?unsichtbares? gesellschaftliches Problem.

H. Schiedel: Mit zunehmender Sorge beobachten wir eine Zunahme von rechtsextremer Subkultur bei Jugendlichen, hier vor allem im sogenannten Skinhead- Bereich. Es gibt in Teilen der Skinhead- Szene verstärkt neonazistische Kräfte, die zunehmend gewalttätig bis terroristisch agieren. Das neue daran ist, dass diese auch und vor allem in ländlichen Regionen aktiv sind.

Frage: Warum sind es gerade diese ländlichen Gebiete, wo Rechtsextremismus besonders verbreitet ist?

H. Schiedel: Eine der Ursachen ist die Tristesse für die Jugendlichen in den ländlichen Gebieten. Dort können sich Jugendliche zumeist nur an irgendwelchen Bahnhofsvorplätzen treffen und auch die Bewegungsfreiräume sind viel geringer als in den Städten. Für sogenannte ?Rattenfänger? ist es dort einfacher, Jugendliche für rechtsextreme Ideologien zu interessieren, indem sie ihnen jene Freiräume anbieten. Es gibt solche Leute und Geld gibt es in der Szene genug dafür.Daneben sind Rassismus und Antisemitismus am Land um vieles verbreiteter als in den Städten weshalb Jugendliche hier öfter das Ticket ?Neonazi? wählen.

 

Frage: ... und wie ist es mit der anderen Gruppe von jungen Rechtsextremisten, den Burschenschaften, die vor allem in den Städten agieren?

H. Schiedel: Die Burschenschaften haben eine zentrale Bedeutung an der Schnittstelle zwischen Rechtsextremismus, legalem Deutschnationalismus und (Neo-)Nazismus. Auch historisch gesehen, und deswegen wurden sie 1934 schon verboten und nicht erst 1938, wie immer behauptet wird. Einerseits entstammen Neonazis aus Burschenschaften und haben sich dort radikalisiert, andererseits treten Neonazis Burschenschaften bei und suchen dort auch Schutz.

 

Frage: Sie sprachen von genügend Kapital, das in der Szene vorhanden ist. Wie kommen Rechtsextreme in Österreich an dieses Geld und von wem?

H. Schiedel: Für Österreich gibt es leider wenige solcher Untersuchungen, doch können wir hier Daten aus Deutschland auch für Österreich verwenden. Es besteht zum einen unter dem Label Blood&Honour eine rechtsextreme Musikindustrie: das ist die Produktion, der Vertrieb von CDs und Merchandising, speziell über den Internetversand. Diese CDs werden vor allem in der Slowakei produziert und dann über die Grenzen nach Österreich und Deutschland gebracht und von dort weiter verschickt. Das ist ein Millionengeschäft, ein boomender Markt.

Frage: Und was sind die anderen Einnahmequellen von rechtsextremen Gruppen?

H. Schiedel: Hier zeigt sich, wie richtig die Rede von der historischen Kontinuität ist, vor allem in personeller Hinsicht: Es gibt ältere Nationalsozialisten, auch solche die schon in der Waffen -SS waren, die in der Skinhead- Szene als Vaterfiguren agieren und auch die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellen.

 

Frage : Wie sehen die Verbindungen zwischen Rechtsextremisten und Neonazis aus? Gibt es gegenwärtig Beispiele dafür?

H. Schiedel: Im nichtakademischen Bereich spielt der RFJ [Anm. Ring freiheitlicher Jugend] eine Rolle. Dies war ebenfalls erkennbar am 1. November, als der RFJ zu dieser ?Heldenehrung? aufrief, dem auch Neonazis folgten. Danach konnte man Berichte von deutschen Neonazis lesen, wo ganz offen die gute Zusammenarbeit zwischen Neonazis und RFJ- Kadern beschrieben wurde.

Frage: Vor kurzem wurde in München eine neonazistische Gruppe verhaftet, die einen Terroranschlag auf eine jüdische Institution geplant hatte. Gibt es ähnliche Probleme auch in Österreich und wie kann gegen sie vorgegangen werden?

H. Schiedel: Ein gegenwärtiges Problem ist die dezentrale Struktur von neonazistischen Gruppen. Dieser sogenannte ?Führerlose Widerstand? oder ?Nationale Widerstand? ist organisiert in Kleingruppen und nur an der Spitze vernetzt. Ein Beispiel dafür aus Österreich vom Sommer vergangenen Jahres, wo die ?SS-Kampfgemeinschaft Prinz Eugen ? aufgeflogen ist, die versucht haben Waffen und Sprengstoff anzusammeln. Die Mitglieder waren uns nicht alle bekannt und auch die terroristischen Züge und Organisationsform der Gruppe waren neu.

 

Frage: Ein besonderes Problem von gewalttätigen Rechtsextremisten gibt es, wie es scheint in Oberösterreich, speziell bei Jugendlichen. Können Sie das nach Ihren Untersuchungen bestätigen?

H. Schiedel: Ja, es gibt dort so ein Gebiet, das man als ?braunen Gürtel? bezeichnen kann, wo sich Jugendliche mit einem ?Gegen-Nazis?-Emblem nach 9 Uhr Abends nicht auf der Straße bewegen sollten. Von Schärding über Braunau, Ried bis Salzburg kann man es eingrenzen und dieses Gebiet kann mit den so genannten ?nationalbefreiten Zonen? in Ostdeutschland verglichen werden.

 

Frage: Gewalt und vor allem rechtsextremistische Gewalt scheint ein durchwegs männliches Problem zu sein. Gibt es eine weibliche Seite vom Rechtsextremismus auch?

H. Schiedel: Je weiter man zu den militanten Formen des Rechtsextremismus vordringt, desto männlicher wird das Phänomen. Aber auch im Wahlverhalten ist ein Männerüberhang zu bemerken. Legale rechtsextreme Parteien werden überdurchschnittlich oft von Männern gewählt.

 

Frage: Womit hängt das zusammen und gibt es auch Beispiele für die Organisation von Rechtsextremistinnen?

H. Schiedel: Das hängt mit dem Frauenbild des Rechtsextremismus und des Neonazismus zusammen, das (noch) abschreckend auf Frauen wirkt.Jedoch gibt es gegenwärtig Beispiele dafür, dass Frauen in die Szene langsam hinein wachsen, aber nicht in Führungspositionen, aufgrund der männerbündischen, frauenfeindlichen und sexistischen Strukturen.

 

Das Interview führte Christian Lerch