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Ausgabe 3/03


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Lokalaugenschein: Rechtsextremismus in Bad Ischl

Erst kürzlich ist die rechtsextreme Szene in Österreich durch Konzerte in Vorchdorf ins Rampenlicht gerückt worden. Oberösterreich wird immer häufiger Austragungsort solcher "Events" und Schauplatz rechtsextremer Aktivitäten.Ein Lokalaugenschein in Bad Ischl zeigt, wie sich Rechtsextremismus in einer Stadt äussert, die sich in Werbeslogans gerne als das "Herz des Salzkammergutes" bezeichnet.

Laut Beobachtungen der ansässigen Bevölkerung dürfte die lokale rechtsextreme Szene eher klein und unauffällig sein. Vor allem untertags sind Skinheads mit Bomberjacke und Springerstiefel nur äusserst selten anzutreffen. Da sind Punks wohl auffälliger, die schon ab dem frühen Nachmittag am Bahnhof "abhängen". Ansonsten scheint alles - wie in einer österreichischen Kleinstadt üblich - ganz "normal" abzulaufen. Hausfrauen erledigen ihre Einkäufe, Kinder beeilen sich in die Schule und Bauarbeiter holen sich in der Mittagspause ihre Wurstsemmel vom Supermarkt.

In der Nacht vor allem an den Wochenenden ändert sich dieses Straßenbild, da ist viel los in der kleinen Innenstadt. Jugendliche aus der näheren Umgebung strömen - mangels Möglichkeiten zur Abendgestaltung vor Ort - nach Ischl. Jetzt begegnet man nicht selten Jugendgruppen mit eindeutigem Erscheinungsbild, meistens auf dem Weg zu einem bestimmten Lokal, wo sich Gleichgesinnte treffen. Die übrigen Jugendlichen meiden dieses Lokal, da sich in der Vergangenheit eine erhöhte Aggressionsbereitschaft der dortigen Gäste gezeigt hat. Ab und zu unternehmen radikale Stammkunden des besagten Beisls "Ausflüge" in andere Lokale, wobei Treffpunkte von Punks und Lokale mit überwiegend ausländischen Gästen bevorzugt aufgesucht werden. Häufig kommt es so zu Schlägereien. Im vergangenen Jahr endeten solche "Besuche" zwei mal in Massenschlägereien mit mehreren Verletzten und Festnahmen. Laut Augenzeugen hätten die Gendarmeriebeamten anfangs tatenlos zugesehen, weil sie sich der Situation nicht gewachsen fühlten. Über solche Fälle wird sogar in den lokalen Medien ("Wochenrundschau", "Ischler Woche") berichtet, der Hintergrund der Schlägereien wird jedoch zumeist verschwiegen.

Unter einigen Traunbrücken Bad Ischls liegen weitere Schauplätze für Auseinandersetzungen zwischen rechter und linker Szene: Hier werden abwechselnd die Parolen und Slogans der "anderen Seite" übersprüht. Öffentliche Aufmerksamkeit erregen diese Sprühaktionen nicht, da die Hakenkreuze und "Nazis raus"-Sprüche von der Straße aus kaum erkennbar sind.

Allgemein dürfte es sich bei den Ischler "Nazis" vor allem um MitläuferInnen dieser Jugendkultur handeln, die sich abheben wollen und ein Gegenmodell zu Punk- und Alternativbewegungen darstellen wollen. Laut Schätzungen Einheimischer handelt es sich bei dieser Gruppe um ca. 30 bis 40 Jugendliche, die von rechter Ideologie wenig Ahnung zu haben scheinen ("Sie schimpfen hoit auf d´Ausländer und ziagn se Bomberjackn on"). Das soll die Gefährlichkeit dieser Gruppe aber keieswegs marginalisiern, die Schlägereien und die Feindseligkeit gegenüber AusländerInnen sind gute Beispiele dafür.

Obwohl Bad Ischl die größte Stadt im Bezirk Gmunden ist, fungiert sie nicht das Zentrum rechtsextremer Tätigkeiten im Salzkammergut. Vielmehr spiegelt Ischl als das Bild einer in der gesamten Region etablierten rechten Szene, deren Kontakte von Altmünster über Ebensee bis nach Bad Goisern reichen. In der Landwirtschaftsschule in Altmünster (in der viele Ischler Jugendliche das Internat besuchen) soll rechtes Gedankengut weite Verbreitung finden. Viele SchülerInnen kommen über Musik von rechten Bands wie "Böhse Onkelz" oder "Death in June" erstmalig in Kontakt mit dieser Ideologie, lassen sich dafür begeistern und nehmen nach Beendigung der Ausbildung die neue Lebensphilosophie mit in ihre Heimatorte. Dies könnte erklären, warum viele Ischler Skinsheads aus dem bäuerlichen Milieu stammen.

In letzter Zeit scheint es wieder ruhiger um die rechte Szene in Bad Ischl geworden zu sein. Seit fast einem Jahr kam es zu keinen größeren Schlägereien mehr und auch das in Verruf geratene Stammlokal wurde kürzlich geschlossen. Mögliche Indizien für das Abflauen einer menschenverachtenden Jugendkultur? Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt.

 

Florian Druckenthaner

Gedenkdienstmitarbeiter

lebt in Wien