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Ausgabe 3/03


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Café Temelín – Ein Nachruf

Vorgeschichte

 

Als 2001 die von FPÖ und Kronen-Zeitung gleichermaßen getragene Kampagne für das Anti-Temelín-Volksbegehren ihren Höhepunkt fand, war es kaum überraschend, dass die dabei einsetzende antitschechische Polemik in der österreichischen Öffentlichkeit eine nahtlose Fortsetzung in der Debatte um die sogenannten Beneš-Dekrete fand. Mit Traktoren wurden Grenzen blockiert um gegen ein Phänomen zu demonstrieren, das allein schon physikalisch keine Staatsgrenzen kennt. Mühlviertler Pfarrer hielten Feldmessen zum Schutz der Heimat und Kinder ab. Ein Landeshauptmann wurde mit einem Hubschrauber eingeflogen, um der Bevölkerung in ihrer Wehrhaftigkeit zur Seite zu stehen. Kurz: Temelín wurde Teil einer politischen Folklore, auf die keine Partei verzichten wollte.

„Wer Temelín sagt, hat im Hinterkopf auch die Benesch-Dekrete [sic!].“

Mit diesem markigen Spruch des deutsch-nationalen Exegeten Andreas Mölzer war in einem Satz die Entwicklung der darauffolgenden zwei Jahre vorweggenommen worden. Fanden in der Temelín-Debatte schon auf ästhetischer Ebene völkische Heimatelemente Einzug, so wurde mit der von den Vertriebenenverbänden übernommenen Forderung nach Aufhebung der die Vertreibung/Aussiedlung betreffenden Dekrete auch juristischer Revisionismus betrieben. Unabhängig von ihrer Rolle vor und während des Naziregimes sollten den „Sudetendeutschen“ - dieser Begriff existiert erst seit Gründung der CSR 1919 - für die kollektive Aussiedlung/Vertreibung der Opferstatus und darüber hinaus ein „Recht auf Heimat“ zuerkannt werden.

 

Café Temelín – die Tour

 

An eben diesem Überschneidungspunkt entstand das Projekt „Café Temelín – nie wieder heimat“: Das Café als Bezugspunkt österreichischer Identität sollte Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit Heimatbildern sowie deren Verwertung in beiden Debatten dienen. Als Aktionsform wurde von den InitiatorInnen ein mobiles Café an neuralgischen Plätzen in den vier Stationen Retz, Gmünd, Bad Leonfelden und Freistadt gewählt, um das sich die eigentlichen Aktionen wie etwa die Theaterperformance misswahl heimat, das Torwandschießen Beneš vor noch ein Tor, der Heimatprodukte-Shop und Sudeten-DKT sammelten. Zusätzlich fand am ersten Tag in Retz in einer theatralischer Aufführung eine Ritterschlacht um das Südmährerdenkmal statt, das schließlich symbolisch von der Café-Temelín-Crew mit dem Hissen des Transparents „Heimatrecht is very schlecht“ erobert wurde.

 

Zu Beginn jeder Station stand eine unterschiedlich lang dauernde, von Horn- und Trompetenklängen begleitete Verhandlungsphase mit den örtlichen Behörden, die sehr willkürlich auf die angemeldete Kundgebung reagierten, sodaß den TemelinistInnen etwa in Bad Leonfelden mit Hinweis auf die Straßenverkehrsordnung untersagt wurde, das Café an angemeldeter Stelle aufzubauen.

 

Entsprechend den lokalen Gegebenheiten wurden die Aktionen unterschiedlich aufgenommen: In Retz sorgte die Informationskampagne über die politischen Hintergründe und Motive der sudetendeutschen Funktionäre für Aufregung. Ebenso wurde eine Theaterperformance, in der vier Frauen in Trachten gekleidet allegorisch Heimatbilder darstellten, als antipatriotisch qualifiziert, In Freistadt wiederum stand eine lange Diskussion mit Vertretern einer örtlichen Anti-Temelín-Initiative über die Verbindungen der Öko-Bewegung zu rechts-nationalen Kreisen im Vordergrund. Manche Aktionen wurden umgefragt hingenommen, so wollten etwa Passanten in Gmünd den TourteilnehmerInnen ernsthaft Heimaterdesäckchen mit der Aufschrift „Mauthausen“ abkaufen. Da als wesentliches Element bodenverhafteter Identität Erde ein wichtiger Rolle spielt, wurden im Laufe der Tour Bodenproben genommen und nach pseudowissenschaftlichen Untersuchungen Ortsansässige befragt, wie sie zur dabei festgestellten tschechischen „Kontaminierung“ ihrer Heimaterde stehen. In Freistadt wiederum wurden Jugendliche nach ihrer lokalen Identität befragt und welche Rolle dabei das angrenzende Nachbarland spielt: Erwartungsgemäß wurde Tschechien stets nur als Einkaufsland erwähnt, den Begriff „Heimat“ deuteten viele Befragte überraschend offen.

 

Schließlich führte die Tour doch noch in das südböhmische Dorf Temelín, aus dem gleichsam weltfremd vier Betonkühltürme ragen, deren Inschrift „Armabeton“ auf das so oft beschworene umweltzerstörerische, lebensfeindliche Potential hinweisen. Das Kulturzentrum CEST in Tábor bot Gelegenheit für eine erste Reflexion und Präsentation des Erlebten. Nicht zu vergessen: Vor der Rückkehr nach Wien fand noch ein weiterer kurzer Ritterschaukampf Sudetendeutsche vs. Café-Temelín-Crew vor den historischen Polyesterfassaden von Excalibur City statt.

 

Historischer Revisionsimus

 

In einschlägigen Publikationen ist von „Vertreibungsholocaust“ und „Genozid an den Sudetendeutschen“ die Rede. Die offiziell von einer deutsch-tschechischen Historikerkommission mit 20.000 Personen bezifferte Anzahl der Opfer – die schlimm genug ist - wird auf über 200.000 Personen nach oben „korrigiert“ und schließlich wird in Fragen der Entschädigung auf „die Juden“ verwiesen. Somit ist die Debatte um die sogenannten Beneš-Dekrete ein sehr effizientes Vehikel des historischen Revisionismus geworden: Nicht zuletzt wurde von ebensolchen Kreisen - nämlich dem Witiko-Bund - die diesjährige Gedenkdiensttagung durch eine Demonstration gestört. Mit einer Demonstration ganz anderer Art sollte die Café-Temelín-Tour zu Ende gehen: Vor dem „Haus der Heimat“ fanden sich trotz strömenden Regens ca. 40 Menschen ein, um gegen die Subventionierung dieser Organisation durch Bund und die Gemeinde Wien trotz bekannter Verbindungen zur rechtsextremen Szene (der „Neue Klub“ ist Untermieter im Gebäudekomplex und lud immer wieder bekannte Holcocaustleugner wie Lüftl oder Nordbruch zu Lesungen ein) zu demonstrieren. Mit einer Videoprojektion der Aktion „Denkmalsturm“ auf die Hausfassade und einer Rede des Grünen-Gemeinderats David Ellensohn endete die Kundgebung.

 

Fazit: Gerade weil es so schwierig war, den Kern des österreichischen Patriotismus herauszuschälen, wird es auch in Zukunft notwendig sein, mit Aktionen wie Café Temelín in die Abgründe der vielzitierten österreichischen Seele zu blicken, um zu einem reflektierten Umgang mit so vieldeutig wie harmlos scheinenden Begriffen wie Heimat anzuregen.

 

Detailliertere Tourberichte in Audio- und Videoform und Hintergrundinformation zur Aktion gibt es unter www.cafe-temelin.net

 

Christian Selinger

Gedenkdienstleistender am Jüdischen Historischen Institut Warschau 1999/00.

studiert Mathematik an der Universität Wien.