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Ausgabe 3/03


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„Otto, sei schön brav, wir kommen bald“

Auf Einladung von Gedenkdienst, Jewish Welcome Service und London Jewish Cultural Centre (LJCC) sind am 20. Oktober 2003 acht aus Österreich stammende ZeitzeugInnen, die heute in England leben, für eine Woche nach Wien gekommen. Auf dem Besuchs-Programm standen neben touristischen und offiziellen Terminen auch Spurensuche und ZeitzeugInnen-Gespräche. Die Initiative zu diesem Projekt ist von Johannes Reitter ausgegangen, der 2002/2003 Gedenkdienst am London Jewish Cultural Centre geleistet hat. Von ihm stammt auch der folgende Beitrag.

 

 

Als Otto Deutsch am Freitag, den 24. Oktober 2003, gegen 14 Uhr beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in der Wipplingerstraße in Wien ankommt, ist die Eingangstür bereits verschlossen. Er läutet an und hat Glück: Noch sind nicht alle DÖW-MitarbeiterInnen nach Hause gegangen. Als Otto Deutsch sein Anliegen vorbringt, wird ihm die Türe sofort geöffnet: Er ist gekommen, um herauszufinden, wann und wo seine Eltern ermordet wurden.

 

Otto Deutsch ist einer jener acht ZeitzeugInnen aus England, die der Einladung in ihre frühere Heimat gefolgt sind. Für alle war es die erste Einladung von offizieller Seite (der Jewish Welcome Service repräsentiert die Stadt Wien), mehr als 60 Jahre, nachdem sie ihre Heimat auf unterschiedlichen Wegen verlassen mussten. Den Eltern von Otto Deutsch war es 1939 gelungen, ihren damals elfjährigen Sohn in einem der Kindertransporte nach England unterzubringen. Ottos Schwester, die 1921 geborene Adelheid, war bereits zu alt, um für einen Kindertransport in Frage zu kommen.

 

Die ZeitzeugInnen haben während ihres Österreich-Aufenthaltes Schulen, Universitäten und andere Einrichtungen in Wien, Oberösterreich und Salzburg besucht und dort ihre Lebens-Geschichten erzählt. Der 82-jährige Freddie Knoller etwa ist in sein Gymnasium eingeladen worden, das frühere „Sperlgymnasium“ und heutige „Sigmund Freud Gymnasium“ in Wien. Nach dem Anschluss schickten ihn seine Eltern ins vermeintlich sichere Frankreich. 1943 wurde er verhaftet und über Drancy nach Auschwitz III deportiert. 1945 befreiten ihn britische Truppen in Bergen-Belsen.

 

Zum ersten Mal ist im Rahmen dieses Projekts ein Zeitzeugin in die „Fachschule für Berufe im ländlichen Raum“ in Kleinraming bei Steyr gekommen. Für Rita Knopf, geboren 1931 in Wien, war es ebenfalls das erste längere ZeitzeugInnen-Gespräch, noch dazu in ihrer Muttersprache. Bei ihr zu Hause in London wird Englisch gesprochen, obwohl ihr Mann Kurt ebenfalls aus Wien stammt. Rita Knopf war von 1942 bis 1945 im KZ Theresienstadt.

 

Das Feedback, das wir nach den insgesamt 14 ZeitzeugInnen-Gesprächen von den SchülerInnen, LehrerInnen und den ZeitzeugInnen selber bekommen haben, war überwältigend. Es zeigt, dass großes Interesse vorhanden ist, und auch das Bewusstsein: Die Zeit wird immer knapper.

 

Ein dichtes Programm liegt hinter den acht ZeitzeugeInnen und ihren Partnern: Stadtrundfahrten in Wien, Empfang im Rathaus bei Vizebürgermeister Sepp Rieder, Zeitzeugen-Gespräche in Wien, Kleinraming Linz, Vöcklabruck und Salzburg, Empfang beim britischen Botschafter John Macgregor, Besuch der Gräber von Verwandten, Gottesdienst in der Synagoge in der Seitenstättengasse, Heurigen-Abend in Grinzing. Mit sehr viel Feingefühl haben die MitarbeiterInnen des Jewish Welcome Service diese Woche organisiert. Der Jewish Welcome Service hat auch den Großteil der Kosten übernommen.

 

Die Idee zu diesem Österreich-Besuch war in London entstanden: Bei meinem ersten Zusammentreffen mit den 60 Holocaust-Überlebenden, für die der jeweilige Gedenkdienstleistende am LJCC ZeitzeugInnen-Gespräche an Schulen in Großbritannien organisiert, hat mir der aus Wien stammende George Vulkan von seinem Aufgabenheft aus der dritten Klasse Volksschule erzählt, eines der wenigen Erinnerungsstücke, die ihm nach seiner Flucht aus Österreich geblieben sind. Meine Frage, ob er sich vorstellen könne, auch vor österreichischen SchülerInnen zu sprechen, hat er ohne zu zögern bejaht. George Vulkan hat am 23. Oktober in Wien im BRG Glasergasse die Geschichte seiner Vertreibung erzählt. In der Glasergasse hatten seine Großeltern väterlicherseits gelebt.

 

Bei seinem Zeitzeugen-Gespräch am 22. Oktober in der HTL im oberösterreichischen Vöcklabruck meinte Otto Deutsch noch, seine Eltern seien wahrscheinlich in Treblinka ermordet worden. Der Besuch im DÖW hat Otto Deutsch Gewissheit verschafft: Seine Eltern wurden 1942 von Wien zur ehemaligen Kolchose Maly Trostinec bei Minsk deportiert und sofort nach ihrer Ankunft umgebracht. Nach dem Schicksal seiner Schwester Adelheid hat er nicht gefragt. Das wolle er lieber nicht genau wissen. Beim Abschied 1939 am Wiener Westbahnhof hat ihm die „Deli“, wie Otto Deutsch seine Schwester nennt, nachgerufen: „Otto, sei schön brav, wir kommen bald.“

 

Links:www.desperatejourney.co.uk: die Autobiografie von Freddie Knollerwww.picus.at/literatur/kind.html: die Autobiografie von Martha Blendwww.jenior.de/national/katze.html: die Autobiografie von Trude Leviwww.ljcc.org.uk: London Jewish Cultural Centrewww.jewish-welcome.at: Jewish Welcome Service

 

 

Johannes Reitter

Gedenkdienstleistender am LJCC 2002/2003

ORF-Journalist in Linz