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Ausgabe 3/03


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Der Zeitzeuge Freddie Knoller zu Besuch in seine ehemalige Wiener Schule.

Freddie geht so wie fast jeden Tag in der Früh seinen Weg zur Schule. Dabei kommt er an einer Bäckerei vorbei, an mehreren Häusern, wo seine Freunde wohnen, an einem Fleischhauer, wo koscheres Fleisch verkauft wird und an einer Menge anderer kleiner Geschäfte. Der kleine dunkelhaarige Junge, erreicht nach wenigen Minuten sein Ziel – das Burschengymnasium in der Kleinen Sperlgasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Mehr als 60 Jahre später geht Freddie erneut durch die Kleine Sperlgasse, doch viel erinnert ihn nicht mehr an das damalige Aussehen, nur noch sein Schulgebäude kommt ihm bekannt vor. Er betritt dieses zusammen mit einer kleinen Gruppe von Menschen und macht sich auf den Weg in den ersten Stock, um im Sekretariat bekannt zu geben, dass er hier sei – Freddie wird nämlich erwartet. Der mittlerweile über 80-jährige wird nach kurzer Zeit in einen Klassenraum geleitet, wo eine Schülergruppe ihn bereits erwartet.

Freddie beginnt mit leicht englischem Akzent zu erzählen:

„Vor mehr als 60 Jahren habe ich selbst diese Schule besucht. Ich hatte fleißige Eltern, zwei ältere Brüder und viele Freunde und war eigentlich sehr zufrieden mit meinem Leben. Eines Tages als ich zur Schule ging traf ich meinen Freund Hansl. Ich begrüßte ihn so wie immer, aber er reagierte nicht und drehte sich stolz in seiner HJ-Uniform weg von mir. Auch in der Schule reagierten einige Freunde etwas seltsam, was mich anfangs sehr verwunderte. Ich fragte schließlich meine Eltern, woran es liegen könnte, dass sich das Verhalten einiger Leute mir gegenüber so drastisch geändert habe. Vater erklärte mir, dass wir als Juden in diesem Land nicht mehr willkommen seien und er mich daher zu Verwandten nach Belgien schicken werde. Auch meine beiden Brüder werden Österreich in Kürze verlassen. Nur er und Mutter würden hier bleiben, da man so alten Leuten wie ihnen ohnehin nichts anhaben werde.

So kam ich nun nach Belgien, wo ich mich ziemlich rasch mit der französischen Sprache vertraut machte und schnell neue Freunde fand. Doch meine relativ glückliche Situation in Belgien währte nicht allzu lange und ich kam in ein Arbeitslager nach Südfrankreich. Dort war ich einige Zeit inhaftiert, bis es mir gelang, mit einigen meiner Kollegen auszubrechen. Ich floh in Richtung Norden, wo ich in einem kleinen Dorf untertauchte. Dort fand ich auch nach einiger Zeit eine Freundin, welche von meiner wahren Identität erfuhr, die ich logischerweise auf der Flucht zu vertuschen versuchte. Doch schon nach kurzer Zeit ließ mein Interesse an der besagten jungen Dame nach, und wir trennten uns – was sich später als großer Fehler herausstellte. Das Mädchen hatte nämlich mich - ihren Ex-Freund - aus Wut angezeigt und meine Identität als Jude verraten. Als ich davon erfuhr, musste ich natürlich so schnell wie möglich meinen Aufenthaltsort verlassen und floh nach Paris. Auf den Weg dorthin besorgte ich mir noch schnell einen gefälschten Reisepaß, um nicht erkannt zu werden. In Paris angekommen, verdiente ich mir  meinen jämmerlichen Lebensunterhalt als Fänger für Bordelle, da ich sowohl deutsch als auch französisch sprechen konnte. So gelang es mir mich einige Zeit über Wasser zu halten.

Doch wie so viele andere Juden auch hat es auch mich eines Tages getroffen, als ich dazu bestimmt wurde ins Vernichtungslager nach Auschwitz deportiert zu werden. Da ich jung und relativ kräftig war, wurde ich nicht ins Gas geschickt, sondern im Lager Auschwitz-Monowitz ausgebeutet.

Tag für Tag wurde ich schwächer, dünner, müder und ausgelaugter, doch irgendwie gelang es mir dennoch, mich am Leben zu halten. Eines Tages verließen ich und einige andere Gefangene unter Führung der SS das KZ und flüchteten vor den Alliierten Richtung Westen. Eines Morgens wachte der Mann neben mir nicht mehr auf. Als ich versuchte ihn wachzurütteln, stellte ich fest, dass er tot war. Doch bevor ich mit den anderen Gefangenen unter Führung der SS das Übernachtungslager verließ, entriss ich dem Toten sein Abzeichen, welches ihn als politischen Gefangenen kennzeichnete, um es später anstelle meines gelben Sterns anzunähen. Das tat ich, weil es bei meiner Rückkehr ins befreite Frankreich half, da ehemalige politische Gefangene mehr anerkannt waren als Juden.

Nach dieser furchtbaren Zeit ging ich nach New York, da mein Bruder ein Visum für mich besorgt hatte. Dort lernte ich meine Frau kennen und wir zogen nach einiger Zeit nach England, wo wir bis heute leben“.

 

Dies ist die Geschichte von Freddie Knoller, der seine Erfahrungen in einer sehr bewegenden und beeindruckenden Weise in knapp zwei Stunden erzählte. Auf die Fragen der SchülerInnen antwortete er souverän. Nein, es störte ihn überhaupt nicht, wieder in seine ehemalige Schule zu kommen. Die heutigen SchülerInnen hätten überhaupt nichts mit seinen ehemaligen Schulkameraden zu tun. Sein wichtigstes Motiv sei es, derartige Geschehnisse in Zukunft zu verhindern. Vor allem hat mich die Großzügigkeit beeindruckt, mit der Freddie seiner alten Heimat vergibt. Ohne erkennbaren Hass, kann er in die Stadt zurückkehren, aus der er vertrieben wurde, aus der seine Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden und 1944 in Auschwitz ermordet wurden. Sein Bemühen, für eine Zukunft ohne Antisemitismus und ohne Gewalt gegenüber Minderheiten zu arbeiten, hat mich tief beeindruckt. Ich hoffe, dass noch viele Menschen die Chance bekommen werden, Freddie Knoller bei dieser Arbeit zuhören zu können.

 

Florian Josef

Gedenkdienstmitarbeiter