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Ausgabe 3/03


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Eine Studienfahrt auf den Spuren der slowenischen PartisanInnen

Am Anfang steht ein Kontrastprogramm: Wir besuchen die Veranstaltung zum Gedenken an die Volksabstimmung 1920. Es ist Freitag, 10. Oktober, ein schöner Herbsttag in Klagenfurt/Celôvec. Eine größere Menschenmenge hat sich vor dem Landhaus versammelt, um zu feiern. Der Zugang ist frei, doch man wird nicht fehlgehen in der Annahme, dass es in aller Regel nur jene nach Teilnahme an dem Festakt gelüstet, die sich als „Deutschkärntner“ definieren. Auf Spurensuche aufgebrochen, benötigen wir keineswegs besondere Sensibilität als FährtenleserInnen, um den deutschnationalen Trampelpfad zu finden, der den dominanten Entwurf einer Kärntner Identität prägt.

Honoratioren, von Vertretern des Kameradschaftsbunds und des Heimatdienstes bis hin zum Landeshauptmann, ereifern sich unter Einsatz der stets gleichen Bilder: Kärnten, ein von Wien verratenes Land, nach dem ersten Weltkrieg ebenso wie heute; seine BewohnerInnen deutsch, aber zugleich österreich-patriotisch, tolerant und friedliebend, aber doch wehrhaft. Das müssen sie auch sein, denn vom slowenischen Chauvinismus geht, wie man rasch erfährt, eine die deutsche Existenz bedrohende Gefahr aus. Mehrfach hört man Bekenntnisse zur Demokratie, die gegenläufig zu ihrer expliziten Sinnebene unmissverständlich die Botschaft übermitteln, dass man bei Bedarf auch anders könne.

Wir sind – wenigstens an der Oberfläche – belustigt ob der schamlosen Geschichtsklitterung. Außerdem fasziniert die Kluft, die zwischen der Realität einer durch Assimilationsdruck massiv reduzierten Gruppe von SlowenInnen und der Intensität einer deutschnationalen Aufwallung besteht, die sich gegen alle Evidenz einen mächtigen slawischen Feind imaginiert. Dieser tritt uns unter anderem in Gestalt von Marko Gabriel entgegen, der aus slowenischsprachigem Elternhaus stammt und in St. Jakob im Rosental/Šentjákob v Róžu aufgewachsen ist. Er hat unsere Unterkunft in einer idyllisch gelegenen Hütte des slowenischen Alpenvereins organisiert und unser Programm vor Ort koordiniert. In Gesprächen mit ihm versuche ich zu erfahren, wie sich jene Stimmung, die vor dem Landhaus spürbar war, im Alltag niederschlägt: In Kärnten gelte es oft genug bereits als Provokation, wenn sich ein Slowene öffentlich des Slowenischen bediene. Eigentlich unglaublich – und leider doch glaubhaft.

Der Verdacht, bei Deutsch-Kärnten handle es sich um ein völkisch durchgeknalltes Kuriosum innerhalb Österreichs, liegt nahe, weist aber dennoch in die falsche Richtung. Die nach 1945 forcierte Distanzierung von Deutschland, aus der man österreichische Identität zu gewinnen suchte, hat nie an der Gleichsetzung von deutscher Sprache und österreichischer Nation gekratzt. Kärnten fällt dennoch aus dem Rahmen: Erstens stehen einer Realität, die dem deutschnationalen Ideal gemäß wäre, selbst heute noch einige Prozent SlowenInnen entgegen, die sich nicht hinreichend assimilierungswillig zeigen. Zweitens haben sich hier in der NS-Zeit PartisanInnen gegen die großdeutschen Ambitionen militärisch zur Wehr gesetzt. Der Partisanenkult müsse ein Ende haben, forderten logischerweise die Redner bei jener Veranstaltung, die der Volksabstimmung 1920 als einem Sieg über das Slowenentum gedachte.

Nimmt man die „Deutschkärntner“ Version der Geschichte beim Wort, so hätte man sich die beiden älteren Herren, die für uns am Samstag – nach einem einführenden Vortrag des Klagenfurter Historikers Valentin Sima – über ihren Widerstand gegen das NS-Regime sprachen, als blutgierige, stalinistische Meuchelmörder vorzustellen. Dem ihnen unterschobenen Bild entspricht aber weder ihre Biographie noch ihr Auftreten. Bezeichnenderweise fehlte ihrer Rhetorik jene Aggressivität, die wir beim „Deutschkärntner“ Event kennen gelernt hatten.

Mohor Bogdan war aus Slowenien angereist, um uns über die Tätigkeit in der Gegend von St. Jakob/Šentjákob zu erzählen, wo die PartisanInnen 1944 einen Bunker als Stützpunkt für den Kontakt mit der lokalen Bevölkerung errichteten. Lipej Kolenik, 1922 in der Nähe von Bleiburg/Plíberk geboren, beteiligte sich hingegen im östlichen Kärnten am Kampf gegen die NS-Herrschaft, nachdem es ihm 1944 gelungen war, als Soldat der Wehrmacht zu desertieren.

Lipej Koleniks Biographie ist im Übrigen nachzulesen: In seinem 2002 erschienen Buch „Für das Leben, gegen den Tod“ berichtet er über die Zeit als Partisane, aber auch über die Nachkriegsjahre. Diese seien in mancher Hinsicht noch schlimmer gewesen. Mit großen Erwartungen hatte man der Freiheit entgegen geblickt, doch zeigte sich rasch, dass die britische Besatzungsmacht andere Pläne verfolgte als die PartisanInnen. Gemeinsam mit einer wieder installierten slowenenfeindlichen Kärntner Obrigkeit machte sie Leuten wie Lipej das Leben schwer. Dreizehn Mal wurde er bis Ende 1949 eingesperrt, der väterliche Bauernhof ging eines Tages in Flammen auf. Von katholischen Pfarrern als gottlos angefeindet, behandelte nach dem Bruch Jugoslawiens mit der Sowjetunion auch die KPÖ die ehemaligen PartisanInnen als vom rechten Glauben Abgefallene. Bald um manche Hoffnung aus der Partisanenzeit gebracht, blieb Lipej Kolenik dafür eine schwere körperliche Beeinträchtigung erhalten, die er einer im Kampf erlittenen Verwundung verdankte. Freilich vermittelt Lipej, bis heute im Partisanenverband tätig, alles andere als den Eindruck eines gebrochenen Mannes.

Die Perspektive des an den Rand Gedrängten ermöglicht einen klaren Blick auf die nationalistische Autosuggestion „Deutsch-Kärntens“. Lipej Kolenik macht kein Hehl daraus, dass er als Partisan die Vereinigung seiner Heimat mit Slowenien anstrebte. Er stellt aber die Frage: Warum sieht das offizielle Kärnten und die deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit in jemandem wie ihm, der gegen das NS-Regime gekämpft hatte, den Verräter, während sich jene, die den „Anschluss“ an das „Dritte Reich“ bejubelten, bis heute als Patrioten aufwerfen dürfen? Jörg Haider hatte am Tag zuvor seinem Publikum erklärt: Die Kärntner seien ja nicht dumm und ließen sich daher nicht täuschen. Für jemanden wie Herrn Kolenik gilt das zweifellos.

 

Oliver Kühschelm

Gedenkdienstleistender an der Fundación de la Memoria del Holocausto in Buenos Aires 2000/01