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Ausgabe 3/03


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Ich war noch nie an einem Ort, an dem der Geist des Holocaust so greifbar bis in die Gegenwart konserviert worden ist wie in Terezín.

Für mich als Ostösterreicher war Mauthausen, wo ich im Rahmen einer Schulexkursion einmal war, der bis dato plastischste Anknüpfungspunkt an den Holocaust. Und Terezín ist nicht Mauthausen. Meine größte Überraschung während der gesamten Studienfahrt war, dass in Terezín heute tatsächlich noch Menschen wohnen. Und das sind eben bei weitem nicht nur Menschen, die sich beruflich mit der Geschichte der Gemeinde auseinandersetzen – da leben viele Menschen einfach zufällig dort. Bei der heutigen Präsentation Mauthausens gibt es keine Zufälligkeiten, keine Grauzonen und keine Interpretationsspielräume. Schmerz, Auslöschung und vor allem die nicht zu relativierende Schuld der eigenen Vorgängergeneration(en) werden vorauseilend in absoluten Begrifflichkeiten kommuniziert – so wie man das von der Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher und österreichischer Geschichte von Seiten fast aller zeitgenössischen Mainstream-Medien kennt. In Terezín stehen manche Einwohner der permanenten Thematisierung der ehemaligen Rolle ihres Heimatortes nicht wohlwollend, oder zumindest gleichgültig gegenüber. Manche gehen tagtäglich an Schildern wie dem mit der Aufschrift „Krematorium“ tatsächlich nur „vorbei“ – oder rollen im Fall der Kinder mit einem Scooter drum herum. Auch der Bürgermeister von Terezín würde es sich, wie man hört, wünschen, dass in der Gemeinde nicht nur Projekte unternommen werden, die dazu beitragen, dass Terezín an seinem unschönen Image kleben bleibt.

 

Diese unbehagliche, aber gelebte Unvereinbarkeit zwischen einem Schauplatz des Holocaust und dörflichem Alltag ist aber nur ein Bruchteil der tristen Atmosphäre, die die Stadt durchdringt. Auch der desolate Zustand der Bausubstanz und der Häuserfassaden tut dieser Atmosphäre wohl keinen Abbruch, obgleich sie selbst einen solchen sehr gut gebrauchen könnten. Kaiser Joseph II. hatte diese Wehrbefestigung Ende des 18. Jahrunderts nämlich für ungefähr 10 000 Soldaten anlegen lassen. Diesen stehen heutzutage aber lediglich noch 3 500 Einwohner gegenüber, die wohl anscheinend weder die Mittel noch das Engagement für eine Instandhaltung dieser beschränkt ausgelasteten Wohnanlangen aufbringen können. Abends und wochenends sind die Straßen, die in ihren streng-rechtwinklig angelegten Mustern ebenfalls einen deprimierenden Effekt haben, leer und es ist totenstill, was gerade umso unheimlicher wirkt, weil man ja weiß, dass ja eigentlich Menschen da sind.

 

All das verbindet sich zu einer trübseligen Grundstimmung, die in Verbindung mit dem Bewusstsein des Aufenthaltszweckes stark genug ist, um von einem Besitz zu ergreifen. Für wie emotional distanziert man sich auch halten mag, oder wie vertraut mit oder abgehärtet gegenüber der „Problematik“ des Holocaust man zu sein meint - noch im Laufe des Ankunftstages geht der Geist von Terezín in ausnahmslos jeden über. Ein ständig lauerndes Unwohlsein, von dem man sich während des Aufenthaltes nicht mehr wirklich ablenken kann. Geradezu angebrachte Rahmenbedingungen also, um sich mit den Überresten eines ehemaligen Konzentrationslagers auseinander zu setzen. Es scheint, als ob es gerade diese ultimative Trostlosigkeit ist, die einen überhaupt erst für die Bilder, Skulpturen, Grabsteine, Biographien in all ihrer Tragweite empfänglich macht. Sie schafft offenbar erst wirklich die Voraussetzung dafür, dass diese Zeugnisse in einem die Gefühle wecken können, von denen man sonst nur denkt, dass man sie der Pietät halber empfinden sollte.

 

Und das Gefühl, das sich dann bei mir in letzter Konsequenz breitgemacht hat, war das einer erdrückenden Machtlosigkeit. Ich hab mir nämlich schwer getan, den in Terezín vollbrachten kulturellen Errungenschaften, die ja ein besonderes Charakteristikum dieses Konzentrationslagers ausgemacht haben, besonders viel Bedeutung beizumessen. Dass Komponisten wie Ullmann, Klein, Krása und Haas, Dramaturgen wie Schorsch, Frýd und Jelinek und Maler wie Fritta, Haas, Ungar und Kien ausgerechnet an diesem Ort zusammengefunden und sich gegenseitig kreativ befruchtet haben, ist eine Ironie des Schicksals. Dass sie blindlings ihre ganze Energie darin investiert haben, mit ihrer Kunst zu motivieren, inspirieren, ein bisschen abzulenken und damit insgesamt erträglichere Verhältnisse zu schaffen, ist ein Testament ihres großen Geistes, ihrer Courage und ihres unbrechbaren Lebenswillens. Dieses bemerkenswerte Schaffen erhält aber unmittelbar einen zutiefst tragischen Beigeschmack, wenn man sich die Umstände vor Augen führt, die so ein kreatives Wirken überhaupt zugelassen und begleitet haben. Nüchtern betrachtet scheint es so, dass die Kommandantur den Häftlingen von Terezín nur deswegen einen solchen außerordentlichen Grad an Entfaltung gestattet hat, um nur eine noch größere Befriedigung bei deren Ausmerzung zu empfinden. In kaum einem anderen Fall tritt diese Vorgehensweise schockierender zu Tage als beim Umgang mit der jüdischen "Selbstverwaltung" des Lagers. Man hatte den Häftlingen den Aufbau eines komplexen, funktionierenden Administrationsapparates samt eines Führungsgremiums in Form des Ältestenrates zugebilligt, eine Weile mitangesehen, wie dieser sich mit relativem Erfolg einarbeitete, nur um diesem dann wiederholt den Kopf abzuschlagen, indem man zuerst den Judenältesten Jakob Edelstein willkürlich aus seiner Position riss ihn nach Auschwitz deportierte, wo er ermordet wurde. Wenig später wurde dessen Nachfolger Paul Eppstein ebenfalls aus entlassen und in der Folge hingerichtet. Über all der Illusion der (freien) Entwicklung schwebt immer das Damoklesschwert der beliebigen Barbarei; und für jede vorgetäuschte Freiheit, die gewährt wurde, scheint es 1.000 Akte der umso ungebremsteren Brutalität gesetzt zu haben.

 

Derlei schauderhafte Geschichten rund um das Konzentrationslager gibt es genug, eine der furchtbareren ist die der 1260 Kinder von Bialystok. Diese wurden gesondert von den anderen Insassen gehalten und verhältnismäßig gut gepflegt, da sie gegen deutsche Kriegsgefangene eingetauscht werden sollten. Als die diesbezüglichen Verhandlungen jedoch gescheitert waren, wurden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei dem Gedanken daran, wie SS-Offiziere Säuglinge und Kleinkinder auf so einen Transport setzen können, wird einem schlecht. Da mischt sich dann auch ein Gefühl der tiefen Scham in das eigene Unwohlsein. Nicht (nur), weil die damaligen Täter aus dem selben Kulturkreis gekommen sind, wie man selbst, sondern weil man als Mensch grundsätzlich dazu fähig ist, so zu handeln. Und weil niemand, auch nicht man selbst, über die ultimativ effektiven internen Kontrollmechanismen verfügt, so einen irrationalen Rausch, wie er die Täter damals ursprünglich zu ihren Verbrechen getrieben hat, abzuwenden, und sie deswegen theoretisch jederzeit wieder irgendwo aus irgendwelchen vorgegebenen Gründen passieren könnten und passieren. Das ist die Essenz, die schon vorher unterbewusst in mir vorhanden war, ich aber noch intensiver aus Terezín mitgenommen habe.

 

Als wir am Morgen des vierten Tages Terezín verließen, fühlte ich mich nicht sonderlich erleichtert. Eher durchdrang mich ein Gefühl der grundsätzlichen Hohlheit. In gewisser Weise hatte ich mich damit an den spirit von Terezín akklimatisiert.

 

Epilog:

In einer weiteren unheilvollen Laune des Schicksals wurde eines der Museen von Terezín im Zuge der Hochwasser vom Sommer 2002 schwer beschädigt. Zum Zwecke seiner Restauration werden dringend Spenden benötigt, die auf die tschechische Kontonummer 161850292, Bankleitzahl 0600 eingezahlt werden können.

Albert Farkas

Gedenkdienstmitarbeiter