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Ausgabe 3/03


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Rezension

Lange Zeit stellte die Diskussion um die Singularität des Holocaust ein Tabuthema innerhalb der Geschichtswissenschaft dar.

Teils aus Rücksichtnahme auf die Opfer des Nationalsozialismus, teils um der Gefahr einer Vereinnahmung durch Holocaust-Leugner und Revisionisten zu entgehen, wurde lange Zeit gemieden, was sich schließlich in der anfänglich noch privaten Auseinandersetzung zwischen Ernst Nolte und Saul Friedländer erstmals ein Ventil verschaffte.Nach Daniel Jonah Goldhagen und Christopher Browning waren es in jüngster Zeit vor allem Norman Finkelstein und Peter Novick, die durch ihre Publikationen der Debatte zu neuem Aufkeimen verhalfen.So bestätigte der undifferenzierte Ansatz Norman Finkelsteins die Befürchtungen um einen neu offen zur Schau getragenen Revisionismus und Antisemitismus, während bei Novick – ähnlich wie bei Finkelstein – eine Schilderung der in den USA stattfindenden Debatte die Darstellung dominierte.

Im gleichen Jahr wie Finkelstein erschien unter dem Titel „Die Konkurrenz der Opfer“ eine deutsche Übersetzung der in Frankreich bereits 1997 erschienenen Studie des Soziologen und Philosophen Jean Michel Chaumont, die sich vor allem auch als Auseinandersetzung mit dem europäischen Diskurs versteht.

Dabei geht es Chaumont in der Hauptsache nicht um eine Diskussion des Problems der Einzigartigkeit des Holocaust aus geschichtswissenschaftlicher Sicht, sondern um eine möglichst umsichtige Analyse der daraus resultierenden gesellschaftlichen Zusammenhänge.

Dementsprechend liegt der Schwerpunkt seiner Arbeit auf der Nachkriegszeit, beginnend mit einer Betrachtung der Erinnerungen von Simone Veil „um die verschiedenen Facetten der Scham, ihre inneren Zusammenhänge und ihre Konsequenzen für die Singularitätsansprüche zu erkunden.“ (S.24).

Für den Autor liegt der Ausgangspunkt des Problems im Phänomen der Scham als „eine(r) Strategie der Auslöschung, um sich und die seinen zu schützen“ (S.25) begründet. Die immer schon bestehende, von den Nationalsozialisten bewusst geförderte Differenz zwischen verschiedenen Opfergruppen, zwischen »Politischen« und Juden, zwischen »Zigeunern« und Homosexuellen etc. zwingt die Opfer in ihrem Ringen nach Anerkennung, das von jüdischer Seite in der Singularitätsthese sein zentrales Argument findet, zur Konkurrenz.

„Abgesehen von dem evidenten Tatbestand, daß die Deutschen den Nationalsozialismus und insbesondere die Shoah nicht als ein Regime und als ein Verbrechen neben anderen betrachten können, war für mich nicht ersichtlich, womit sich die Frage einer absoluten historischen Einmaligkeit begründen ließ, und zwar aus dem ganz einfachen epistemologischen (…) Grund, daß der historische Diskurs aufgrund der jedem wissenschaftlichen Diskurs innewohnenden Grenzen nie, weder hier noch an anderer Stelle, das Absolute kennt.“ (S.325).Geleitet von dieser These entfaltet Chaumont in der Folge seine Analyse.Nach einer Diskussion des Diskurses, der seit Mitte der Sechziger Jahre in den USA geführt wird, versucht er schließlich durch eine Neufassung des Genozidbegriffs dem Problem zu begegnen um dadurch neue Perspektiven aufzuzeigen, die ein Erinnern an alle Opfer des Nationalsozialismus neu ermöglichen.Dabei nennt er den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden durchgängig Judeozid und klassifiziert ihn als einen „ethnozidären Genozid“, als „massenhafte Tötung von Mitgliedern einer bestehenden Gruppe, die auf die Vernichtung dieser Gruppe zielt.“ (S. 185), während ein Ethnozid zwar die „bewußte Zerstörung einer Gruppe“ zum Ziel hat, diese jedoch „nicht unbedingt das Leben (…) ihrer Mitglieder antastet.“ (S.186).Durch seine Arbeit wünscht sich Chaumont, „daß die Akteure der untereinander zerstrittenen Gedenkorganisationen den aufrichtigen Wunsch haben, ihre Konflikte wenn schon nicht zu lösen, so doch offen darüber zu sprechen.“ (S.287)Ob dies gelingt, muss freilich dahingestellt bleiben; In jedem Fall bietet sein Buch höchst subjektive und gerade deshalb wertvolle Anknüpfungspunkte für einen erst jungen Diskurs, der auch die dritte und vierte Generation auf Opfer- und Täterseite zusehends in die Verantwortung nimmt.Jean-Michel Chaumont, Die Konkurrenz der Opfer. Genozid, Identität und Anerkennung. Aus dem Französischen und Amerikanischen übersetzt von Thomas Laugstien. Lüneburg: zu Klampen 2001.

 

Florian Huber

Gedenkdienstmitarbeiter