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Ausgabe 4/03


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„Ich glaube nicht mehr die Welt in meiner Lebenszeit wesentlich verändern zu können. Ich kann aber helfen ...“

Otto Tausig wurde am 13. Februar 1922 in Wien geboren. Er mußte 1939 noch nicht 17-jährig nach England emigrieren, wo er sich als Land- und Fabrikarbeiter durchschlug. Seinen Eltern gelang im letzten Moment die Flucht nach Shanghai. Nach Kriegsende kehrte er nach Wien zurück und studierte von 1946-1949 am Reinhardt-Seminar. Ab 1948 war er als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg am Neuen Theater in der Scala engagiert. Nach der Schließung der „Scala“ 1956 ging er mit vielen KollegInnen nach Ost-Berlin. Es folgten Engagements in Zürich, Berlin (Volksbühne), Köln, Hamburg, Frankfurt und München. Von 1970-1983 war Tausig als Schauspieler und Regisseur Ensemblemitglied des Burgtheaters. Der heute pensionierte Burgschauspieler ist seit Jahren sozial engagiert und spendet seine Gagen zu 100% verschiedenen Selbsthilfe-Projekten. Er ist Mitglied des Entwicklungshilfe Klubs in Wien, dem noch andere bekannte österreichische KünstlerInnen angehören, um Notleidenden in Indien, Sri Lanka, Kambodscha, Peru, Äthiopien und in vielen anderen Ländern Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.

 

 

 

Im Rahmen der Präsentation, der vom DÖW herausgegebenen CD-ROM über die österreichischen Opfer des Holocaust, haben Sie das Gedicht „Juden am Bahnhof“ von Walter Lindenbaum rezitiert. Mich hat damals die Emotionalität berührt, mit der Sie dieses Gedicht vorgetragen haben. Sie selbst sind mit einem Kindertransport nach England gebracht worden. Welche Erinnerungen und Gefühle haben Sie an diese Zeit?

 

 

Im April 1938 wurde ich als Jude aus der Schule hinausgeschmissen, ich durfte das Schuljahr noch im Chajes Gymnasium im 2. Bezirk beenden und dann wars halt aus. Meine Eltern versuchten verzweifelt irgendwohin zu kommen, meine Mutter wollte mich beispielsweise nach Palästina schicken. Ich mußte bei der Anmeldungen meine Hände herzeigen, die waren ganz glatt, weil ich bis dahin noch nie gearbeitet habe. Mir wurde daraufhin mitgeteilt, dass so jemand dort nicht gebraucht wird.

 

Dann hat man halt versucht irgendwohin zu kommen, nach Rhodesien oder nach Paraguay. Dort wollten wir zu dritt hin, meine Eltern und ich. Das hat anfangs gut ausgesehen, mit der Zeit wurde es aber immer komplizierter. Dann hat sich die Möglichkeit mit dem Kindertransport ergeben, wobei ich da großes Glück hatte. Ich bin im Jänner 1939 weggekommen und im Februar bin ich 17 Jahre alt geworden und da wäre ich schon zu alt gewesen. Ich hab von England aus versucht meine Eltern als married couple nachzuholen, was aber nicht gelungen ist.

 

Etwas später hat meine Mutter in einer Auslage am Schwarzenbergplatz gesehen, dass zwei Karten für die Usaramo zu haben wären. Das war ein Schiff, das zum Verschrotten nach Japan gebracht wurde und am Weg dort hin Juden für teures Geld in Shanghai abgesetzt hat. Und so sind meine Eltern eben nach Shanghai gefahren, dem letzten Ort der Welt, wohin man ohne Visum flüchten konnte. Meinen Vater hab ich nie wieder gesehen, er ist an Tuberkulose gestorben. Er hätte Medikamente gebraucht, die meine Mutter in Shanghai nicht bekommen hat.

 

 

Erinnern Sie sich noch an den Tag Ihrer Abreise?

 

 

Es waren zwiespältige Gefühle, die ich damals hatte. Ich bin mit meinen Eltern in der Straßenbahn zum Bahnhof gefahren, es war neblig, 6 Uhr in der Früh. Dann sind wir am Bahnsteig gestanden und mir war schon merkwürdig flau im Magen, ob ich sie jemals wieder sehen werde.

 

Im Zug war es dann fast ein triumphales Gefühl von hier wegzukommen. Ich erinnere mich noch, wie wir von Deutschland in die Niederlande gekommen sind, haben wir alle die Marseilaise gesungen, es war schon sehr erleichternd. Und England ist mir emotionell doch näher gewesen als Rhodesien oder Paraguay.

 

 

Wie war dann das weitere Procedere, nach Ihrer Ankunft in London?

 

 

Meine Mutter hat im Vorfeld meiner Abreise eine Anzeige in der Times aufgegeben um einen Job für mich zu finden. Wir haben zwei Antworten bekommen: das eine war ein Posten als Roßknecht und das zweite war ein Angebot eines Bachelor of Arts, der mich an einem College studieren lassen wollte. Die Perspektive studieren zu können war natürlich großartig und im Vergleich zur Existenz als Roßknecht viel interessanter . Nach meiner Ankunft in London wurde ich zu diesem Mann geschickt und von dort kam ich dann in dieses College. Nun erwies sich diese Schule als reine Schwindelinstitution. Der Direktor war bestechlich und verteilte gegen entsprechende Bezahlung gute Noten, damit die Kinder dann leichter einen Job finden konnten. Wir haben alle gehungert, es gab sehr wenig zu essen und das Unterichtsniveau war lächerlich. Briefe wurden vom Direktor zensuriert, doch nach einiger Zeit bekamen die Eltern diese fürchterlichen Zustände mit und die Schule wurde geschlossen – ich saß also auf der Straße.

 

Zum Glück wurde ich dann gemeinsam mit zwei anderen gleichaltrigen Flüchtlingen durch ein Quäker Ehepaar betreut. Die konnten natürlich nicht ganz für uns aufkommen und so versuchte ich mich als Bratschist in einem kleinen Nordenglischen Stadtorchester über Wasser zu halten. Ich hatte in Wien widerwillig Geige gelernt und noch nie vorher eine Bratsche in der Hand gehabt. Daher wurde ich beim Vorspielen binnen kürzester Zeit als unfähiger Bratschist entlarvt. Aber weil das Orchester so miserabel war, kam ich in der Zweiten Geige unter, womit ich wenigstens eine Zeitlang mäßig versorgt war – für die Proben erhielt ich 2.50 Schilling und für Konzerte 5 Schilling.

 

Nach Kriegsausbruch wurde ich dann – wie alle deutschsprachigen Flüchtlinge – als feindlicher Ausländer interniert. Zuerst in verschiedenen kleineren Lagern und dann am längsten auf der Isle of Man.

 

 

Das war für Sie als 17-jähriger sicher eine sehr schwere Zeit. Wie haben Sie sich emotionell über Wasser gehalten, woran haben Sie ihre Hoffnungen geknüpft, woran geglaubt?

 

 

Ich war nie jüdischen Glaubens, mein Vater war Agnostiker und meine Mutter ist einmal im Jahr zu den hohen Feiertagen in den Tempel gegangen. Ich bin also vollkommen unreligiös aufgezogen worden. In England haben mich vor allem die Quäker sehr beeindruckt, weil die uns über eine sehr schwere Zeit hinweg geholfen haben. Eine Zeit lang war ich dann auch Quäker, weil ich gemeint habe, dass sich deren Ansichten mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild vereinen lassen - ich bin nach einiger Zeit davon aber abgekommen. Wissenschaft ist die Methode der Skepsis und Religion die Methode des Glaubens – das schien mir nicht zusammen zu passen. Ich suchte nach einer neuen Weltanschauung und da ich immer schon der Ansicht war, dass diese Welt verbesserungswürdig sei, bin ich auf den Marxismus gekommen. Ich hab mir von einer Bekannten die Werke von Marx und Lenin ins Lager schicken lassen und hab sie dort gelesen. Das hat den Verdacht des Intelligence Officers erregt, der von draußen mit einem Operngucker ins Lager hinein geschaut hat. Die „wirklichen“ Kommunisten haben ihre Bücher in harmlosen Einbänden versteckt. Ich bin deshalb ziemlich lang im Internierungslager gewesen, weil ich wahrscheinlich für einen Oberkommunisten gehalten wurde. Aber abgesehen davon, leuchteten mir marxistischen Ideen ein und ich schloß mich den Kommunisten an.

 

 

Was hat Sie bewogen nach dem Krieg aus Großbritannien zurück nach Österreich zu kommen? Sie selbst wurden 1938 als Jude ausgegrenzt und durften nicht mehr zur Schule gehen. Und nach Kriegsende wurde bekannt, was in der Zwischenzeit geschehen war.

 

 

Die KP hat sich sehr konsequent dafür eingesetzt, dass Österreich wieder ein selbständiger Staat wird und das hab ich damals wie heute gut gefunden. Und eines wußte ich als Kind schon, dass ich Schauspieler werden wollte. Als Schüler hab ich bereits gespielt und inszeniert, ich war absolut mit der Wiener Kultur verhaftet. Nestroy, Raimund die gehörten zu Wien und gehörten zu mir und ich gehörte genau dahin. Ich wußte eigentlich nicht, wieso ich das den Nazis überlassen sollte – es gab gar keinen Zweifel, dass ich wieder zurück kommen wollte. Gut, Antisemitismus gabs und gibt es immer noch, aber den gibt’s ja überall.

 

 

Lassen Sie uns einen großen Sprung machen. Nach Ihrer Ausbildung am Reinhardt-Seminar waren sie an der „Skala“ tätig und nach deren Schließung gingen Sie – weil Sie kein Engagement in Österreich bekamen - nach Berlin. In der Folge waren Sie an vielen Bühnen im deutschen Sprachraum tätig, bis Sie 1970 ans Burgtheater kamen, wo Sie 1983 in Pension gingen.

 

Wie kam es nun zu Ihrem Engagement für notleidende Kinder und Jugendliche in aller Welt? Was war ihre Motivation, was hat den Ausschlag dazu gegeben?

 

 

1989 hab ich in einem französischen Film Nocturne indien mitgespielt, der in Bombay gedreht wurde. Dort hab ich zum ersten Mal die Dritte Welt gesehen und diese unendliche Armut. Ich hab eine schöne Gage bekommen und meiner Frau einen Seidenanzug gekauft, der sehr billig war und bin nach Hause geflogen. Da hab ich mir gedacht: das geht so nicht. Ich war ja einmal für die Änderung der Welt, für den Kampf gegen die Armut. Da muß ich jetzt etwas machen. Ich beziehe eine sehr schöne Pension vom Burgtheater und eine weitere aus meiner Tätigkeit als Lehrer am Reinhardt-Seminar – ich hab also keine Sorgen. Und außerdem hab ich das Glück arbeiten zu können. So hab ich beschlossen nicht mehr für mich sondern nur noch für die Dritte Welt zu arbeiten. Ich hab mich also umgesehen und Vereine gesucht, die vernünftige Projekte organisieren, wo die Spenden zu 100% den hilfsbedürftigen Menschen zugute kommen und nicht in der Organisation versickern. So bin ich nach einigem Suchen auf den Entwicklungshilfe Klub gekommen. Anfangs habe ich nur Projekte in Indien betreut, wo Kinder in unendlich furchtbarer Weise ausgebeutet werden und wo die Chance besteht diese Kinder zu befreien und ihnen ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Das waren Kinder, die in Teppichknüpfereien und ähnlichen Betrieben arbeiten mußten.

 

 

Wie ist es zu dem nach Ihrer Großmutter benannten Laura Gatner Flüchtlingshaus gekommen?

 

 

Meine Großeltern sind nach Theresienstadt deportiert worden und später in Treblinka vergast worden. Als meine Mutter 1947 aus Shanghai nach Wien zurück kam, hat sie in Erfahrung gebracht, dass ihre Eltern ein Konto bei der Creditanstalt hatten. Mein Großvater war Besitzer eines Holzplatzes, der „arisiert“ wurde. Dafür bekamen meine Großeltern 60.000,- Reichsmark, die gingen auf dieses Sperrkonto bei der Creditanstalt, das sie nicht anrühren durften. Meine Mutter hat sich also bei der Creditanstalt erkundigt, was mit dem Geld geschehen ist. Daraufhin bekam sie einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass das Geld nicht mehr vorhanden sei, da es an die Gestapo für „Judenumsiedlung“ überwiesen wurde. Abschließend wurden seitens der Bank 35,- Schilling für die Kosten der Nachforschungen verlangt. Meine Großeltern haben also ihre eigene Ermordung bezahlen müssen.

 

Als vor einigen Jahren die Sache mit den Schweizer-Konten ruchbar wurde, habe ich der Creditanstalt einen Brief geschrieben, eine Kopie des damaligen Schreibens an meine Mutter beigefügt und gefragt auf welcher gesetzlichen Grundlage die Bank das Geld ihrer Kunden damals deren Mördern übergeben hat und was die CA denn heute davon hält. Als Antwort bekam ich einen sechszeiligen Brief, worin mir mitgeteilt wurde, dass es aus der damaligen Zeit keine Unterlagen mehr gibt und die Bank deshalb nichts tun könne. Ich erwiderte, dass das ja nicht stimmt, da ich den Brief der CA aus dem Jahre 1947 habe, in dem alles genau erklärt wird. So entwickelte sich langsam ein Dialog zwischen der CA und mir, worin ich verlangte, dass das Geld in heutiger Währung zurückgegeben wird – nicht mir oder einem Rechtsanwalt – sondern an Menschen die heute in einer ähnlichen Situation sind, wie ich und meine Familie damals. Es waren Monate von Diskussionen bis mein Anliegen in den Vorstand der CA gelangte und es hat nochmals sehr lange gedauert, bis wir uns auf einen Umrechnungsschlüssel geeinigt haben. Berechnungen, die ich durchführen ließ gingen von zwei bis drei Millionen Schilling aus, während die CA - nach ihren Berechnungen - von 20.000,- Schilling ausging. Schlußendlich haben wir uns auf 400.000,- Schilling geeinigt. Das sind zwar nicht zwei bis drei Millionen Schilling, es reichte aber als Startkapital für die Renovierung des Hauses in Hirtenberg aus, das für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge vom Evangelischen Flüchtlingsdienst betrieben wird.

 

 

Haben Sie ein ganz bestimmtes Ziel, das Sie mit Ihrer Hilfstätigkeit verfolgen?

 

 

Ich versuche nach Möglichkeit Projekte zu finden, wo es um Produkte geht, die wir hier in Europa kaufen. Wir sind Schnäppchenjäger geworden, die möglichst billig einkaufen wollen. Ich will versuchen mit meinen Projekten den Verstand der Menschen etwas zu öffnen und zu zeigen, dass wir hier Mitverantwortung für das Schicksal dieser Kinder tragen. Ich glaube nicht mehr die Welt in meiner Lebenszeit wesentlich verändern zu können. Ich kann aber helfen für ein paar Menschen das Leben besser zu gestalten, genauso wie die Quäker mir damals geholfen haben.

 

 

Das Interview führte

 

Stephan Roth

 

Vorstandsmitglied GEDENKDIENST

 

 

Nähere Informationen zu den Projekten des Entwicklungshilfe Klubs sind unter www.eh-klub.at zu finden. Die Kontonummer des Klubs lautet Erste Bank 31005405150 BLZ : 20111