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Ausgabe 4/03


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„Sie hat nie aufgehört nach ihren Eltern zu suchen“

In den wenigen Monaten zwischen der sogenannten „Reichskristallnacht“ im November 1938 und dem Kriegsausbruch im September 1939, standen viel jüdische Eltern vor einer schweren Entscheidung. Sie konnten ihre Kinder aus Österreich in ein fremdes Land, zu fremden Menschen schicken – alleine und ungeschützt, oder sie konnten sie bei sich  behalten, im Bewusstsein, dass sie ihnen keinen Schutz bieten konnten. Tausende Eltern entschieden sich für die Trennung, wissend, dass sie ihre Kinder vielleicht nie wiedersehen würden.

 

Auch heute schicken unzählige Eltern aus allen Teilen der Erde ihre Kinder auf die Flucht vor Krieg, Zwangsarbeit, Hunger und Bedrohungen aller Art. Viele der Kinder, die es bis nach Österreich geschafft haben, glauben am Endpunkt ihrer Flucht angekommen zu sein, die beschämende Realität sieht anders aus.

 

Wie haben die Kinder von damals ihre Trennung erlebt? Und wie erinnern sie sich heute, mehr als 60 Jahre danach? Wie leben Flüchtlingskinder im Österreich von heute? Und wie leben ihre in der alten Heimat gebliebenen Eltern?

 

Die Regisseurin Käthe Kratz ist diesen Fragen in ihrem 2002 gedrehten Film „Vielleicht hab ich Glück gehabt„ nachgegangen. Sie erzählt darin die Geschichten von sieben Menschen: drei jüdischen Emigrantinnen, die 1938/39 mit Kindertransporten Wien verlassen konnten; zwei äthiopischen Mädchen, einem Jungen aus Moldawien und einem aus Marokko, die ihre Heimat ebenfalls verlassen mußten und nach Österreich kamen.

 

 

In den Veranstaltungen von GEDENKDIENST werden unter anderem Themen wie Rassismus, Ausgrenzung, Emigration behandelt. In diesen Themenbereich fällt auch Ihr Film „Vielleicht habe ich Glück gehabt„ aus dem Jahr 2003. Als wir Ihren Film im Rahmen einer unserer Veranstaltungen vorstellten, hat es viele sehr beeindruckt, dass Sie in Ihrem Film so gänzlich auf Zahlen und Fakten verzichten. War das beabsichtigt?

 

 

Zahlen und Daten kann man ja nachlesen, dafür brauch ich keinen Film. Ich denke, was ein Film an zusätzlichen Informationen bieten kann, ist genau dieser direkte emotionale, persönliche Bezug zu den Menschen, die diesen Film tragen. Die Wahrnehmung über spezielle Personen und über die damit verbundenen Emotionen halte ich für sehr wichtig und immer wieder für ein bißchen vernachlässigt. Ich denke, dass ist eine Information, die letztendlich viel haltbarer ist und tiefer geht.

 

 

Wurde Ihnen jemals der Vorwurf gemacht, dass Sie in Ihren Film auf ebendiese Fakten verzichtet haben? Es kommt doch vor, dass ZuschauerInnen gerade in so einem Film nach Fakten und Argumenten suchen.

 

 

Nein, ich glaube, dass dieser Ansatz der Methode einen Film zu machen widerspricht. Ich bin nicht da, etwas zu beweisen, Jugendlichen irgendwelche Argumente zu liefern. Wenn es gelingt Menschen durch dieses Thema zu berühren und ein Bewußtsein zu schaffen, dass es so etwas wie Heimatlosigkeit gibt, dass Menschen in diesem jungen Alter in die Flucht geschlagen werden, dass man vielleicht eine Ahnung davon bekommt wie sich das anfühlt, dann ist das schon mehr als ich mir wünschen kann.

 

 

Wie haben Sie die ProtagonistInnen für Ihren Film gefunden und ausgewählt?

 

 

Die drei alten Damen habe ich schon von einem anderen Projekt gekannt. Sie hatten mir damals schon von ihren Kindertransport-Erfahrungen berichtet. Das hatte aber in diesem Projekt keinen Platz. Damals habe ich mir schon gedacht, mich damit weiter zu befassen, da mir das sehr nahe gegangen ist. Bei den Jugendlichen ist das so, man bekommt überall mal einige Kontakte, irgendwann kennt man sich dann aus in diesen Bereichen.

 

 

Sie hatten also zuerst vor, die drei Damen erzählen zu lassen, wie es zu Zeiten des Nationalsozialismus war, als Kinder/Jugendliche flüchten mußten und haben daraufhin die Verbindung zum Heute hergestellt. Gibt es denn da Ähnlichkeiten zwischen den Jungen und den Älteren, fernab der völlig unterschiedlichen Motive zu flüchten?

 

 

Ich denke, die Dinge begegnen einander in der Form des Erlebens. Etwa durch die Gefühle allein zu sein, wie gehe ich damit um ohne Eltern - einfach fremd zu sein. Auf dieser Erfahrungsebene haben die Alten und die Jungen sehr viel gemeinsam. Die Jungen sind eben noch mitten drin in dieser Erfahrung, die Alten haben inzwischen sechzig Jahre dazwischen liegen und haben Wege gefunden das zu reflektieren, zu rationalisieren und auch zu formulieren.

 

 

Übernehmen die beiden Altersgruppen bestimmte Rollen?

 

 

Die jungen stehen mitten in der Katastrophe und die Alten haben die Rolle des reflektierenden Moments.

 

 

Hatten Sie das Gefühl, dass die älteren Personen sich irgendwann zu Hause gefühlt haben in England? Diese Frage könnte ich auch genereller stellen: Meinen Sie, dass man sich irgendwann als Angehöriger des Landes sehen kann, in das man geflohen ist?

 

 

Ich denke, das ist sehr unterschiedlich, das hängt davon ab, wie gut es gelingt, sich in dem neuen Umfeld zu etablieren, beruflich und auch persönlich. Und diese Frage hängt wieder damit zusammen, wie traumatisch die Erfahrungen davor waren. Zum Beispiel bei Anne Keleman, deren Eltern sind im KZ gestorben. Bei ihr hatte ich das Gefühl, dass sie nie aufgehört hat zu suchen und nie wieder wirklichen Boden unter den Füßen bekommen hat.

 

 

Und jemand, der die Eltern nach 1945 wieder gesehen hat?

 

 

Bei denen ist in irgendeiner Form, zwar schmerzlich und bruchstückhaft diese Welt, die sie verloren haben, noch bestehen geblieben.

 

 

Die schlimmen Erfahrungen, die die jugendlichen Flüchtlinge gemacht haben, die Probleme zu Hause, die unmenschlichen Bedingungen auf der Fahrt (ich denke nur an den Container, der in Marseille abgeladen wurde), die Ungewißheit , was nun kommen mag, stehen ziemlich im Kontrast zu dem, wie sie in Österreich aufgenommen wurden. Ich hatte am Ende des Filmes das Gefühl, den Jugendlichen geht es gar nicht so schlecht, die Asylpolitik tut ihr bestes, um es den Flüchtlingen so angenehm wie möglich zu machen. Sie alle haben ein Dach über dem Kopf gefunden, sagen sogar selber, sie fühlen sich hier sehr wohl, haben eigentlich ein neues zu Hause gefunden.

 

 

Man muß dabei bedenken, dass man an die Jugendlichen, die von keinem Netz aufgefangen worden sind, gar nicht rankommt. Die sind irgendwo versteckt in Kellern, gehen arbeiten, müssen sich prostituieren. Das heißt damit gibt es schon eine gewisse Form von Auslese. Es hat natürlich den Jugendlichen genützt, dass da ein Film gemacht wurde. Da stand dann die - für manche vielleicht drohende - Frage der Öffentlichkeit hinter ihnen. Um dieses Gefühl „eigentlich geht’s denen ja eh ganz gut„ ein bißchen in Frage zu stellen, haben wir diesen Schlußtext hingestellt der sagt, dass lediglich 1% der AntragstellerInnen eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Wobei man auch sagen muß, dass die Personen die mit den Jugendlichen direkt arbeiten, im Prinzip engagierte Menschen sind, die im Rahmen dessen was möglich ist schon das Beste tun. Die Strukturen sind die Katastrophe, da verzweifeln sie oft selbst dran.

 

 

Sie wollen in diesen Film nicht die Nachricht übermitteln, die Asylpolitik ist am Scheitern, sie ist inhuman und reformbedürftig? Was haben sie für eine Nachricht an das Publikum?

 

 

Wenn sich nun Menschen fragen, wie das denn überhaupt geht mit der Asylpolitik - denn  nur 1% dieser Jugendlichen bekommen Asyl - dann bleibt es jedem selbst überlassen zu sagen „jetzt möchte ich mehr wissen, jetzt informiere ich mich“, oder sogar „jetzt tue ich was, gehe auf die nächste Demo, oder ich melde mich als Patin für einen Jugendlichen“, was auch immer. Es gibt keine eindeutigen Antworten, es wäre auch absurd sie geben zu wollen.

 

 

Hatten sie während der Interviews das Gefühl, dass die Jugendlichen Ihnen als Österreicherin Vorwürfe machen, sie sind hier geboren, sie haben es gut und könnten es sich ja gar nicht vorstellen was man erlebt hat?

 

 

Zunächst waren sie voller Angst, was jetzt passiert, auch wenn wir ihnen immer wieder vermittelt haben, es wird in diesem Film nichts passieren was ihnen schaden könnte.

 

Aber so fremd, wie sie in diesem Land sind, hat eine solche Zusage nur begrenzten Wert. Es ist erst im laufe der Zeit Vertrauen entstanden, dass damit ihnen wirklich etwas Gutes getan wird. Von wegen sich wirklich mit mir konfrontieren, davon war die längste Zeit nicht die Rede, auch aus ihrem „Überlebensinteresse“. Und danach, als sie begriffen haben, dass ihnen nichts Böses passiert, im Gegenteil, dass ich versuche ihnen zu helfen so gut es geht, dann waren sie einfach dankbar, haben den Strohalm genommen und gesagt „Hilfe“.

 

 

Beeindruckend waren in dem Film die Reaktionen der Älteren Personen, die auf einem Bildschirm die Jugendlichen gesehen haben. Glauben Sie, dass mancher sich mit denen sehr gut identifizieren konnte, sich selbst in ähnlicher Situation sah, oder ob die älteren Frauen eher in die objektive Rolle des Betrachters gingen, sich selbst als wohlhabende Europäer verstanden?

 

 

Es ist ihnen sehr, sehr nahe gegangen. Da ist sehr viel von ihrer eigenen Geschichte wieder zum Vorschein gekommen. Da ist eben die Parallelität, da treffen sich die Geschichten.

 

 

„Vielleicht habe ich Glück gehabt“ ist im filmladen, dem Verleih des Votivkino (www.filmladen.at) erhältlich.

 

 

Das Interview führte

 

Juliane Urban

 

EVS-Freiwillige im Gedenkdienstbüro Wien