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Ausgabe 4/03


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Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik„ 1938 bis 1945"

Die Erkenntnis, »dass die Vorstellung eines „rassisch homogenen“ und „erbgesunden“ Volkskörpers zu den zentralen politisch-ideologischen Elementen des Nationalsozialismus gehörte«, hat heute in der wissenschaftlichen Betrachtung der NS-Zeit den Status eines Allgemeinplatzes erlangt.

Weniger selbstverständlich mutet da die Einsicht an, dass auch das öffentliche Gesundheitswesen seit jeher – unter dem Paradigma der Abwehr von Gefahren für die Allgemeinheit – von einer Orientierung auf ein fiktives „Volksganzes“ ausgeht, die im Kontext der nun als Buch vorliegenden Diplomarbeit von Herwig Czech an der Universität Wien [Herwig Czech: Erfassung, Selektion und „Ausmerze“. Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik“ 1938 bis 1945. Wien 2003.] eindrucksvoll Kontur gewinnt. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt dementsprechend auf einer Betrachtung der Wiener Gesundheitsämter im Nationalsozialismus, genauer gesagt der Untersuchung der Abteilung „Erb- und Rassenpflege“ des Hauptgesundheitsamtes, der zentralen Institution im Bereich der „Rassenhygiene“, »deren Geschäftsverteilungsplan sich wie ein Inventar der eugenischen Maßnahmen des NS-Staates liest.«.

 

Nach dem „Anschluss“ wurde auch in Österreich 1938 das „Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ eingeführt, das bis heute (!) die Grundlage für die Organisation der Gesundheitsämter bildet. Gestützt von der »doppelten Autorität öffentlicher Gewalt und wissenschaftlicher Legitimation« verfügte die Stadt Wien bereits zu diesem Zeitpunkt über ausreichend personelle und organisatorische Ressourcen sowie das nötige Know-how um eugenische Maßnahmen auf breiter Basis durchzusetzen. „Erbgesundheitspolitik“ bedeutete vor allem eine Ausdehnung und Radikalisierung bestehender Aufgabenbereiche und damit die Chance auf Machtzuwachs und die Mobilisierung zusätzlicher Ressourcen für die Gesundheitsämter, was in den einführenden Kapiteln des Buches ausführlich dargestellt wird.

 

Konkrete Grundlage für rassenhygienische Maßnahmen bildete die sogenannte „erbbiologische Bestandsaufnahme“, die systematische Erfassung von gesundheitlichen und sozialen Mängeln der Wiener Bevölkerung. 1944 umfaßte die Wiener „Erbkartei“, eine der größten des Reiches, Angaben über 767.000 Personen, was einem Viertel der damaligen Bevölkerung von Groß-Wien entsprach.

Damit verbunden waren die eugenische Überwachung der Eheschließungen, so genannte „positive eugenische Maßnahmen“ zur Förderung des Bevölkerungszuwachses, die Zwangssterilisierungen an angeblich „Erbkranken“, die Verfolgung so genannter „Asozialer“ oder „Gemeinschaftsfremder“, die Verfolgung von Juden und Zigeunern, die rassistische Politik gegen ausländische Zwangsarbeiterinnen und ihre Kinder und schließlich die Beteiligung des Gesundheitsamtes an der systematischen Ermordung von behinderten Kindern und PsychiatriepatientInnen.

 

Symbolisch für diese Ermordung „lebensunwerten Lebens“ steht als Ort neben der Vernichtungsanstalt Hartheim bei Linz die „Wiener städtische Jugendfürsorgeanstalt ‚Am Spiegelgrund‘“ auf dem Gelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“, der im Buch ein breiter Raum gewidmet ist.

Fast 800 junge Menschen wurden in den Jahren 1940 bis 1945 in der Anstalt am Spiegelgrund zu Tode gebracht, wodurch die Selektion und Ermordung von behinderten Kindern zu einem fixen Bestandteil der kommunalen Kinder- und Jugendfürsorge gemacht wurde. Dabei lag die Durchführung der Kindereuthanasie mit Ausnahme eines Gremiums von Tötungsgutachtern in Berlin vollständig in den Händen der Wiener Gemeindeverwaltung.

Teile der Vorarbeiten zu diesem Buchkapitel fanden Eingang in die Anklageschrift gegen den in der „Jugendfürsorgeanstalt ‚Am Spiegelgrund‘“ tätig gewesenen Dr. Heinrich Gross, was die Bedeutung der Recherchen des Verfassers für diesen Bereich der NS-Medizinverbrechen und vor allem ihrer wissenschaftlichen Verwertung nach Kriegsende verdeutlicht.

Herwig Czech untersuchte zu diesem Zweck die Publikationen der während der NS-Zeit in der Jugendfürsorgeanstalt tätigen Ärzte, wobei es vor allem ein bewußtes Ignorieren der Frage nach der wissenschaftlichen Bedeutung der auf diese Weise von NS-Ärzten gewonnenen Erkenntnisse ist, die seinen Ansatz kennzeichnen.

Neben einer an Michel Foucault geschulten Methodik im Umgang mit Verwaltungsstrukturen und großen organisatorischen Zusammenhängen ist es vor allem die Vielzahl an neuentdeckten und nun erstmalig publizierten Quellen sowie die Fokussierung auf bisher wenig beachtete Bereiche der medizingeschichtlichen Forschung und gesellschaftliche Randgruppen (Zwangsabtreibungen von Kindern von Zwangsarbeiterinnen), die für die Publikation dieser Arbeit sprechen.

 

So vermag die im Buch vorgenommene Analyse der eugenisch-rassistischen Praxis des nationalsozialistischen Gesundheitswesens schlüssig vorzuführen, wie sehr die Konstituierung der „Volksgemeinschaft“ von der Definition und Vernichtung immer neuer imaginärer Feinde abhängig war.

Auf der einen Seite bildeten die Juden als „Rassenfeinde“ schlechthin den imaginären Gegenpol zur deutschen „Blutgemeinschaft". Gleichzeitig entfesselte der eugenische Rassismus eine Dynamik, die immer neue Gruppen von Menschen als „minderwertig“ ausstieß und im Extremfall als „lebensunwert“ der Vernichtung preisgab.

In diesem Sinne ist auch die Zahl von rund über 770.000 allein in Wien als „erbbiologisch minderwertig“ erfaßten Personen zu interpretieren: nicht etwa als Beweis für konkrete Vernichtungspläne, aber als deutlicher Hinweis auf das letztlich unbegrenzte Radikalisierungspotenzial einer politisch entgrenzten, keinen rechtsstaatlichen Einschränkungen unterworfenen Medizin.

 

Herwig Czech: Erfassung, Selektion und „Ausmerze“

Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der Nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik“ 1938 bis 1945.

(Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte ; 41)

Wien: Deuticke 2003

 

Florian Huber

studiert Philosophie und Judaistik an der Universität Wien.

Lebt und arbeitet derzeit in Österreich.