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Ausgabe 1/05


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Kommentar und Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser!

GEDENKDIENST hat mit einer langjährigen Tradition gebrochen und die diesjährige Tagung nicht im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg veranstaltet, sondern im Institut für Zeitgeschichte in Wien. Das Thema der Tagung lautete „Gedächtniskultur in der Zweiten Republik". Die nun vorliegende Ausgabe von GEDENKDIENST ist die Nachlese zur Tagung, besonderes Augenmerk wurde auf die Vorträge zu den Todesmärschen gelegt

Wie schon in der letzten Ausgabe unserer Zeitung befürchtet, wird der Bevölkerung anlässlich des Gedenkjahres eine Menge zugemu­tet: Bescherte uns „Letter to the stars" vor zwei Jahren den ersten originär österreichischen „Holocaust business Event", so wurde mit „25 Peaces" eine neue Ära der Volksverdummung ein­geleitet: Verhüllte Reiterstandbilder und Schrebergärten am Heldenplatz, weidende Kühe vor dem Belvedere, nachgestellte Bombennächte in der Wiener Innenstadt, Schweigenächte in Mauthausen, die Liste ließe sich noch um einiges verlängern. Gedenken wurde in den letzten Jahren zu einem massentauglichen Geschäft, zu einem Event, der auch von der Wirtschaft großzügig unterstützt wird. Da prangen kommentarlos die Logos von Firmen, die im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiterinnen beschäftigten - und das geht locker durch.

Die letzten großen Gedenkjahre 1988 und 1995 waren da noch etwas zurückhaltender, zu sehr stand das unaufge-arbeitete NS-Erbe im Vordergrund und jeder hatte noch die „Waldheim-Affäre" im Kopf. Diesmal gilt das alles nicht, die Republik fand zu sich selbst und lässt sich rücksichtslos abfeiert. Und seien Sie doch ehrlich, die Geschichte der Zweiten Republik ist doch wirklich eine Erfolgsgeschichte - die Ausstellungen im Belvedere und auf der Schallerburg erklären das ganz toll, weil sie das was dem Staat weh getan hat größtenteils weggelassen haben.

Alle Staatsbürgerinnen ließen sich das aber nicht gefallen und so entführ­ten die Zellen Kämpfender Widerstand (www.z-k-w.net) zumindest virtuell die vor dem Belvedere weidende „25 Peaces"-Kuh Rosa und hielten sie als politische Gefangene fest. Sie forderten unter anderem den Bundeskanzler auf, sich für all die Geschichtslügen zu entschuldigen, die die Bevölkerung 2005 irregeführt und nationalistisch verhetzt haben. Der Kanzler schwieg naturgmäß. Rosa die Kuh wurde nach Ablauf eines Ultimatums gesprengt.

In diesem Sinne widmet GEDENKDIENST diese Ausgabe der ums Leben gekommenen Kuh Rosa und wünscht trotz allem eine interessante Lektüre.

Stephan Roth

Chefredakteur GEDENKDIENST

„Wir suchen Unterhaltung - mit den Menschen"

Schüssel, Lorenz, Springer und ihre „25 PEACES"

Christian Klösch

Kurz bevor das Gedenkjahr 2005 begann, sprangen Wolfgang Lorenz, ORF Abteilungsleiter für Planung und Koordination, und Georg Springer, Chef der Bundes-theaterholding, mit zeitgeistigen Events unter dem Label „25 Peaces - Die Zukunft der Vergangenheit" noch auf die Veranstaltungsmaschinerie '05 auf. Die Initiatoren bekamen dafür ordentlich viel Medienschelte. Der Bundeskanzler nicht. Zu Unrecht.

Denn, so bestätigt Wolfgang Lorenz in einem Interview mit der Tageszeitung „Der Standard", wertvolle Inputs für die Projekte kamen auch von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Lorenz, der den Kanzler als „spielfreudigen und kreativen Menschen kennen gelernt" hat, beschrieb das entscheidende Gespräch mit dem Kanzler so: „Ehre wem Ehre gebührt. Es war zumindest mir vorher nicht vorstellbar, dass das Interesse eines Bundeskanzlers soweit geht, dass er zwei Stunden lang dafür sorgt, dass das Handy nicht läutet, dass keiner

bei der Tür hereinkommt und dass er beginnt, selbst Ideen beizusteuern. Das ist wohl in keinem anderen Land der Welt vorstellbar."

Nun wäre es natürlich sehr spannend zu wissen, welche Ideen es waren, die der Kanzler für die „25 Peaces" beigesteuert hat: Waren es vielleicht die Schrebergärten am Heldenplatz, die grasenden Kühe vor dem Belvedere oder gar die „McCare Pakete"?

Denn nicht nur die Republik wird 60 und der Staatsvertrag 50, auch der Fleischlaberlproduzent McDonalds feiert seinen Fünfziger. Was liegt da näher, als Republik und Clown Ronald gemeinsam feiern zu lassen? 1 Mio. (!) Hamburger zu 50 Cent sollten im ganzen Bundesgebiet mit einer trendigen Info zu den Springer/ Lorenz/Schüssel Projekten unter Juniors und Seniors gebracht werden. Die „McCare Pakete" scheiterten nicht an Schüssel und auch nicht an Lorenz oder Springer, sondern an „Wünschen und Begehrlichkeiten" von McDonalds: Clown Ronald zog es offenbar doch vor, in 500 Kindergärten mit dem Sanctus von Gesundheitsministerin Rauch-Kallat Ernährungstipps zu geben anstatt die Republik zu sponsern.

Aber vielleicht wurde hinterden Mauern des Ballhausplatzes gar die Aktion mit den 1000en weissen Holzkreuzen, die in Erinnerung an die österreichischen NS-Opfer auf dem Heldenplatz aufgestellt werden sollten, ausgeheckt. Dass jüdische Opfer nicht durch Kreuze symbolisiert werden, fiel keinem der Initiatoren auf. Peinlich für sie, dass nach Protesten in der Öffentlichkeit das Projekt abgesagt werden musste.

Oder wurde gar das Projekt „Peace vermutet" im Bundeskanzleramt unter „spielfreudigen und kreativen Menschen" ausgetüftelt: In der Beschreibung dazu heißt es „Geschichte zu kennen ist gut. Sie kann einem aber auch ganz schön auf die Nerven gehen. Besonders jüngere Menschen können sich dieses Gefühls kaum erwehren. Alles schon gewesen, nichts persönlich erlebt; und überhaupt was bringt es schon, ewig in den Wurzeln herumzustochern" Solche Sätze sprachen offenbar Bundeskanzler Schüssel aus tiefster Seele, denn das Bundeskanzleramt ließ gleich 1.000.000 Euro für die 25 Peace -Events springen.

Wolfgang Lorenz begreift die Medienaufregung nicht. Auf einer

Pressekonferenz am 6. März 2005 beklag­te er sich „Ich verstehe nicht, warum man im Jubiläumsjahr auf Humor und Ironie verzichten soll. Auch könnte man sich 2005 darüber freuen, dass wir in Freiheit leben und nicht nur Bedrückung darüber empfinden über das was war." Und dann auf einmal ganz staatstragend: „Man muss auch den Jungen eine Chance geben, irgendwann aus diesem Alptraum raus zukommen und sich - wissend was pas­siert ist - auch davon zu emanzipieren." Unter „Emanzipation" versteht Lorenz aber nicht einen Prozess im Sinne der Aufklärung, sondern Ziel sei es, „sich im Jahr 2005 auch frei(zu)machen für die Zukunft". Den Weg dorthin skizziert Lorenz so: „Wir suchen Unterhaltung - mit den Menschen".

In einer Unterhaltungskultur ist die Versuchung natürlich groß, emotional belastete und belastende Themen wie Nationalsozialismus und Holocaust mit , Porsche, dem Baukonzern Porr, ÖMV und den Österreichischen Lotterien, die das Projekt mit Hunderttausenden von Euros unterstützen, so gefällt.

Lorenz ist Symbol für den neuen Typus des staatlichen Eventmangers. Für seine Tätigkeit als Intendant für die Kulturhauptstadt Graz 2003 wurde er von der Republik hoch geehrt, aber nicht mit einem Kunstpreis - er bekam, aus den Händen von Wirtschaftminister Martin Bartenstein, den Staatspreis für Marketing! Nach all dem wundert es audem Griff in die Inszenierungskiste der Eventmanager so aufzubereiten, dass diese Themen „peace" für „peace" leichter „konsumierbar" und weniger „nervig" sind. Allerdings übersehen Lorenz und Springer, dass Gedenken ein Prozess ist, der aus harter, anstrengender persönlicher Arbeit besteht, die auch psychisch manchmal sehr belastend sein kann. Eine noch so geglückte Inszenierung kann niemandem diesen Prozess erleichtern oder abnehmen.

„25 Peaces - Die Zukunft der Vergangenheit" zeigt, was passiert, wenn Kunst jeden Anspruch an eine „Botschaft" verloren hat. Der Übergang von Kunstperformance zu Marketing-Events für kräftig zahlende Sponsoren aus Politik und Wirtschaft ist fließend geworden. Das ist es auch was den Marketing-"Creatives" von Asfinag, Red Bull, dem Verbund Konzernch nicht, dass Lorenz als heißer Nachfolgekandidat von Monika Lindner für die Funktion des ORF-Generalintendanten gehandelt wird.

Ach ja! Beinahe hätten wir es vergessen: 2005 ist ja auch Schillergedenkjahr: „Grund genug, den freien Datenverkehr einmal ganz anders zu nutzen und Schillers beste Zitate zum Thema (Freiheit) via SMS zu verbreiten wie zum Beispiel .Geben sie Gedankenfreiheit! Herzlichst, Friedrich'" Das ganze firmiert dann unter dem Label „Peace geschillert".

Eines weiß ich. Wenn es Herr Lorenz wagt, mir per SMS ein Schillerzitat zu schicken, dann kriegt er ein klassisches Zitat von mir retour. Aber von Goethe.

Christian Klösch

War jahrelang Obman von GEDENKDIENST und arbeitet zur Zeit als Historiker in Wien.