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Ausgabe 1/05


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Ungarische Jüdinnen und Juden in Österreich 1944/45

Nach der Okkupation Ungarns durch die Deutsche Wehrmacht im März 1944 wurden zehntausende ungarische Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit nach Österreich verschleppt. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der verschiedenen Gruppen waren unterschiedlich. Gemeinsam war allen Deportierten, dass sie nicht hinter KZ-Mauern interniert, sondern für die Zivilbevölkerung sichtbar waren. Die überwiegende Mehrheit ihrer Peiniger und Mörder waren Österreicher.

Die „Strasshofer Transporte"

Als die Deutsche Wehrmacht Ungarn okkupierte, galten dort gemäß den rassistischen ungarischen Gesetzen knapp 800.000 Menschen als Juden. Unter der Aufsicht des von Adolf Eichmann geleiteten Sondereinsatzkommandos des SD Ungarn (SEK) wurden zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli mehr als 430.000 Personen deportiert, die Mehrheit nach Auschwitz, wo drei Viertel sofort vergast wurden. 18.000 ungarische Jüdinnen und Juden kamen auf Ansuchen des Gauleiters von Niederdonau, Hugo Jury, und des Bürgermeisters von Groß-Wien, Karl Blaschke, zur Zwangsarbeit nach Ostösterreich. Hintergrund dieser Deportation waren neben der Arbeitskräfteknappheit in Österreich auch Verhandlungen des Budapester zionistischen „Hilfs- und Rettungskomitees" mit dem SEK um den Freikauf jüdischen Lebens. Obwohl das „Hilfs- und Rettungskomitee" der SS im Laufe dieser Verhandlungen erhebliche Werte an Geld und Wertgegenständen übergeben musste, ging es Heinrich Himmler dabei zunächst um eine mögliche Kontaktnahme mit den Westmächten, mit denen er angesichts der präkeren Kriegslage einen Seperatfrieden abschließen wollte. Später erhofften sich Himmler und die an den Verhandlungen beteiligten SS-Männer wie Dieter Wisliceny, Kurt Becher und Hermann Krumey von ihren „Zeichen des guten Willens" gegenüber den Juden ein Alibi für die Nachkriegszeit.

Die jüdischen Familien, die Ende Juni 1944 in Strasshof an der Nordbahn ankamen, besaßen daher einen doppelten Status: Sie waren einerseits jüdische Arbeits­sklavinnen und KZ-Häftlinge im „Sondereinsatz", andererseits ein Faustpfand der SS. Daher wurde ihre Arbeitskraft brutal ausgebeutet, gleichzeitig jedoch Maßnahmen ergriffen, sie möglichst am Leben zu erhalten. Da die Verhandlungen des „Hilfs- und Rettungskomitees" mit der SS „auf wirtschaftlicher Basis" geführt wurden, kassierte das Wiener Außenkommando des SEK die „Löhne" der Arbeiterinnen. Ein wesentliches Entgegenkommen der SS bestand darin, dass die Arbeitsfähigen zusammen mit ihren nichtarbeitsfähigen Familienmitgliedern an die Arbeitgeber - Industrie- und Gewerbebetriebe, Bauern, land- und forstwirtschaftliche Güter- in Wien, Niederösterreich und Südmähren vermittelt wurden, Familien also beisammen blieben. Gleichzeitig kürzte das Landeser(nährungsamt des Gaus Niederdonau die 1942 festgesetzten Hungerrationen für Juden. Die Arbeitgeber brachten die jüdischen Zwangsarbeiterinnen in Schuppen, Ställen, Baracken udgl. unter, die häufig nicht beheizbar waren und selen ausreichenden sanitären Einrichtungen besaßen. Die Kriterien für Arbeitsfähigkeit waren rigoros, alte Menschen und Kinder ab zehn Jahren wurden zu schweren Arbeiten angetrieben. Die schlechte Verpflegung in Verbindung mit der ungewohnten, Schwerarbeit führte zu rapidem Gewichtsverlust. Die wenigen Kleidungsstücke, welche die Juden bei ihrer Deportation hatten mitnehemen dürfen, waren bald völlig verschlissen und boten vor allem im Winter keinen Schutz vor Kälte. Das Außenkommando gestattete allerdings jüdischen Hilfsorganisationen und dem Roten Kreuz Hilfslieferungen von Kleidung und Schuhen. Außerdem bestand ein zumindest in den Städten funktionierendes jüdisches Gesundheitssystem - die vorherrschenden rassistischen Gesetze verboten „arischen" Ärzten die Behandlung von Juden. Dennoch waren vor allem ältere Menschen den Strapazen nicht gewachsen, Hunderte starben. Da die jüdischen Familien oft in kleinen Gruppen an die Arbeitgeber vermittelt wurden, stand kein ausreichendes Wachpersonal zur Verfügung, um ihre Bewegungsfreiheit völlig einzuschränken. Die ausgemergelten Arbeiterinnen erregten häufig das Mitleid der Zivilbevölkerung, welche ihnen Essen zusteckte. Aber auch Arbeitskollegen, Österreicher wie auch Kriegsgefangene, und Arbeitgeber leisteten lebensrettende Hilfe. In manchen Lagern waren die jüdischen Familien jedoch brutalen Schikanen der Arbeitgeber und Lagerkommandanten ausgesetzt.

Die Tragödie dieser jüdischen Zwangsarbeiterinnen begann jedoch im Frühjahr 1945. Um ihre Befreiung durch die Rote Armee zu verhindern, sollten sie nach The-resienstadt zurückgezogen werden, wo die Überlebenschancen gemessen mit anderen Lagern gut waren. Da der Bahnhof Strasshof Ende März durch alliierte Bombenangriffe zerstört wurde, gelangten jedoch nur 2.581 Personen in dieses Lager. Die Mehrheit der jüdischen Familien wurden nach Mauthausen „evakuiert", wobei viele einen Teil der Strecke in mörderischen Fußmärschen zurücklegen mussten, bevor sie auf Züge ver­laden wurden. Als Wachorgane fungierten Polizisten, Gendarmen, der Volkssturm und SS. Die Hauptroute dieser Märsche führte durch das Donautal. Die Sterberate während der Märsche sowie in Mauthausen und Gunskirchen war erschreckend.

Etwa 4.000 Internierte hatten Glück und wurden noch vor ihrer Verschleppung in ihren Lagern befreit oder konnten mithilfe von Österreicherinnen untertauchen. Für Hunderte bedeutete jedoch gerade die absehbare Befreiung das Todesurteil. Kommandos der Waffen-SS und der SS-Feldgendarmerie, zum Teil in Zusammenarbeit mit örtlichen NS-Funktionären und Hitlerjugend (HJ), ermordeten ab Mitte April 1945 ganze Gruppen von jüdischen Arbeiterinnen, deren Verbringung nach Mauthausen nicht mehr möglich erschien.

Ungarisch-jüdische Schanzarbeiterinnen

Nach dem gescheiterten Versuch Miklos Horthys, einen Waffestillstand mit der Sowjetunion zu schließen, putschten sich am 17. Oktober 1944 die Nyilas, die hungaris-tischen Pfeil kreuzler, mithilfe der deutschen Besatzer an die Macht. Dies bot den Deutschen eine letzte Möglichkeit, die "Endlösung der Judenfrage" auch in Ungarn abzuschließen, wo die jüdische Bevölkerung BUdapests sowie die Arbeitsdienstler der ungarischen Armee den Deportationen vom Frühjahr entkommen waren. Zwischen dem 6. November und dem 1. Dezember 1944 übergaben die Nyilas der SS 76.209 Jüdinnen und Juden: etwa 30.000 Budapesterln-nen, die in mörderischen Fußmärschen zur Grenze nach Hegyeshalom getrieben worden waren, sowie Zwangsarbeitsverpflich-tete und Arbeitsdienstler der ungarischen Armee. Später ausgelieferte „Leihjuden" wurde nicht mehr zahlenmäßig erfasst. Ein Teil der Deportierten kam in Konzentrationslager, etwa 40.000 mussten zusammen mit deutschen und österreichischen Zivilisten, HJ, „Fremdarbeitern" und Kriegsgefangenen am so genannten „Südostwall", einem System von Panzergräben und Befestigun­gen entlang der Grenze Österreichs zu Ungarn, der Slowakei und Slowenien, welches den Vormarsch der Roten Armee stoppen sollte, sich aber letztlich als völlig wirkungslos erwies, schanzen.

Die jüdischen Schanzarbeiterinnen rackerten auf beiden Seiten der Grenze zwischen Engerau (Bratislava) und Rad-kersburg. Als „Lager" dienten Scheunen, Baracken, Keller, Dachböden, Meierhöfe und Schulen. Die Jüdinnen und Juden wurden zwar sowohl in den Unterkünften als auch am Arbeitsplatz streng bewacht, um Kontakte zur Umwelt zu unterbinden, doch lebten sie meist in den Dörfern, bisweilen in Häusern, die auch von Zivilisten bewohnt waren. Dennoch waren diese Unterkünfte häufig ungeheizt, vor allem in Winter, als die Brunnen froren, stand den Arbeiterinnen bisweilen nicht einmal kaltes Wasser zur Reinigung zur Verfügung. Die Folge war eine erschreckende Sterberate durch Hunger, Erschöpfung, Seuchen und Mord durch unmenschliches Wachpersonal. Dieses wurde in der Regel durch den Volkssturm, die SA, NSDAP-Funktionäre, Angehörige der Organisation Todt (OT) und der kroatischen Waffen-SS gestellt.

Um sich „unnützer Esserinnen" zu entedigen, wurden im Dezember und Jänner „Erholungslager" eingerichtet. In Lichtenwörth verstarben 247 der 2.500 meist weiblichen Insassen. Von den 2.087 meist männlichen Häftlingen des „Erholungslagers" Felixdorf gingen 1.865 zugrunde. Als im Februar 1945 in einigen Lagern im Gau Steiermark Flecktyphus ausbrach, ordnete die Gauleitung die Erschießung der Kranken als Mittel der „Seuchenbekämpfung" an. Weitere Mordkampagnen fanden unmittelbar vor und nach der „Evakuierung" der Lager Ende März statt, als in mehreren Lagern in Westungarn, im Burgenland und in der Steiermark Nichtmarschfähige liquidiert wurden. Bei diesen Massenmorden unterstützten Angehörige der Waffen-SS die Wachmannschaften.

Die Todesmärsche nach Mauthausen

Der Rückzug der etwa 20.000 Jüdinnen und Juden aus den westungarischen Lagern war am 23. März abgeschlossen. Die Schanzarbeiterinnen wurden zunächst auf Lager auf österreichischem Gebiet verteilt, die wenige Tage später, um den 29. März, als erste sowjetische Truppenverbände die österreichische Grenze überschritten, aufgelöst wurden.

Schanzarbeiterinnen aus dem Raum Sopron und aus dem Nordburgenland wurden in Todesmärschen nach Gramatneusiedel getrieben, von wo die meisten per Bahn direkt nach Mauthausen verbracht wurden. Die Überlebenden des berüchtigten Todesmarschs von Engerau nach Bad Deutsch-Altenburg wurden zusammen mit Leidensgenossen aus Bruck/Leitha auf Schleppähnen nach Mauthausen geschifft.

Die Schanzarbeiterinnen aus den Köszeger Lagern mussten zusammen mit jenen aus den südlichen Burgenland und der Steiermark zu Fuß über Graz nach Mauthausen marschieren. Die verästelten Routen lassen sich nicht zuletzt anhand der vielen Einzel- und Massengräber rekonstru­ieren, die nach dem Krieg entdeckt wurden. Ihre mörderischen Wachen stellte meist der Volkssturm, aber auch Gendarmerie und ukrainische Waffen-SS. Am Präbichl feuerten SA-Eskorten in die marschierenden Kolonnen und ermordeten 200 Menschen.

Dennoch waren die höchsten Opferzahlen in Oberösterreich zu verzeichnen. Aufgrund der unterwegs erlittenen Entbehrungen starben viele Transportteilnehmerinnen an Erschöpfung, nahm jedoch auch die Zahl der Nachzügler zu, die von den Wachmannschaften ermordet wurden. Da das Konzentrationslager Mauthausen und das bei Marbach errichtete Zeltlager über­füllt waren, wurden tausende erschöpfte Häftlinge am 16., 26. und 28. April 1945 neuerlich in Marsch gesetzt und ins Lager Gunskirchen verlegt. Die Opferzahl auf dieser letzten, 55 Kilometer langen Etappe wird auf bis zu 6.000 Personen geschätzt.

Gunskirchen war überbelegt und typhusverseucht, die Versorgung der mehr als 20.000 Insassen mit Nahrungsmitteln und Wasser brach völlig zusammen, was tausende Menschenleben kostete. Viele Insassen überlebten ihre Befreiung am 5. Mai 1945 nur um wenige Tage und Wochen. Das 1948 gegründete „Jüdische KZ-Grab-stätten-Eruierungs- und Fürsorge-Komitee" bezifferte die Gesamtzahl der in Österreich verstorbenen und ermordeten ungarischen Jüdinnen und Juden mit 23.000.

Eleonore Lappin

Institut für Geschichte der Juden in Österreich,

St. Pölten