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Ausgabe 1/05


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Zwischen Vernichtung und Befreiung

Die Räumung des Konzentrationslagers Sachsenhausen kostete noch kurz vor der Befreiung mehreren Tausend Häft­lingen das Leben. Bei Heranrücken der Front wurden am 21. April 1945 mehr als 30.000 Häftlinge des Oranienburger Hauptlagers, darunter Frauen und Kin­der, von Sachsenhausen zu Fuß Rich­tung Nordwesten getrieben. Für die meisten von ihnen endete der Marsch mit ihrer Befreiung zwischen dem 3. und 6. Mai im Raum Parchim - Ludwigslust - Schwerin, etwa 200 Kilometer von Ora­nienburg entfernt. Für viele Überlebende des KZ Sachsenhausen gehören der To­desmarsch und das Waldlager in Below auch heute noch zu den eindrücklichs­ten Erinnerungen an ihre KZ-Haft.

Der Todesmarsch der Häftlinge des KZ Sachsenhausen

Schon im Herbst 1944 begannen zwischen dem Reichsführer SS Heinrich Himmler und dem Kommandanten des KZ Sachsenhausen, Anton Kaindl Gespräche über die Räumung des Konzentrationslagers in der Nähe der Reichshauptstadt. Dabei verfolgte Himmler ursprünglich die Absicht, alle KZ-Häftlinge in einer großen Mordaktion durch Bombenabwürfe, Massenerschießungen oder bei der Versenkung von Schiffen zu töten. Doch als die Rote Armee Anfang Februar 1945 die Oder erreichte, wurden alle diese Pläne als undurchführbar verworfen. Stattdessen erhielt der Erste Lagerarzt den Befehl, alle kranken und marschunfähigen Häftlinge in den Revieren und Schonungsblocks zu selektieren und sie entweder mit großen Transporten in die Sterbelager Ber-gen-Belsen und Mauthausen abzuschieben oder aber im Industriehof des KZ Sachsenhausen zu ermorden. Die übrigen Häftlinge sollen durch einen schmalen Korridor der

zwischen den Fronten der Westalliierten und der Roten Armee verblieben war, nach Nordwesten in Richtung Schleswig-Holstein getrieben werden, wohin auch der Führungsstab der SS flüchtete.

Die Räumung des Lagers begann am 21. April 1945. Völlig unzureichend gekleidet und ernährt und von der KZ-Haft geschwächt schleppten sich die Häftlinge un­ter den Augen der deutschen Bevölkerung durch Nordbrandenburg und Mecklenburg. Sie mussten 15 bis 40 Kilometer am Tag marschieren und meistens im Freien über­nachten. Wer nicht weiter konnte, wurde von der SS erschossen oder erschlagen. Das Gleiche drohte den Häftlingen bei dem Versuch, sich am Wegesrand mit Wasser oder Nahrung zu versorgen.

Vom 23. bis zum 29. April wurde der Großteil der Kolonnen, mehr als 16.000 Häftlinge, im Belower Wald nahe Wittstock zusammengezogen. Sie lagerten ohne Unterkunft und ohne Versorgung im Wald, mit Stacheldraht umzäunt und von einer Postenkette bewacht. Die Kommandoführer waren in einem dem Waldstück gegenüber liegenden Hirtenhaus untergebracht, der KZ-Kommandant Kaindl samt Begleitung für kurze Zeit im Gutshaus in Below. Nach mehreren Tagen trafen LKWs des Internationalen Roten Kreuzes ein. Nach Verhandlungen der Delegation mit der SS-Führung durften Lebensmittelpakete verteilt (wenn auch nicht in genügender Anzahl) und im benachbarten Dorf Grabow ein Nothospital eingerichtet werden.

Am 29. April verließen die Häftlingskolonnen das Waldlager und wurden weiter Richtung Nordwesten getrieben. In der Umgebung der Stadt Crivitz, die die ersten Häftlinge vermutlich um den 1. Mai erreichten, trafen sie auf Frauen aus dem KZ Ravensbrück, deren Todesmarsch sie über das Außenlager Malchow, nicht weit von Below entfernt, geführt hatte. Je näher die Fronten rückten, desto mehr löste sich die Marsch­ordnung auf, da sich die Bewacher zuneh­mend nur noch um ihre eigene Rettung kümmerten. Viele Häftlinge erlebten die Freiheit, indem sie sich von den Bewachern verlassen im Wald vorfanden. Das Chaos der letzten Tage des „Dritten Reiches" barg aber noch viele Gefahren, unterschiedliche Gruppen waren auf den Straßen unterwegs, darunter versprengte Einheiten verschiede­ner bewaffneter Formationen. In mindes­tens einem Fall kam es zu einer Mordaktion, die nicht von der Bewachung des Marsches ausgeführt wurde: 25 Häftlinge, die sich schon gerettet geglaubt hatten und von der Bevölkerung versorgt wurden, wurden am 3. Mai in Zapel-Ausbau erschossen.

Die Erforschung des Todesmarsches

Das Räumungsgeschehen und die Todesmärsche blieben in der Konzentrationslagerforschung lange Zeit eher unbeachtet. In den letzten Jahren hat sich dies geändert: Der letzten Phase der Geschichte der Konzentrationslager wird inzwischen mehr Aufmerksamkeit gewidmet, was sich in Tagungen, Publikationen und Ausstellungen niederschlägt. Dennoch existieren nach wie vor eine ganze Reihe von Forschungslücken.

Auch wenn die grundlegenden Tatbestände des Todesmarsches der Häftlinge des KZ Sachsenhausen bekannt sind, bleiben bisher viele Details unklar oder auch widersprüchlich. Dies gilt in manchen Fällen für die Strecken der Kolonnen und relativ häufig für die Datierungen, wann genau einerseits die alliierten Truppen, andererseits die Häftlinge des Todesmarsches durch bestimmte Ortschaften kamen. Die Richtung des Todesmarsches nach Nordwesten wurde vom Frontverlauf bestimmt, die Entscheidungsprozesse sind im Detail weiter zu erforschen und hier insbesondere die Frage, welche Bedeutung organisierte Planung einerseits und Chaos und Entscheidungen örtlicher Kommandoführer andererseits hatten. Zum Verhalten der deutschen Bevölkerung gibt es naturgemäß unterschiedliche Schilderungen, weiter zu diskutieren ist die Gewichtung von Hilfe, Gleichgültigkeit und Hassausbrüchen. Außerdem sind Angaben über Tote vorhanden, die noch nicht verifiziert werden konnten, ebenso Angaben über Gräber, die noch nicht aufgefunden wurden.

Die Anzahl der Toten des Todesmarsches, die zu DDR-Zeiten mit 6.000 angegeben wurde, lässt sich nicht mehr exakt feststellen, liegt aber wahrscheinlich sehr viel niedriger. Belegbar sind bisher 480 Tote, Hinweise (z.B. auf Gräber oder Umbettungen) gibt es für etwa 900 weitere, darunter 780 Tote, die nach vielfachen Berichten von Überlebenden im Belower Wald verscharrt worden sein sollen, deren Grab aber bisher nicht gefunden wurde. 132 Tote wurden im benachbarten Grabow begraben. Entlang der Todesmarschstrecken sind vielerorts Todesmarschopfer anonym auf den Dorffriedhöfen beerdigt. Ein unbekannte, wahrscheinlich erhebliche Zahl von Häftlingen erlag in der ersten Zeit nach der Befreiung in Nothospitälern in Schwerin und Umgebung den Strapazen des Todesmarsches und der KZ-Haft. Mit weiteren Forschungen lässt sich die Todeszahl zwar vermutlich nicht mehr exakt bestimmen, aber doch weiter präzisieren.

Gedenken an den Todesmarsch

Unmittelbar nach der Befreiung wurde auf Betreiben ehemaliger Häftlinge mit der Ermittlung der Grabstätten und teilweise auch mit der Umbettung von Todesmarschopfern begonnen. Auf dem Friedhof in Grabow wurde ebenfalls noch 1945 ein Gedenkstein für die 132 dort beigesetzten Opfer aufgestellt. 1950 wurden auf Initiative der WN Findlinge als Gedenksteine in etwa 25 Orten Mecklenburgs errichtet.

Im Belower Wald wurde der erste Gedenkstein (der sich heute vor dem Eingang zum Museumsgebäude befindet) erst 1965 errichtet, obwohl dort auch vorher schon Gedenkveranstaltungen stattfanden. Gleichzeitig wurden die Bäume, an denen Spuren vorhanden waren, durch rote Winkel gekennzeichnet (damals noch direkt an den Bäumen angebracht). Die heute vorhandene Mahnmalsanlage stammt aus dem Jahre 1975. Zu ihr gehört auch der gegenüber liegende Fahnen- und Kundgebungsplatz. Außerdem wurde auf einem Teil des historischen Ortes ein Ehrenhain angelegt, dabei wurden die roten Winkel von den Bäumen genommen und in den Waldboden vor die Bäume gestellt. Gleichzeitig aber wurden bei der Gestaltung des Ehrenhains damals noch vorhandene Reste der von den Häftlingen gebauten provisorischen Unterstände weggeräumt. Das Museum wurde 1981 eingeweiht. Für seinen Bau wurde das historische, inzwischen allerdings stark verfallene, Hirtenhaus abgerissen.

Am Endpunkt des Todesmarsches, in Raben Steinfeld bei Schwerin, wurde 1973 „Die Mutter", ein von Gerhard Thiele geschaffenes Mahnmal, eingeweiht. 1976 wurde es um vier Relieftafeln, die Szenen des Todesmarsches zeigen, erweitert. Ebenfalls 1976 wurden entlang der Hauptstrecken des Todesmarsches 120 identische Emailletafeln aufgestellt. Die Standorte wurden von der SED-Kreisleitung in Zusammenarbeit mit dem Kreiskomitee der Antifaschistischen Wiederstandskämpfer festgelegt. Dadurch ist eine einzigartige, durchgängige Kennzeichnung der Strecke entstanden, die auch heute noch große Bedeutung in der Region hat und gute Ansatzpunkte für pädagogische Projekte bietet.

Das Museum des Todesmarsches war seit seiner Eröffnung 1981 Außenstelle der nationalen Mahn- und Gedenkstätte (NMG) Sachsenhausen. Inhalt und Gestaltung der Ausstellung entsprachen der herrschenden Doktrin, die sich auch in der NMG Sachsenhausen manifestierte. Neben Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen zum Todesmarsch standen die allgemeinen politischen Aussagen. Einseitige und ideologische Darstellungen finden sich auch in den in der DDR zum Todesmarsch herausgegebenen Broschüren, in den 70er- und 80er-Jah-ren allerdings nicht mehr so stark wie zu Hochzeiten des Kalten Krieges. Regelmäßig fanden im Belower Wald Gedenkveranstaltungen statt, darunter die von allen DDR-Gedenkstätten bekannten ritualisierte Veranstaltungen zur Aufnahme in die gesellschaftlichen Organisationen. Andererseits sammelten Schülergruppen und Arbeitsgemeinschaften junger Historiker Augenzeugenberichte aus ihrer Region und führten Gespräche mit Überlebenden. Als spezielle Form des Gedenkens an den Todesmarsch wurden Gedenkmärsche veranstaltet, zum Teil auch noch nach 1990.

Auch nach der deutschen Einheit blieb das Todesmarschmuseum Außenstelle der Gedenkstätte Sachsenhausen und wurde 1993 Teil der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Die Expertenkommission zur Neukonzeption empfahl 1992 eine Neugestaltung des Museums: Die Ausstellung sollte sich zukünftig auf das Geschehen des Todesmarsches konzentrieren und die Perspektive der Häftlinge mehr einbeziehen. Außerdem empfahl die Kommission, Abdrücke von den immer undeutlicher werdenden Spuren an den Bäumen zu nehmen. Letzteres wurde, allerdings nur bei den interessantesten Spuren, umgesetzt. Die Ausstellung wurde zum großen Teil überarbeitet, eine völlige Neugestatung steht noch aus. Anfang der 90er-Jahre wurden auf dem ehemaligen Lagerplatz der Häftlinge im Belower Wald ca. 4.000 Fundstücke geborgen, die zum Teil auf der Waldoberfläche gelegen hatten, aber bis dahin nicht aufgenommen worden waren. 1995 tauschte die Stiftung - trotz berechtigter Kritik an Gestaltung und Text der Tafeln - beschädigte Exemplare der 1976 aufgestellten Emailletafeln gegen neu produzierte identische Tafeln aus, um die durchgängige Kennzeichnung der Strecke beizubehalten. An dem Teil der Todesmarschstrecke, der durch den Landkreis Parchim führt, wurden 1992 bis 1996 Stelen und Stelenfelder des Crivitzer Bildhauers Wieland Schmiedel aufgestellt. Der Berliner Künstler Wolf Leo schuf in mehreren Projekten mit Jugendlichen Skulpturen, die als „Wegzeichen" an der Strecke des Ravensbrücker Todesmarsches aufgestellt wurden.

Im September 2002 zerstörte ein neonazistischer Brandanschlag einen der beiden Ausstellungsräume vollständig. Glücklicher­weise wurden keine Originale zerstört. Au­ßerdem wurde das Mahnmal mit antisemitischen Parolen beschmiert. Bis heute konnten die Täter nicht ermittelt werden. Der Anschlag führte zu verschiedenen Protest- bzw. Solidaritätsveranstaltungen und zur Gründung eines Fördervereins. Das Todes-marschmuseum ist seitdem Mitglied im Wittstocker Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus. Im nördlichen Brandenburg gibt es - wie leider in vielen Bereichen Brandenburgs und Mecklenburgs - erhebliche Probleme mit Rechtsextremismus; insbesondere die Stadt Wittstock, zu der das Todesmarschmuseum gehört, ist eine Hochburg der Rechten". Im gesamten Einzugsbereich des Todesmarschmuseums einschließlich des südlichen Mecklenburg besteht somit ein großer Bedarf an Projekten gegen Rechtsextremismus. Jugendliche stellten unter dem Eindruck des Brandanschlages eine Wanderausstellung her, die sich mit der Geschichte des Todesmarsches, aber auch mit dem Anschlag beschäftigt und inzwischen in mehreren Schulen, im Berliner Abgeordnetenhaus und in der Gedenkstätte Sachsenhausen gezeigt wurde.

Carmen Lange

Leiterin des Todesmarschmuseums im Belower Wald, Außenstelle der Gedenkstätte Sachsenhausen