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Ausgabe 1/05


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Erinnerung und Erinnerungsarbeit in Ungarn

Einige historische Aspekte

Zwischen dem 11. und 13. April 1945 ging der Zweite Weltkrieg in Ungarn zu Ende - und damit auch die aus rassischen wie religiösen Gründen verübte Verfolgung. Der Rest des Jahres verging mit einer zermürbenden Bestandsaufnahme: Die mo­ralischen und physischen Folgen mussten wahrgenommen, die Ausmaße von Verlust und Vernichtung erfasst werden. Die angegebenen Opferzahlen wiesen enorme Schwankungen auf, es zeigte sich sogar ein gewisser Optimismus, was die erhoffte große Zahl der noch Zurückkehrenden anbelangte. Die Reportagen der Regionalpresse mit Überlebenden endeten häufig mit der Floskel: Hoffentlich kehren auch die anderen bald heim. Diese Selbsttäuschung war selbst in den Auslandsnachrichten zu beobachten. Eine realistischere Einschätzung bot die Zeitschrift der jüdischen Glau­bensgemeinde Üj Elet (Neues Leben). Ihre November im 1945 erschienene erste Nummer schätzte die Verluste des ungarischen Judentums im Karpatenbecken - aufgrund der sich aus dem besetzten Deutschland im vierten Jahresquartal allmählich einfin­denden Meldungen - auf über eine halbe Million.

Wie reagierte die ungarische Gesell­schaft auf all das? Die verschont gebliebene, überlebende jüdische Bevölkerung empfand vor allem tiefe Trauer um die verlorenen Angehörigen. Die jüdische Glaubensgemeinde ließ den Tag der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen am 19. März 1944 zum allgemeinen Trauertag erklären, zumal der genaue Todestag von mehreren Hunderttausend Verschleppten oft nicht festzustellen war. Rabbiner Jakob

Teichmann meinte zu dieser Entscheidung: „Den meisten unserer Brüder ist nicht einmal die Beruhigung zuteil geworden, vom Ableben ihrer Angehörigen Genaues zu wissen, geschweige denn Todesdatum oder Bestattungsstätte zu kennen."

Der zentrale Beschluss fand jedoch keine allgemeine Zustimmung. Es gab Glaubensgemeinden, die für ihren eigenen Gedenk- und Trauertag ein anderes Datum wählten, meist den Tag der örtlichen Deportation, eventuell den der Ankunft im Lager oder den der Massenvernichtung. Der zentrale Gemeinderat schlug außerdem eine einheitliche Gebetsordnung vor, lud ein, in den Synagogen des Landes überall dieselben ungarischsprachigen Gebete zu sprechen. Manche befolgten es, andere wiederum nicht.

Von Seiten der nicht jüdischen Bevölkerung sollte zwischen offiziellen und nicht offiziellen Stellungnahmen unterschieden werden. Höhere offizielle Stellen zeigten sich objektiv und freundlich, die lokalen Behörden hingegen verhielten sich meist nicht so zuvorkommend gegenüber den heimgekehrten Deportierten. Besonders im Bereich der Rückerstattung von Immobilien und sonstigen Gütern kam es zu Differenzen. Die angeblich „verlassenen" jüdischen Besitztümer waren ja längst verteilt, auseinander getragen oder auf verschiedene Weise enteignet worden. Es gab viele im Land, die sich dabei kompromittierten. Für sie war es äußerst peinlich, als der eigentliche Besitzer oder dessen Angehörige plötzlich erschienen.

Die neue ungarische Regierung war bemüht, die Gesetzlichkeit wiederherzustellen. Die rechtswidrigen Maßnahmen der Kriegsjahre gegen Juden wurden in meh­reren Rechtsvorschriften als Verstoß gegen die Menschlichkeit verurteilt. Am 17. März erließ die Regierung in Debrecen die Verordnung 200/1945. M. E., die die Judengesetze für verfassungswidrig und gegen die Gesinnung der ungarischen Nation erklärte. Im Gesetzesartikel XXV/1946 wurde dies noch einmal in akzentuierterer Form festgeschrieben, und dem ungarischen Judentum wurde „rechtskräftig" Abbitte geleistet. Durch den Gesetzesartikel XXXIII/1947 wurde die israelitische Konfession wieder in ihren Rechtsstatus als Amtskirche zurück versetzt.

Generell setzte sich aber die ungarische Gesellschaft mit den Geschehnissen nicht auseinander. Sie empfand die jüdische Tragödie nicht in ihrer vollen Tragweite. Die meisten Jüdinnen und Juden waren selber bemüht, sich versteckt zu halten. Viele änderten ihren Namen und begannen ein neues Leben. Sie trauerten still, beinahe insgeheim über ihre verschleppten oder ermordeten Angehörigen, die nur als „die nicht mehr Heimgekehrten" bezeichnet wurden.

Vielerorts kam es zu massiven Streitigkeiten um Wohnungen und anderen Besitz, der vor der Deportation zur Bewahrung anderen überlassen oder einfach „mitgenommen" worden war. Es sorgte für Missbehagen, wenn jüdische Bürger gruppenweise auf der Polizei oder im Gerichtssaal erschienen und wenn sie sich in den linksorientierten Parteien engagierten. Den so genannten Neuantisemitismus nährte auch der nach dem Krieg einsetzende Zusammenbruch der ungarischen Wirtschaft. Außerdem trug

die allgemeine Armut zur Stärkung der antijüdischen Gesinnung bei, denn Händler und Kaufleute, überhaupt die bürgerliche Schicht, denen auch die Juden angehörten, ließen die Notlage schneller hinter sich. Insbesondere die Aktionen gegen Schwarzhändler und Währungsspekulanten waren antisemitisch gefärbt. Selbst der rückständigste Aberglaube (z.B. an Ritualmord) dauerte fort. 1946 führte der zunehmende Antisemitismus zu blutigen Pogromen in Kunmadaras, Miskolc und Özd.

Die unter größten Schwierigkeiten zurückgekehrten „Zigeuner" standen vor einer schwereren, fast aussichtslosen Situation. Ihre zerstörten Behausungen wurden nicht durch neue ersetzt. Die meisten erhielten keine Unterstützung, und die Roma wurden auch bei der Aufteilung der Großgrundbesitztümer vergessen.

Um 1946 wurden die ersten Gedenktafeln zur Erinnerung an die Verschleppten und Ermordeten enthüllt. Sie gingen fast ausschließlich auf Initiative jüdischer Organisationen zurück.

Es sind mehrere Erinnerungsberichte erschienen, teils in der Presse, teils als selbständige Publikationen. Sie alle sind im Grunde dem Genre Leidensgeschichte zuzuordnen. Die Überlebenden berichteten darüber, was sie und ihre Angehörigen durchgemacht hatten. Beachtenswert ist dabei die in Üj Elet veröffentlichte Beitragsreihe „So geschah's". 1945/46 verfolgte und analysierte die Zeitschrift ein ganzes Jahr lang die tragischen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. Das niveauvolle Bürgerblatt Haladäs (Fortschritt) veröffentlichte unter der Redaktionsführung des Schriftstellers Bela Zsolt in beinah jeder Ausgabe Beiträge zum Thema Judenverfolgung. Zwischen 1945 und 1948 unternahm Jenö Levai einen ersten Versuch, die Tragödie des ungarischen Judentums in Dokumentensammlungen übersichtlich darzustellen.

Die verbliebene jüdische Bevölkerung versuchte weiterzuleben. In einigen Gemeinden wurde das Glaubensleben intensiv fortgesetzt. Die größte Aktivität zeigten die vom Ausland unterstützten jüdischen Hilfsorganisationen, aber auch die geistige Elite erwachte zu einem Neuanfang: Kulturabende und Matinees wurden veranstaltet, bei denen auch die Schrecken der vergangenen Jahre zur Sprache kamen. Als Nachwirkung der Judenverfolgungen entfaltete sich eine recht starke Zionistenbewegung, die besonders bei den jungen Menschen viele Anhänger fand. Sie richteten ihr Augenmerk auf die Zukunft, verwiesen aber immer wieder auf die tragischen Erlebnisse der Vergangenheit, deren logische Schlussfolgerung einzig und allein die Gründung des Jüdischen Staates sein könne. „Auf einem Friedhof ist kein Neubeginn möglich" lautete ihre Devise, die ihre Gedenkveranstaltungen leitmotivisch verfolgte. Vielsagend war auch die Kopfzeile einer ihrer Publikationen: „Dir ist's passiert".

Die öffentliche Meinung hatte sich geteilt. Viele waren der Ansicht, die Leidensgeschichte der Juden bildet lediglich einen Anteil der allgemeinen Kriegsleiden, sie ist nur eine Episode gewesen. „Jeder hat gelitten" hieß es, um sich von der Verantwortung für die Opfer und den moralischen Folgen der Judenverfolgung freizusprechen. Diese Auffassung fand in öffentlichen Gesprächen Eingang, in geschmacklosen Witzen („die Juden wurden gevierteilt, jetzt sind sie viermal so viel wie zuvor") und selbstin Zeitungen. Das Presseorgan der Kommunisten Szabad Nèp (Freies Volk) forderte die jüdischen Überlebenden auf, beim Zurückverlangen ihrer Wohnungen mehr Geduld zu zeigen. Ein führender Funktionär der Nationalen Bauernpartei äußerte in einem Zeitungsartikel, der Opferbereitschaft könne sich niemand entziehen, nicht einmal unter dem Vorwand zuvor durchgemachter Qualen. Sein Kollege in der Parteiführung, der Schriftsteller Peter Veres erklärte, „wir brauchen weder die Schwaben noch die Juden". Der Kommunist Erik Molnär beschwerte sich darüber, dass Juden unter Bezugnahme auf ihren Leidensweg Sonderrechte erhalten sollten.

Die Kirchen verhielten sich janusköpfig. Mit tiefster Pietät gedachten sie nun der Opfer des Völkermordes, besonders wenn es sich um konvertierte, getaufte Juden handelte. Auf Initiative des reformierten Bischofs Läszlö Ravasz wurde vom Synodalrat im Mai 1946 verordnet, jedes Jahr an einem Sonntag einen Bußgottesdienst abzuhalten, denn die Kirche habe sich nicht mit voller Courage für die schuldlos Verfolgten eingesetzt. Einige Kirchenorganisationen setzten sich mit ihrer eigenen Vergangenheit kritisch auseinander und zogen sogar die Konsequenzen. In Nyiregyhäza zum Beispiel hielten es die Kirchenväter für angebracht, aus Anlass des Gedenkens an die Opfer die jüdischen Überlebenden um Verzeihung zu bitten. Die vor Ort beschlossene Geste blieb jedoch nur eine schöne Absicht, denn sie stieß bei der Kirchenführung der Reformierten auf Ablehnung.

In diesen ersten Nachkriegsjahren wetteiferten die neuen, noch im Aufbau befindlichen ungarischen Parteien um ihre künftigen Mitglieder. Um diese Zeit geschah es auch, dass die so genannten kleinen Pfeilkreuzler, d.h. die einfachen Mitglieder der früheren rechtsradikalen Pfeilkreuzlerpartei von ihren Sünden freigesprochen oder diese als unbedeutend hingestellt wurden. Man entließ sie aus den Internierungslagern, und die sich zur Massenorganisation formierende Kommunistische Partei nahm sie auf. So gesehen ist es verständlich, warum die Erinnerung an den Terror der Pfeilkreuzler sehr bald für eine rein jüdische Angelegenheit gehalten wurde. Trauerveranstaltungen blieben dadurch ausschließlich im Rahmen des damals noch regen jüdischen Gemeindelebens und gelangten nicht an die Öffentlichkeit.

Die zionistischen Organisationen wurden aufgelöst. Anlass dazu bot die Gründung des Jüdischen Staates. Die jüdischen Führungspersönlichkeiten hatten daraufhin zu verkünden, durch die Entstehung des neuen Staates wäre ihr Ziel erreicht.

Professor Sändor Scheiber veröffentlichte 1947 eine Studie, in der er nahelegte: die wahre Geschichte der Tragödie von 1944 dürfe und solle erst nach seriösen wissenschaftlichen Ermittlungen publiziert werden. Diese Dokumentationen sollen zugleich das Andenken an die Märtyrer wahren. Die von ihm abverlangte Forschungsarbeit und die wissenschaftliche Analyse setzten allerdings erst 40 Jahre später ein.

Das Jahr 1948 brachte Ungarn die kommunistische Machtergreifung. Eine Wende vollzog sich damals auch in Hinsicht unseres heutigen Themas. Es kann vielleicht mit der Geschichte eines Kunstwerks erörtert werden. Eine Statue zu Ehren des schwedischen Botschaftssekretärs Raoul Wallenberg, der vielen Jüdinnen und Juden das Leben rettete, wurde aus öffentlichen Spenden finanziert und aufgestellt, die Behörden ließen sie jedoch in der Nacht vor der feierlichen Enthüllung entfernen. Einige Jahre später versuchte man die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für den mutigen Diplomaten und auch sein durch die Sowjetmacht veranlasstes Verschwinden abzuwenden indem man Reprädentanten der jüdischen Gemeinde 1944 mit Wallenberg zusammenarbeiteten, des Mordes an ihm beschuldigte. Die letzte beachtenswerte Publikation zum Thema erschien 1948 in der Zeitschrift Välasz (Antwort). Der namhafte Forscher Istvän Bibö widmete sich darin nicht nur dem Andenken der Deportierten, sondern setzte sich auch mit der Schuldfrage auseinander. Er versuchte die ungarische Gesellschaft durch zahlreiche fundierte Argumente mit dem Verbrechen zu konfrontieren und erkennen zu lassen, wie gleichgültig und mitleidslos die Tötung von hunderttausenden Mitbürgern geduldet und als unvermeidbar hingenommen wurde. Die Studie fand zur Zeit der Veröffentlichung kaum Widerhall. Unter den damaligen Verhältnissen wäre das auch nicht anders möglich gewesen. Eigentlich erregte sie erst mit dem Systemwechsel Ende der 80er-Jahre die verdiente Aufmerksamkeit und eine bis heute währende heftige Debatte.

Bis 1956, in der so genannten Räkosi-Ära, gab es offiziell keine Judenfrage in Ungarn. Gedenken konnte man nur sowjetischer Helden und kommunistischer Märtyrer, bei Staatsfeiern durfte man allein Stalin und seine ungarischen Schüler hochleben lassen. So beschränkte sich die Erinnerung an die Verfolgung auf ein Mindestmaß, selbst diese wenigen Gedenkfeiern blieben ausschließlich innerhalb der jüdischen Gemeinden. An den Jahrestagen fanden Trauergottesdienste statt, außerdem entsandte die Glaubensgemeinde große offizielle Delegationen nach Oswiecim. Ansonsten hielt man es für besser, die Tragödie der über eine halbe Million ungarischen Juden totzuschweigen.

Die offiziellen Stellen gingen gegen jede Erscheinungsform des Antisemitismus mit Härte vor. Selbst das Wort „Jude" wurde aus dem öffentlichen Gespräch getilgt, man sprach eher von „Verfolgten". Das hatte zur Folge, dass der Holocaust generell zu den faschistischen Grausamkeiten hinzugerechnet, ihnen untergeordnet wurde. Man erkannte die Verluste an, verschwieg die Opferzahlen nicht, nur hatte man vergessen hinzuzufügen, dass es Juden waren. Politisch und rassisch Verfolgte wurden unter einen Hut gebracht, Gewicht und Rolle der ersteren ungleich stärker herausgehoben. Fest steht allerdings, die Roma-Deportation war noch viel mehr in die Schleier der Vergessenheit gehüllt, über ihr Schicksal sprach keiner.

Um diese Zeit erschienen keine Publikationen, keine Memoiren mehr zum Thema. Das Gemeindeblatt Üj Elet widmete sich dagegen öfter der Schreckenszeit der Verfolgung und unterstrich dabei stets die ewige Dankbarkeit, die der großen Sowjetunion und dessen Generalissimus Stalin zu gelten hatte. In der Kopfzeile wurde das Tagesblatt nicht mehr als jüdisch gekennzeichnet; es wurde zu einer religiösen und antifaschistischen Wochen- bzw. Monatszeitschrift, eigentlich ein Instrument der Volksfront. Aus Sicht der Gedenkarbeit ist noch ein Periodikum erwähnenswert: die Bulletins des Rabbinerkollegiums der ungarischen Provinz bemühten sich, den jüdischen Glaubensgemeinden bei ihren Gedenkfeierlichkeiten mit gutem Rat Hilfe zu leisten.

Die Tätigkeit der amerikanischen Hilfsorganisation Joint wurde in Ungarn eingestellt. Mehr Zionisten kamen als „imperialistische Agenten" ins Gefängnis. Die Auswanderung bot keine mögliche Alternative mehr. Bis in die 60er-Jahre wurde die Entvölkerung der Glaubensgemeinden in der ungarischen Provinz eine Tatsache. Synagogen wie auch jüdische Friedhöfe verschwanden. Ihre Steine fielen mancherorts mit den Gedenktafeln zusammen dem Eifer örtlicher Steinmetzmeister zum Opfer.

Die Emigrations- und Auswanderungsflut der Jahre 1956/57 beeinträchtigte die Intensität der Erinnerungsarbeit, ließ die jüdischen Gemeinden in Ungarn zusammenschrumpfen. Sie raffte massenweise gerade diejenigen jüdischen Menschen davon, die am stärksten ihre Identität, ihre Traditionen bewahrten.

In den 60er-Jahren begann sich dann die Lage etwas zu entspannen. In Sachen Kirchen und Religion kam es ebenfalls zu Lockerungen, was die Forschung an der Geschichte einzelner lokaler Gemeinden ermöglichte. Die im Ausland erschienenen ungarischsprachigen jüdischen Periodika (Üj Kelet / Neuer Osten, Menora oder Hatikva) befassten sich regelmäßig mit der Schreckenszeit, und die aus Ungarn emigrierten Juden gedachten alljährlich an den Jahrestagen ihrer Verschleppung mit Gottesdiensten und Trauerfeiern. 1957 setzte sich der im Ausland tätige Weltverband Ungarischer Juden mit der Frage auseinander, ob und wenn ja inwieweit die ungarische Kriegsregierung die Verantwortung für die Deportationen 1944 trägt. Das Ergebnis entlastete weitgehend die ungarische Seite.

Nach 1958 durften zum Thema etliche Standardwerke erscheinen, die Bibliographie „Judenverfolgung im faschistischen Ungarn" von Arthur Geyer wurde jedoch verboten. Es kamen umfangreiche Dokumentensammlungen heraus, etwa die „Klageschrift gegen den Nazismus". In den Üj Elet-Kalendern und den Jahrbüchern der Glaubensgemeinde waren anspruchsvolle Arbeiten zu lesen. Das zweibändige Quellenwerk „Waffenlos auf Minenfeldern" widmete sich dem Schicksal der waffenlosen Militärdienst leistenden Juden.

Nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem erhielt die Holocaust-Forschung im Ausland einen neuen Aufwind. In Ungarn dagegen setzte bei jüdischen Themen nach dem arabisch-israelischen Krieg 1967 erneut eine Flaute ein. Nur wenige einschlägige Publikationen stammen aus dieser Zeit. Zu diesen wenigen Ausnahmen gehört das 1975 herausgegebene, ausschließlich der Judenverfolgung gewidmete Werk „Memento 1944". Ein Jahr später erschien der Essay „Einem Vorurteil auf der Spur" von György Szäraz, in dem der Autor neben erlebtem Schrecken auch die totgeschwiegene Verantwortlichkeit sowie das angeschlagene gesellschaftliche Bewusstsein hinterfragte.

In den 80er-Jahren häuften sich die Ereignisse, besonders in der Vorbereitungsphase zum 40. Jahrestag. 1984/85 wurden etliche Gedenktafeln enthüllt, die allerdings ohne Ausnahme die übliche Inschrift trugen. Die Ungarische Akademie der Wissenschaften bildete eine separate Arbeitsgemeinschaft zur Forschung und Aufarbeitung der Geschichte des ungarischen Judentums. Es fanden mehrere wissenschaftliche Seminare und Konferenzen statt. Unter Ägide der Akademie erschien die Studiensammlung „Ungarn 1944". Dass an der wissenschaftlichen Beratung zum Thema „Jüdische Bevölkerung im Ungarn des 20. Jahrhunderts" bereits Forscher aus Israel teilnehmen durften, bedeutete eine weitere Lockerung.

Dennoch zeigte sich in Ungarn bis zum Systemwechsel kein so stark ansteigendes Interesse für den Holocaust, wie es im westlichen Ausland der Fall war. Erwähnung verdient aber die Tatsache, dass in den 70er- und 80er-Jahren die meisten Abhandlungen über die Verfolgung im Vergleich zu den anderen Ländern des Ostblocks in Ungarn erschienen sind.

Indessen nahm der Verband der durch das Naziregime Verfolgten seine Tätigkeit auf und arbeitete praktisch in Symbiose mit der seit jeher hoch präferierten Organisation der ehemaligen Sowjetpartisanen und kommunistischen Wiederstandskämpfer zusammen. Unter ihrer Schirmherrschaft fanden zahlreiche - stark durchpolitisierte - Veranstaltungen und einige Gelegenheitsausstellungen statt. Der jüdische Widerstand war allerdings ein Tabuthema, darüber zu sprechen oder zu schreiben galt als unangemessen. Aufsehen erregte das Blatt der jüdischen Opposition Salom mit dem Titel Magyar Zsidö (Ungarischer Jude), das in der Schuldfrage für den Holocaust einen vom offiziellen abweichenden Standpunkt vertrat. Eine Veränderung des historischen Gedächtnisses haben auch die Samisdats, die illegalen Publikationen der ungarischen Opposition gebracht. Ebenfalls in einem Samisdatdruck war die wahre Geschichte von Wallenbergs Verschleppung gelüftet worden, die bei den Lesern ein unwahrscheinlich starkes Echo hervorrief. Viele Hefte des illegalen Verlags gingen damals in Budapest von Hand zu Hand.

Ein Vorzeichen des politischen Systemwechsels in Ungarn war die Gründung verschiedener jüdischer Organisationen. Während 1985 selbst Mitglieder regelmäßig zusammentreffender jüdischer Privatgesellschaften etwa durch polizeiliche Vorladungen behelligt wurden, konnten sich 1989 mehrere jüdische Vereinigungen konstituieren: so die Gesellschaft für Ungarisch-Israelische Freundschaft, der Jüdische Kulturverein Ungarns (die Nummerierung der Mitgliedsausweise begann in Erinnerung an die Opfer bei 600.001) oder die Zionistische Organisation. Einige von den damals gegründeten Einrichtungen existieren heute nicht mehr.

Eine weitere Folgeerscheinung der politischen Umwälzungen war die Forderung nach gerechter Entschädigung. Der Landesverein der waffenlosen Militärdienst Leistenden engagierte sich mit großem Elan für die Interessen der noch lebenden so genannten Arbeitsdienstler. Zu diesem Zweck wurde auch der kurz bestehende Landesverband für Holocaust-Opfer ins Leben gerufen.

Mit Anlauf der Entschädigungsprozedur - die bescheidenen Zuwendungen wurden aus öffentlichen Geldern finanziert - erhielt die Erinnerungsarbeit, die Heraufbeschwörung des jüdischen Traumas einen gesamtgesellschaftlichen Charakter. Plötzlich entsannen sich selbst solche Menschen an ihre Abstammung, die bislang keinerlei Kontakt zum Judentum unterhielten und alles daransetzten, ihre Wurzeln möglichst zu verdecken und zu vergessen.

Die Zahl der Gedenktafeln nahm zu, obwohl die alten wegen ihrer huldigenden Danksagungen zu Ehren der Sowjetarmee viel Kritik erhielten. Unbekannte Täter zerstörten die Tafel des ehemaligen Budapester Ghettos, einige andere hat man bei Nacht und Nebel verschwinden lassen. Nach heftigen Diskussionen wurde die des Ghettos dennoch wieder mit der Originalinschrift ersetzt. An der Mauer der Synagoge in der Budapester Dohäny utca konnte eine Gedenktafel angebracht werden, die an Theodor Herzl erinnerte. Bereits diese Tatsache bekundete eine Änderung in den Ansichten, später wurde dann der Platz vor seinem Geburtshaus nach ihm benannt.

1990 wurde dann die Ungarische Auschwitz-Stiftung - Holocaust-Dokumentationszentrum ins Leben gerufen. Als Privatstiftung konnte sie bedeutende Erfolge erzielen, doch erst nach gut zehn Jahren international anerkannter Tätigkeit wurde ihr die staatliche Unterstützung zuteil. Zu Yad Vashem in Jerusalem und anderen ausländischen Gedenkstätten knüpfte die Stiftung Kontakte, die sich seitdem zu einem intensiven und vielseitigen Austausch entwickelten. Mehrere Holocaust-Gedenktafeln sowie Gedenkstätten in der ungarischen Provinz gehen auf diese Stiftung zurück.

Seit Ende der 90er-Jahre wird viel Wert aur die Vermittlung der Verolgungsgeschichte im Schulunterricht gelegt. Auf diesem Gebiet herrscht eine rege Zusammenarbeit mit österreichischen Institutionen, seither fanden mehrere gemeinsame Lehrerseminare statt. Zuletzt im Herbst 2003 in Sopron, wo das Thema Verfolgung der Roma behandelt wurde.

Anfang der 90er Jahre entstanden auch einige Zivilorganisationen mit der Zielsetzung, die Erinnerung an das Geschehene aufrechtzuerhalten. Die meisten lösten sich allmählich auf, einzig das Ungarische Holocaust-Gedenkkomitee besteht und wirkt heute noch. Auf Betreiben einer Bürgerinitiative wurde am Donauufer in Budapest das Denkmal Raoul Wallenbergs wieder aufgestellt. Seit 1947 trägt eine Straße der Budapester Innenstadt seinen Namen, heute erinnert ebenda auch eine Reliefgedenktafel an den schwedischen Diplomaten. Die vor Jahrzehnten fertig gestellte Wallenberg-Statue, die in der Kädär-Ära im Garten der US-Botschaft stand, wurde in einer breiten Allee von Buda aufgestellt.

Für seine Tätigkeit als Retter jüdischer Menschen wurde auch dem ehemaligen Vizekonsul der Schweizer Botschaft, Carl Lutz, ein Denkmal gesetzt. Nach dem Italiener Giorgo Perlasca, der sich ebenfalls durch Rettungsaktionen auszeichnete, wurde eine Mittelschule benannt. Im Herzen der Hauptstadt wurde eine neue Gedenkstätte zu Ehren der Holocaust-Opfer errichtet, die durch private Spenden finanziert wurde.

Der 50. Jahrestag bildete einen Höhepunkt der Gedenkfeierlichkeiten. 1994 erschienen unzählige Bücher und Publikationen zum Thema, und im Budaer Burgschloß wurde die Gedenkausstellung Judenverfolgung 1944 eröffnet. Verschiedene Schulprogramme und Landeswettbewerbe halfen der Jugend, die traurigen Ereignisse der Vergangenheit näher kennen zu lernen. Weiters wurde das zweibändige Standardwerk des US-amerikanischen Professors Randolph L. Braham über den ungarischen Holocaust in einer ungarischen Übersetzung herausgegeben.

Ab Mitte der 90er-Jahre wurden die bislang vernachlässigten, verödenden jüdischen Bestattungsstätten in mehreren Ortschaften der ungarischen Provinz in Ordnung gebracht, oft sogar unter freiwilliger Mitarbeit der Ortsbewohner.

Die Neugründung der zionistischen Organisationen rückte Selbstrettung und Widerstand der Juden während der Schreckenszeit in den Vordergrund der wissenschaftlichen Forschung. 2003 wurde diesem bisher stiefmütterlich behandelten Themenkreis eine Sonderkonferenz gewidmet. Neue Quellensammlungen erschienen, um dem Prozess des Vergessens Einhalt zu gebieten.

Die Verfolgung der ungarischen Roma und Sinti erhielt ebenfalls mehr Aufmerksamkeit. Ihre Organisationen erinnerten mehrfach an die in Konzentrationslager Verschleppten. Zum Andenken an die Opfer fand vor einigen Jahren in der Nacht vom 2. auf 3. August vor dem ungarischen Parlament eine öffentliche Totenwache statt. Mehrere Dokumentarfilme behandelten ihre Schicksalstragödie, und in sechs Ortschaften der ungarischen Provinz wurde an die verschleppten oder von ungarischen Gendarmen getöteten Roma und Sinti mit einem Denkmal erinnert.

Ein anhaltend lebhaftes Echo (aber auch etwas Polemik) erregte die Auszeichnung des Schriftstellers Imre Kertesz mit dem Nobelpreis für Literatur. Seine Romane fanden seither in zahlreichen ungarischen Schulen Eingang in den Lehrstoff. Sein preisgekröntes Werk wurde mit staatlicher Unterstützung verfilmt und ist dieses Jahr in den Kinos angelaufen.

Bei der Erörterung des Themas Erinnerung und Erinnerungsarbeit in Ungarn muss man feststellen: das Ausbleiben einer konsequenten Auseinandersetzung mit der Frage nach der historischen Verantwortung fördert den so genannten Geschichtsrevisionismus. In den 90er Jahren verbreitete sich wieder die früher gern verlautbarte Ausrede - jeder habe gelitten. Im Klartext: Die Tragödie des Judentums wird mit den Kriegsopfern, die Aufopferung der zum waffenlosen Militärdienst verschleppten Juden mit dem im Feuergefecht gefallen Soldaten unter einen Hut gebracht. Für diese Denkweise ist Auschwitz eine Art Gulag, die beispiellose Grausamkeit der Todesfabrik wird dabei verschwiegen oder gar geleugnet.

Die oft gebrauchten relativierenden, kleinlich vergleichenden Behauptungen trüben häufig die klare Sicht der neuen Generationen, oft sogar die der Lehrer. Die Verantwortung der ungarischen Seite wird gern auf die Deutschen abgewälzt. Für alles, heißt es in dieser Auffassung, sei der Satan, Eichmann und sein Sonderkommando verantwortlich. Viele spielen mit den Zahlen gleichsam ein Geländespiel, was in Wirklichkeit eine Manipulation der Verlustziffern bedeutet. Manche ungarischen Presseorgane veröffentlichten so genannte Fachgutachten aus dem Westen, die unter anderem behaupteten, laut jüngster Berechnungen wäre der Völkermord gar nicht möglich gewesen.

Sicher vernimmt man gelegentlich auch auf ungarischem Boden Meinungsäußerungen darüber, man habe schon genug von Holocaust und Massenvernichtung gehört, man hätte schon das ewige Gedenken satt. Hin und wieder begegnet man gar der Leugnung oder Relativierung der wahren Geschehnisse. Es gibt auch Geschäfte, die gehässige Hetzpublikationen oder ähnliche zum Hass inspirierende diskriminierende Lektüren anbieten. Gewisse Zeitungen früher waren es Hunnia oder Szent Korona (Heilige Krone), neuerdings Magyar Forum und Üj Demokrata - bringen wiederholt Artikel, die sich bemühen, die Opferzahlen zu verringern und die Verantwortung der ungarischen Gesellschaft zu verwischen. Und die junge ungarische Demokratie steht recht ratlos diesem Phänomen gegenüber, rätselt herum, wie viel sie noch tolerieren könne und wogegen sie mit gesetzlichen Mitteln auftreten solle. Die öffentliche Meinung weist die Hasspropaganda und ihre praktischen Erscheinungsformen zumeist energisch zurück.

Die ungarische Regierung hat 2002 eine wichtige Institution der Gedächtnisarbeit, die Ungarische Auschwitz-Stiftung, in eine gemeinnützige Organisation umgewandelt. Dank der staatlichen Subventionen konnte sie in den letzten Jahren ihre Zusammenarbeit mit den ausländischen Forschungsinstituten und den westlichen Holocaust-Museen intensiv weiterentwickeln. Im Frühjahr 2002 begann dann auch die Errichtung des Holocaust-Museums, sowie des Dokumentations-, und Fortbildungszentrums im Areal um die Synagoge in der Päva utca, Budapest IX, beide sind unter die Leitung der neu gegründeten Stiftung gestellt. Die feierliche Eröffnung des gesamten Komplexes fand dann schließlich am 15. April 2004 statt.

Im neuen Holocaust-Zentrum wurde am 17. April 2004 das reisende Denkmal „Mobiles Erinnern" des Kremser Künstlers Christian Gmeiner ausgestellt. Im Herbst ging dann das Kunstwerk „auf Wanderschaft" und hatte bis in den Juni 2005 die Route der Todesmärsche ungarischer Juden, die im Krieg zur Zwangsarbeit nach Österreich beordert wurden, nachgezeichnet und dabei an mehreren erinnerungswürdigen Schauplätzen der Deportation Station gemacht. Das Forschungszentrum ist neben dem Wachhalten der Erinnerung an die Massenmorde auch bestrebt die Menschlichkeit in dieser schrecklichen Zeit zu zeigen. Außerdem möchte es jene österreichischen Ortschaften ehren, in denen den getriebenen ungarischen Juden Hilfe zuteil wurde und all deren Bürgern Dank aussprechen, die die erschöpften Häftlingen vor dem sicheren Tod gerettet haben.

Zurückschauend auf sechs Jahrzehnte der Erinnerung an die Verfolgung durch die Nationalsozialisten können wir feststellen, dass Ungarn nach einer 40 Jahre währenden schwierigen Periode, in den vergangenen 15 Jahren neue Ergebnisse und Erfolge aufweisen kann. Es kann zwar nicht behauptet werden, dass die ungarische Erinnerungsarbeit frei von gewissen Mängeln und Fehlern sei, der Großteil der Gesellschaft begegnet dem Thema mit einem gesunden Realitätssinn und empfindet Mitleid mit den Opfern. Diese Menschen zeigen auch Interesse für die jüngsten Forschungsergebnisse und sie akzeptieren und unterstützen die 2001 eingeführten Gedenktage, die in den ungarischen Schulen alljährlich an die Opfer des Holocaust und des Kommunismus erinnern.

Szabolcs Szita

Historiker, lebt in Budapest