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Ausgabe 2/05


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Hitler war schwul. Hitler als Sommerloch

Wenn Albert Speer, der Sohn von dem Albert Speer, also von Hitlers Architekten,

die Planung einer von Volkswagen gegründeten Industriestadt nahe bei Shanghai ausführt, so lese ich wenig darüber. Über Hitlers sexuelle Beziehung zu seiner Nichte jedoch bin ich gut informiert. Ebenso über seine (wenig sexuelle) Beziehung zu Eva Braun. Und natürlich weiß ich fast alles über Hitlers Homosexualität. Medien in Nöten haben mich zu diesen Themen informiert, vorwiegend in den Sommermonaten.

Geli Raubal war an Politik wohl nicht wesentlich interessierter als Eva Braun. Von letzterer lässt sich immerhin behaupten, dass sie wie eine Löwin gegen die Diffamierung der Dauerwelle als „undeutsch“ ankämpfte. Den Kampf um ihre evorzugte Haartracht, Eva Braun vs. das Dritte Reich, konnte sie letztlich auch für sich entscheiden.

Ob Hitlers Homosexualität Einfluss auf die Gestaltung der SS oder der HJ Uniformen hatte bleibt im Dunkeln. Nach all der Forschung zum Thema Hitler und die Frauen, in unterschiedlichsten Varianten bleibt für die Homosexualität nur noch ein limitierter Platz übrig: Es lässt sich eine nie ausgelebte Veranlagung vermuten.

Alles Unsinn? Richtig! Trotzdem, all diese Themen wurden vorwiegend in den Sommermonaten der letzten Jahre besprochen.

Hitler ist immer noch ein Verkaufsmagnet. „Sex sells“ – Hitler auch und in der Kombination scheint sich der Effekt

zu verdoppeln. Die Überschrift und eine der martialisch verkitschten Ansichten des „Führers“ ersetzt den Inhalt vollkommen. Dabei könnten in diesem Rahmen interessante Fragen besprochen werden. Die Faszination die Hitlers Selbstinszenierung bis heute auslöst wäre relevant, ebenso wie die Frage nach den Frauenbildern der Nazi Zeit und vor allem ihre Auswirkung auf die Wahrnehmung von Frauen in der Zweiten Republik. Und wenn wir über Hitlers Homosexualität nachdenken so drängt sich die Frage auf, ob nicht die bis heute fehlende Entschädigung homosexueller NS-Opfer ein relevanteres Thema wäre.

Allerdings wäre es auch ein Thema das zu gegenwärtigem Handeln zwingt. Ebenso wie das augenscheinliche Funktionieren alter Strukturen und Zusammenarbeiten, wie zum Beispiel jene zwischen Speer und Volkswagen,

auch wenn es sich um den Sohn handelt. Aber letztlich haben wahrscheinlich auch sie diese Zeilen gelesen, weil über ihnen der verführende Satz steht: Hitler war schwul.

 

Ada Kollwitz

Ethnologin und Verhaltensforscherin

Arbeitet seit einiger Zeit an einer Studie über Jugend und Sexualität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert.