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Ausgabe 2/05


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Unzugehörig revisited: Anmerkungen von Ruth Beckermann zum Wiedererscheinen des Essays Unzugehörig.

1989, im Jahr nach dem Ge- und Bedenkjahr ’88 schrieb Ruth Beckermann ihren Essay Unzugehörig. Österreicher und Juden nach 1945. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Waldheim Kontroverse und dem Bruch,

reflektierte sie damals die Nachgeschichte der Shoah in Österreich. Die prekäre Anwesenheit von Jüdinnen und Juden in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, gab Auskunft darüber was es bedeutet jüdisch zu sein, im Österreich von 1989, und was es bedeuten könnte. Sechzehn Jahre sind inzwischen vergangen, ein Abstand, den zu vermessen das heurige Gedankenjahr Anlass gibt, Anlass auch dazu, zurückzukehren zu den Thesen und Ausblicken von damals und neue zu formulieren. Unzugehörig wird im Herbst im Löcker- Verlag neu ufgelegt.

 

Die Aktualität von Unzugehörig

Ich bin an sich nicht jemand, der sich gerne mit seinen alten Sachen beschäftigt. Für mich ist eine Arbeit, wenn ich sie abgeschlossen habe, hinter mir, ich mache etwas Neues. Aber in diesem Fall habe ich, eigentlich bevor dieses Gedenkjahr begonnen hat, den Text wieder gelesen, nach langer Zeit, und habe mir gedacht, eigentlich

stimmt er jetzt wieder für mich, was das Lebensgefühl betrifft. Und deswegen haben wir dann auch zusammen mit dem Löcker-Verlag beschlossen, das Buch neu herauszubringen, aber den Text genauso zu belassen, wie er damals geschrieben wurde.

 

Veränderung...

Warum stimmt der Text jetzt wieder? Jetzt wieder heißt, dazwischen hat er so nicht gestimmt. Nach der aldheimaffäre, Ende der Achtziger, in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre, hatte ich den Eindruck, dass sich sehr viel bewegt. Zum ersten Mal wurden etwa viele Forschungsprojekte begonnen, auch in Schulen hat man endlich begonnen, sich überhaupt mit der Judenverfolgung auseinanderzusetzen. Es ist breites Thema geworden, endlich hat man offen, hat man überhaupt in der Öffentlichkeit darüber gesprochen. Einer der entscheidenden Punkte war dann freilich die Vranitzky Rede im Nationalrat 1991. Er hat doch in großer Klarheit gesprochen, von Opfer- und Tätergesellschaft und von Mitverantwortung. Für österreichische Verhältnisse waren das die klarsten Worte aller Zeiten, vor allem von einem Bundeskanzler, mit dem ganzen legitimatorischen Hintergrund des Parlaments und des offiziellen Österreichs. Da bekam ich durchaus den Eindruck, hier bewegt

sich etwas.

 

...Verharren und Rückfall

Warum jetzt wieder? Seit 2000, schon davor, seit sich diese schwarz-blaue Regierung angebahnt hat, diese ganze Haiderei und ihr Kontext, ging’s schon wieder bergab. Und wenn man da die aktuellen Bemerkungen Schüssels denkt, ich glaube sie fielen in einem Interview mit der NZZ - „Ich werde nicht zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer bezeichnet.“ - das ist ja nun eigentlich wieder ein Zurück zu einer Opferthese, an die man nicht mehr glaubt, auch er nicht, die man aber mag, die man braucht, die man will. So sieht es leider aus,

hier. Deswegen kann ich jetzt sagen, es ist wieder so, dass der Text für mich stimmt. Er stimmt für mich wirklich - abgesehen von einigen Details, wo sich die Forschung weiterentwickelt hat; von der Grundintention und vom Gefühl, das dahinter steckt - es ist ja ein Essay und kein wissenschaftlicher Text - stimmt er für mich heute, ich

würde sagen, zu hundert Prozent. Es war in den Neunziger Jahren ein Stück weit eine Illusion, dass dieser Reflexionsprozess breiter gestreut ist. Heute gibt’s natürlich ein kritische Masse von Leuten, die sehr Wohl ein Bewusstsein dafür haben, die es vor Waldheim kaum gab. Aber die Mehrheit setzt sich damit nicht auseinander. Das wird nicht mehr. Das setzt sich so fort, der Antisemitismus, das genug Haben vom Thema. In Frieden leben wollen. Warum kann man nicht in Frieden leben, mit einer Geschichte die sehr wohl Brüche hat? Warum geht das nicht, warum muss man das glätten? Das haben die Deutschen ja doch gezeigt, dass das geht. Vielleicht wird es auch dort nun wieder nicht gehen.

 

2005 und die Vergangenheit der Vergangenheit

Natürlich hat das Jahr 2005 durch die Form des Erinnerns an 45 und in Österreich auch an 55 fatale auswirkungen. Das ist in meinen Augen ein besonders schwarzes Kapitel in der österreichischen Geschichte,

der Umgang mit der Nachkriegszeit. Und da passiert öffentlich fast gar nichts. Da wird die Sicht von vor Waldheim zementiert. Dass das die eigentliche Besatzungszeit war, und wie arm wir da waren, und welche

Opfer wir da gebracht haben. Den Gipfel hat das ganze ja mit dieser Spende an die Trümmerfrauen. Da ist Österreich in seinem Element. Das wird kaum gebrochen. Was überhaupt nicht mitreflektiert wird ist der

Umgang mit der Nazizeit. Eigentlich müsste sich das als Band durchziehen. Wie hat man das gesehen 1948, wie hat man es später gesehen, wie sieht man es heute. Das sind doch wesentliche Punkte der österreichischen

Geschichte. Und Bundespräsident Fischer hat ja wirklich jede Gelegenheit versäumt, da ein Gegengewicht zu setzen. Da ist man sich wohl ziemlich einig.

 

Opferkonkurrenz

Die Entwicklung dieses Opferdiskurses, dieser Opferkonkurrenz, die sehe ich international, nicht nur auf Deutschland, Österreich und Juden beschränkt, Als eine internationale Konkurrenzentwicklung, wobei dann Juden als Opfer für alle das Vorbild sind. Ob es Schwarze in Amerika sind, Maghrebiner in Frankreich, es geht immer um einen ähnlichen Diskurs, in dem Juden stets als erfolgreiche Opfer dargestellt werden.

Weil jene, die überlebt haben, trotz ihrer geringen Zahl international präsent sind und dieses ganze Schema der Restitution und Wiedergutmachungen betreiben können, weil sie international organisiert sind. So gesehen ist es überhaupt interessant, wie sich dieser Opferdiskurs entwickelt hat, und dass wir nun in der absurden Situation sind, dass man gerne Opfer ist.

 

Opfer, Täter und das Faszinosum Nationalsozialismus

Was sich ganz stark zeigt, ist dass es eine Verschiebung gibt, von dem Interesse an Opfern, hin zur Täterseite, was ja auch positiv ist, denn die wurde lange vernachlässigt. Man hat sich mit der Opferseite beschäftigt,

um sich nicht mit den Tätern beschäftigen zu müssen. Diese kommt aber jetzt gerade zu einer Zeit, wo man es sich auch schon wieder erlaubt, die Faszination mit dieser Zeit, der Zeit der Großväter und Urgroßväter

zuzulassen. Das ist anscheinend ein unglaubliches Faszinosum, sich mit den Nazis zu beschäftigen. Und das ist ja das, was der Stachel ist, den eigentlich noch niemand wirklich begründet und erforscht hat. Das unterscheidet den Nazismus von allen anderen Ideologien. Es gibt keinen Reiz am Kommunismus oder am Marxismus, der

sich über Generationen fortsetzt, und nicht nur Protest ist von Skinheads und in den Schulen. Protest kann auf viele Art stattfinden. Aber hier gibt es ein Faszinosum. Entweder es hat damit zu tun, dass es so ein starkes Tabu ist, das ist sicher ein Teil, wenn es besonders provokant ist, dieses Tabu zu brechen. Aber es muss auch irgendetwas drin sein, das so faszinierend ist. Das ist, glaube ich eine Frage, die man nun kaum klären kann. An der man sich immer wieder abarbeiten muss. Und ich möchte schon noch, dass es ein großes Forschungsprojekt

gibt, wo diese Väter und Mütter einmal gefragt werden, was sie eigentlich fasziniert hat, wo man ihnen die Möglichkeit gibt, darüber zu reden. Wo sie nicht sagen müssen, wie schrecklich es war, und dass sie eigentlich eh dagegen waren, sondern was sie fasziniert hat, das möchte ich nämlich wissen. Bei den nächsten Generationen und auch den heutigen Politikern, die ja nicht mehr aktiv waren in der Nazi-Zeit, ist es vemerkenswert, dass sie nicht fähig sind, zu sagen, es war eine furchtbare Zeit; das und das ist passiert, und wir waren Täter, die Mehrheit der Österreicher waren Täter, und jetzt ist es anders. Was würde passieren, wenn man das tut? Da hängt soviel daran, in Österreich. Schüssel hat es anscheinend noch immer notwendig, das zurückzudrehen. Weil die Angst, davor was passiert wenn man das zugibt, so groß ist. Und weil es natürlich mit Restitution zu tun hat. Wenn man selber Opfer war, braucht man auch den Opfern nichts zu geben. Dieser

ökonomische Aspekt ist in Wien glaube ich schon sehr stark zu spüren. Das kann man ja nicht wegleugnen. Es ist auch so eine Trotzhaltung, sich nicht dem internationalen europäischen, westlichen Diskurs in dieser Frage anzupassen, sondern was eigenes – man muss fast sagen: Pikantes - zu behalten. Es wird ja schon langsam

absurd. Aber es geht von Generation zu Generation.

 

Jüdisches Leben in Österreich

Was seit 1989 geschah, umfasst auch den Generationswechsel in der IKG, von Paul Grosz zu Ariel Muzikant, also zu meiner Generation, und dadurch einen Wechsel in der Haltung den österreichischen Behörden gegenüber, im Umgangston. Diese leichte Unterwürfigkeit, diese Unsicherheit, die jene Generationen hatten, die

die Shoah überlebt haben, die hat Muzikant sicher nicht. Und wie immer man zu ihm steht, muss man sagen, dass er einiges erreicht hat, und sich auch politisch klar ausgedrückt hat. Es ist anders, weil wir inzwischen einige Plätze besetzt haben, in dieser Stadt, in Wien. Es gibt nicht nur das Denkmal am Albertinaplatz, es gibt auch das am Judenplatz. Es gibt das Jüdische Museum. Es gibt, sozusagen, eine jüdische Infrastruktur, sogar eine ziemlich gute, mit einigen Schulen und so weiter. Es gibt mehr Juden in Wien als damals, vor allem durch

die georgische und bucharische Einwanderung. Der zweite Bezirk wird zu einem Teil wieder ein jüdischer Bezirk, mit einer großen orthodoxen Community, es gibt viele Rabbiner, viele Bethäuser. Was sehr wichtig ist, was sich verändert hat seit dem Erscheinen dieses Buches, ist, dass die Restitution ja doch weiter entwickelt wurde,

und dass jetzt vielleicht sogar Geld fließen wird, in etwas größeren Mengen. Das ist unter internationalem Druck entstanden, mit kluger Mitwirkung der Kultusgemeinde hier. Ohne Druck von außen wäre es dazu nicht gekommen.

 

Interesse an den Lebenden

Außerdem ist es in Österreich nie soweit gekommen, bis heute nicht, dass man sich vielleicht auch einmal für die lebenden Juden interessiert, nicht nur für die Toten. Die toten Juden kann man scheinbar gut gebrauchen, für Ausstellungen, und so weiter. Aber für die Lebenden gibt es kein Interesse. Ich fand es zum Beispiel erstaunlich,

dass der Bundespräsident nach Auschwitz fährt, und nicht einmal auf die Idee kommt, vielleicht eine Delegation von Überlebenden mitzunehmen. Dieser Mangel an Interesse an den Lebenden, nicht an ihrer Kultur oder

ihrer Religion, sondern einfach an diesen Menschen, den finde ich in Österreich ziemlich brutal.

 

Neue Generationen...

Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, wenn so viele Kinder meiner Freunde und mein eigener Sohn nicht in eine öffentliche österreichische Schule, sondern in eine internationale geht, weil wir das selber alles erlebt haben, den Antisemitismus an den Schulen, das Kreuz an der Wand und so weiter. Ich glaube schon, dass das zu der Entscheidung beigetragen hat, unsere Kinder nicht in solche Schulen zu geben. Es geht nicht nur um eine bessere Ausbildung, sondern auch darum. Und das verändert natürlich sehr viel. Wenn ein Kind in so eine

Schule geht, dann hat es Freunde von überall, und die sehen Österreich auch anders, die haben einen anderen Blick. Aber auch die anderen Kinder, die ich kenne, die in eine österreichische Schule gehen, es hat sich da schon etwas verändert. Zum Teil gibt es dann wieder Vorfälle von Antisemitismus und Rassismus, die unfassbar sind, aber so hilflos wie damals ist man diesen Lehrern nicht mehr ausgeliefert.

 

...neue Identitätsfragen

Natürlich stellt sich für uns heute auch die Frage, und das ist gerade für meine Generation auch im usammenhang mit unseren Kindern eine große Frage, „Was ist Judentum und wie gibst Du das weiter?“

Für uns war ganz klar, auch wenn man nichts von Religion gewusst hat, ist diese Geschichte da, in der Generation unserer Eltern, war alles definiert, furchtbar definiert, als Überlebende dieses jüdischen Volkes.

Aber das ist ja heute nicht mehr so. Man muss heute überlegen, was man seinen Kindern an positiven Werten geben will. Es genügt nicht ihnen die Gräuel des Nationalsozialismus zu erzählen, und mit ihnen ins Anne Frank Haus zu gehen. Das hat für uns wahrscheinlich auch nicht genügt, aber es hat sich damals stärker so abgespielt. Es ist kein Zufall, dass Leute heute Religion stärker betreiben, und danach fragen, was es ist. Was ist Judentum, wie willst Du das betreiben? Bist du Zionist, willst Du nach Israel gehen? Bist Du religiös, was ist es? Und das macht natürlich eine lebendigere Kultur aus, all diese verschiedenen Strömungen heute. Wie gesagt, es gibt mehr Juden in Wien, und es gibt so viele verschiedene Gruppen. Das ist ja ganz neu. Heute kennt man nicht mehr alle.

 

Europäische Perspektiven

Würde ich heute so ein Buch schreiben, wäre es lange nicht so auf Österreich zentriert. Das Lebensgefühl, ein Teil Europas zu sein, ist mir sehr angenehm und eine Entlastung. Ich finde es auch bemerkenswert, dass zum Beispiel die georgischen Juden, die nach Wien kommen, sagen: „Wir wollten nach Europa, wir sind nach Europa gekommen.“ Da steht Europa im Vordergrund und gar nicht Österreich. Und das ist, finde ich, eine große Veränderung. Der Druck der von Europa auf Österreich ausgeübt wird ist insofern ganz in meinem Sinne. Für mich hat Europa schlicht sehr viel verändert, in meinem Gefühl hier zu sein. Ich habe nicht mehr das Gefühl, diesem Österreich so ausgeliefert zu sein. Dass das so eng ist, und so klein. Und Wien hat sich ja auch sehr verändert, in gewissen Bereichen. Wo es doch viel mehr Menschen gibt, die unterwegs sind. Die Studenten heute verbringen so viel Zeit im Ausland, das verändert schon viel, das finde ich gut. Ich bin begeistert von der Idee Europa. Ich glaube auch, dass ein Beitritt der Türkei sehr wichtig ist, wichtig sein kann. Ich glaube, dass es einen Trialog geben muss, zwischen Juden, Christen und Muslimen, und so viel ich weiß wollen die Katholiken das nicht wirklich. Ich glaube, dass die Juden ihren Platz finden werden müssen, dass es sicher falsch wäre für Juden sich auf die Seite des christlichen oder jüdisch-christlichen Abendlandes zu schlagen, sondern dass gerade die Juden, die ja mit dem Islam sehr viel gemeinsam haben, von Seiten der Religion und von der bedeutung des Gesetzes in der Religion, ein sehr wichtiger Dialogpartner sein könnten. Und dass es für Juden auch im eigenen Interesse wichtig ist, was zum Beispiel Israel betrifft, dass in Europa ein moderner Islam entsteht. Ich meine dass die Türkei da ein wesentlicher Faktor sein kann, wenn sich dort was ändert und sie ein Teil Europas wird, und das eine Ausstrahlungskraft auf die arabische Welt haben wird, auf die islamische Welt. Und ich hoffe sehr, und ich bin auch davon überzeugt, dass muslimische Intellektuelle in Europa diese möglichkeit eines europäischen Islam, nennen wir es einmal so, sowohl Muslim zu sein, als auch Europäer zu sein, ein Mischung von Moderne und Religion zu finden, diskutieren. Ich hoffe, dass es bald zu größeren Plattformen kommen wird und ich hoffe, dass es viel Öffentlichkeit geben wird, für die Diskussion die innerhalb der muslimischen Gesellschaft stattfindet, von der wir noch nicht viel mitbekommen.

 

Sebastian Markt

studiert Geschichte an Wien. Er leistete 2000/01

Gedenkdienst im Leo Baeck Institute in New York