AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/05


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Ich wollte nach Europa geschickt werden, um mich am Kampf gegen die Nazis zu beteiligen“

Zeitzeugengespräch mit Gerald Schwab

 

Gerald Schwab ist seit mehreren Jahren als Freiwilliger Mitarbeiter an der Historiker-Abteilung am Holocaust Memorial Museum in Washington tätig. Auf diesem Wege hatte ich auch die Ehre, seine Bekanntschaft zu machen. Gerry, wie seine Freunde und Kollegen ihn nennen, ist 1925 in Freiburg im Breisgau, Deutschland geboren. Geboren wurde er unter dem Namen Gerd. Als ihm 1944 bei seinem Naturalisierungsprozess in den USA seine Armeepapiere ausgestellt wurden, ließ er diesen auf Gerald ändern. Gemeinsam mit seiner Familie, die aus Breisach am Rhein stammt, ist er im Jahr 1933 für kurze Zeit nach Basel in die Schweiz umgezogen. Sein Vater war von Beruf Kaufmann und in mehreren Ländern tätig. Gerds Familie lebte dann eine Zeitlang in Frankreich, in der Kleinstadt Saint Louis (St. Ludwig), an der Schweizer Grenze, wo der junge Gerd zur Schule ging, bis die Familie wieder Mitte 1935 zurück nach Deutschland, in die Stadt Lörrach, zog.

 

                                                          

 

Als Antwort auf die „Reichskristallnacht“ erklärte sich die Schweiz bereit, 300 Kinder aufzunehmen. Die deutsche Reichsregierung verhielt sich zu jenem Zeitpunkt passiv im Bezug auf die Ausreise von Kindern. Im April 1939 wurde Gerd im Alter von 14 Jahren zu einer Bauerngastfamilie in die Schweiz geschickt. Das darauffolgende Jahr verbrachte er in Mönchaltdorf und in Hütten ob Wädenswil am Züricher See. Seinen Eltern wurde sowohl die Ausreise aus Deutschland als auch die Einreise in die Schweiz verboten, deshalb mussten sie in Lörrach zurückbleiben. Die Familie blieb während dieser Zeit im ständigen Kontakt. Ein Jahr später, im Mai 1940, kehrte Gerd nach Deutschland zurück, um die Ausreise aus Europa anzutreten: Seine Familie hatte die Ladung vom amerikanischen Konsulat in Stuttgart bekommen, um am 10. Mai, am Tag des Angriffs auf Holland und Belgien,

 

ihre Einwanderungspapiere abzuholen. Noch in der darauffolgenden Woche machte sich die gesamte Familie auf den Weg, um aus der Unsicherheit zu flüchten und nach Amerika auszuwandern. Die lange Reise ging mit dem Schiff „George Washington“ über Genua, Italien nach New York in die Vereinigten Staaten. Einen Monat später

 

wäre dies gar nicht mehr möglich gewesen, nachdem sich auch Italien als Alliierter des Deutschen Reichs dem Krieg angeschlossen hatte. Die Emigrantenfamilie zog nach einem kurzen Aufenthalt in New York nach Long Branch in New Jersey. Dort arbeitete Gerrys Vater zu Beginn als Chauffeur und Gärtner und Gerrys Mutter als Hausbedienstete bei einer wohlhabenden Familie. Im August 1941 kaufte die Familie mit Hilfe eines Darlehens von der Jüdischen Landwirtschaftsgemeinschaft (Jewish Agricultural Society) eine Hühnerfarm. Gerry musste auch während seiner Schulzeit auf der Farm mithelfen. Anfang 1944 meldete sich Gerald Schwab freiwillig beim Militär und, nachdem er einen dreizehnwöchigen Vorbereitungskurs in Florida absolviert hatte, wurde er als Infanterist zurück nach Europa – und zwar nach Italien - geschickt. „Die Ausbildung in Florida war hart, denn

 

es war nicht in dem Teil von Florida, den du aus den Ferien kennst...“, sagte Gerry zu mir, „... das militärische Trainingslager war im Norden situiert, in einer Gegend wo es hauptsächlich Sand, Sümpfe und Schlangen gibt. Nach der Ausbildung gab es zwei Möglichkeiten: die Divisionen im Pazifik oder die Kampftruppen in Europa.“ Gerry versinkt für einen Augenblick in Gedanken und fährt dann fort. „Ich wollte nach Europageschickt werden, um mich an dem Kampf gegen die Nazis zu beteiligen“, lächelnd fügt er hinzu, „... der Grund wie es dazu kam,

 

war interessant. Es war eine Voraussetzung für alle Soldaten, die eine Brille trugen, auch eine Ersatzbrille zu haben, und damals war es nicht so einfach wie heute, eine Brille zu bekommen. Ich musste auf meine zweite

 

Brille warten und wurde deshalb nicht mit der Einheit, mit der ich gemeinsam ausgebildet worden war, entsandt. Die Truppe wurde nach Frankreich geschickt und war an der Ardennen-Schlacht beteiligt. Diese war die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Ich kam dann zwei Wochen nach der Entsendung meiner Kameraden

 

im November 1944 nach Neapel, anschließend nach Caserta und von dort aus in den Norden zur zehnten Gebirgsdivision. Das war übrigens die einzige amerikanische Gebirgsdivision. Vor kurzem wurde ich gefragt:

 

Was haben Sie am 8. Mai 1945, am Tag des offiziellen Ende des Krieges gemacht? – Ich habe geschlafen, denn zu diesem Zeitpunkt war für unsere Einheit der Krieg in Europa bereits seit einigen Tagen vorbei. Wir waren

 

müde und glaubten, dass wir in Kürze in den Pazifik versetzt werden. Meine Kameraden wurden in die Vereinigten Staaten zurückverschifft, um von dort aus in den Fernen Osten versetzt zu werden. Und ich wurde

 

dem Hauptquartier der Fünften Armee zugewiesen, da sie einen Dolmetscher und Übersetzer brauchten. Das Hauptquartier war an der Gardone Riviera am Gardasee, wo ich dann für die nächsten zwei Monate tätig war. Dann wurde ich in Gmunden, Österreich, zum Nachrichtendienst eingesetzt, und im Mai 1946 habe ich mich in Wien offiziell von der Armee abgemeldet.“

 

Nach der Kriegszeit arbeitete Gerry für ein weiteres Jahr zivil in Deutschland. Zuerst sechs Monate als Dolmetscher und Übersetzer beim Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg und dann weitere sechs Monate als Forschungsanalytiker in Berlin, wo er im Auftrag des Justizministeriums an der Vorbereitung der okumentationen für die Nürnberger Prozesse tätig war. Während dieser Tätigkeit hatte er auch Zugang zu den Akten der „Reichskristallnacht“. Viele Jahre später verwendete er die daraus gewonnenen Erkenntnisse für ein Buch. Danach reiste Gerald zurück in die Vereinigten Staaten und ging dort auf die Universität. Da er aufgrund der zuvor genannten Umstände keinen „Highschool“- Abschluss hatte, immatrikulierte er an der

 

Chicago Universität. Dies war die einzige große Universität in den USA, die eine Zulassung ohne den „Highschool“-Abschluss ermöglichte. Dort studierte er drei Jahre, auf die ein Studienjahr an der Stanford Universität in Kalifornien und ein weiteres Studienjahr an der George Washington Universität in D.C. folgten.

 

Nach seinem Abschluss im Jahr 1951 arbeitete Gerald Schwab zunächst im öffentlichen Dienst und dann im Außendienst des State Departments der amerikanischen Regierung. Von 1955 bis 1957 war er für den amerikanischen Außendienst in Wien tätig. Im Anschluss daran war er in vielen Ländern, darunter Togo und Sierra Leone, in diplomatischer Mission unterwegs. Heute lebt Gerry in Alexandria und unterstützt unsere Abteilung im Museum bei verschiedenen Forschungsaufgaben.

 

Stefan Stoev

 

leistet 2004/05 Gedenkdienst im United States

 

Holocaust Memorial Museum in Washington