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Ausgabe 2/05


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Spuren von GEDENKDIENST in der Hofburg

Anfang Juli wurden erstmals Auslandszivildiener vor Dienstantritt durch den Bundespräsidenten in der Hofburg offiziell verabschiedet. GEDENKDIENST ist die erste  Trägerorganisation, der diese hohe Anerkennung zukommt.

Freitag Nachmittag, Rabensteig drei. Eine Vielzahl von jungen Menschen füllt die Büroräumlichkeiten von GEDENKDIENST - nicht nur die sich im Aufbruch befindlichen Gedenkdienstleistenden sind gekommen,

auch der Vorstand ist fast vollzählig anwesend. Letzte Vorbereitungen werden getroffen, Kameraakkus überprüft, Schuhe geputzt und kleine Unstimmigkeiten der meist festlichen Kleidung behoben. Mit gezückten Schirmen macht sich die Traube durch die nassen Gassen des ersten Wiener Bezirks auf den Weg zum Ballhausplatz.

Im Eingangsbereich der Hofburg hängt ein Nachdruck des zum Gemälde gewordenen Staatsvertragsakts – man schreibt je nach Perspektive das Gedenk-, Gedanken- oder Gedankenlosigkeitsjahr 2005.

 

Vor einigen Wochen noch taten die Bundesräte Gudenus und Kampl ihr Möglichstes, um die Bemühungen der Regierung um ein möglichst poliertes Geschichtsbild des neuen Österreich mit den Abgründen eines älteren zu konterkarieren. Während der eine staatsanwaltschaftlich sanktioniert an der Existenz von Gaskammern zweifeln

durfte, sorgte sich der andere um die nach dem Krieg grausam verfolgten Nationalsozialsten.

 

Vor dem Tor der Hofburg stehen Vertreter einer anderen Generation und einer differenzierteren Auseinandersetzung mit der Geschichte Österreichs. Es sind 23 junge Menschen, die ihre gewohnte Umgebung für 14 Monate hinter sich lassen werden um in 13 Ländern in Archiven des Holocaust zu recherchieren, Überlebende der Shoa zu betreuen, Ausstellungen zu organisieren und ihr Wissen anderen Jugendlichen zu vermitteln. Auch drei Frauen sind darunter, die im Rahmen eines europäischen Freiwilligendiensts an Orten des Gedenkens arbeiten werden. Sie stehen in einer bereits über 10jährigen Tradition - seit 1992 haben bereits rund 200 junge ÖsterreicherInnen einen GEDENKDIENST absolviert.

 

Noch 15 Minuten. Warten. Dann am nicht enden wollenden roten Teppich durch die Prunkräume, an den Zeugnissen der Kaiserzeit vorbei. Am Ende des Ganges ein Kamerateam des ORF-Reports und ein paar Fotografen. Der Präsident begeht sein einjähriges Amtsjubiläum, das verschafft auch GEDENKDIENST Öffentlichkeit.

 

Gregor Ribarov, Obmann des Vereins, nimmt in seiner Rede Bezug auf die wegen Gudenus` Aussagen aufgeworfene Debatte über den Umgang mit Holocaust-Leugnern und Verbotsgesetz. Viel wesentlicher als der rein juridische Zugang dazu sei eine offene Kultur der Debatte, eine lebendige, kritische Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte.

 

Dem Präsidenten ist GEDENKDIENST eine sehr vertraute Einrichtung. Erst am Dienstag, drei Tage zuvor, hat er eine Gruppe aus London in der Hofburg empfangen, die 1938 ihre Heimat unter dem Druck der Nazidiktatur verlassen mussten und auf Einladung des Jewish Welcome Service nach Wien gekommen sind. Viele von Ihnen

erstmals nach Vertreibung und Flucht; auf der Suche nach den Erinnerungen ihrer Kindheit, nach den Gassen und Winkeln im „Grätzl“, nach einem weiteren Schritt in Richtung Versöhnung mit ihrer ehemaligen Heimat, die sie einst zu Vertriebenen, zu Unmenschen degradiert hat. Betreut und begleitet wurden sie von aktiven und

ehemaligen Gedenkdienstleistenden; die Freude und Rührung über die Begegnungen standen den alten Menschen ins Gesicht geschrieben.

 

Jetzt, an diesem Freitag Nachmittag, trifft Präsident Fischer jene, die den umgekehrten Weg nehmen werden. Die, die Orte der Emigration und geschichtlichen Aufarbeitung aufsuchen werden, um im Ausland mehr über Österreich zu erfahren und ehemaligen Österreichern zu begegnen. Eine Tätigkeit, die vom Staatsoberhaupt

wahrgenommen und honoriert wird: „Jeder Einzelne hat positive Spuren hinterlassen, ich merke das. Wenn man in Washington oder in New York ist, trifft man auf Spuren der Gedenkdiener; wenn man in Israel ist, stellt man das fest. Daher habe ich gerne zugestimmt, auf diesen GEDENKDIENST aufmerksam zu machen, die österreichische Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, dass es eine sehr wertvolle, und von Idealismus getragene, eine sensible aber wichtige Arbeit leistende Gruppe gibt.“

 

Quantitativ seien es nicht sehr viele, aber das was sie tun habe sehr hohen symbolischen Wert. Diese Leute, die etwa 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren sind, seien überzeugt, so Fischer, dass es sich auszahle - obwohl sie überhaupt keine individuelle Verantwortung für das was geschehen ist tragen müssten - einen Beitrag zu leisten: Dass man mit diesem Teil der Geschichte verantwortungsvoll umgehe, und das nicht mit verbalen Bekenntnissen, sondern durch monatelange, systematische, in vielen Fällen vielleicht gar nicht einfache Arbeit. Aus der Korrespondenz mit Gedenkdienstleistenden glaube der Präsident erkennen zu können, dass sie diese Arbeit aus Über zeugung machen, dass es nicht - unter Anführungszeichen - ein Job sei den man heute erledige, sondern sich sehr dezidiert auch mit der Gesellschaft und den Einsatzmöglichkeiten auseinandersetze, die in Yad Vashem anders sind als die in London oder auch in Österreich. Das verdiene Aufmerksamkeit und das verdiene Anerkennung; das was sie tun sei gut und wichtig für unser Land. „Also, herzlichen Dank. Ich wünsche Ihnen für die nächsten Einsätze und Tätigkeiten alles Gute.“

 

Nach der Rede verabschiedet Präsident Fischer jeden Gedenkdienstleistenden persönlich. Er schüttelt die Hand und spricht mit den jungen Erwachsenen über Einsatzstellen, die Arbeit, die sie erwartet und die Pläne, die sie haben. Zurück über den roten Teppich. In der Nähe wartet der Bus mit dem die Gruppe zum dritten und letzten Vorbereitungsseminar vor ihrem Auslandseinsatz fährt. In einigen Tagen schon trennen sich die Wege der Gedenkdienstleistenden, die in alle Himmelsrichtungen der teils noch unbekannten Ferne aufbrechen werden.

 

Johannes Högl

leistete 1996/97 Gedenkdienst im Simon

Wiesenthal Center in Los Angeles