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Ausgabe 2/05


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Der Zynismus des Massenmordes

Es erscheint uns unmöglich, unsere gesamten persönlichen Eindrücke, die wir in Theresienstadt/Terezin auf der Studienreise im April gesammelt haben, in diesen paar Zeilen zusammenzufassen, wodurch dieser Artikel lediglich als Versuch gesehen werden kann, die erlebten Ereignisse zu verarbeiten. Die komplette Geschichte dieser kleinen Stadt im Nordwesten Tschechiens in einen einzigen Artikel zu packen ist sowieso nicht zu bewerkstelligen. So haben wir uns entschlossen, nur die Kerneindrücke und die bleibendsten Erfahrungen zu schildern.

 

Das Tagebuch einer Überlebenden, das in Prag darauf folgende Gespräch mit ihr und die eigentliche Führung durch die Kleine und Große Festung Theresienstadt bildeten den roten Faden durch das Wochenende.

 

Als besonders eindrucksvoll empfanden wir das Gespräch mit Frau Roubickova, die uns über ihr (Über-)Leben im Theresienstädter Ghetto erzählte. Neben alten Dokumenten und Fotos berührte uns vor allem ihr „ Judenstern“, den sie bis heute aufbewahrt. Spannend war auch der Austausch mit ihrem Sohn, der während unseres Besuchs Impulse einwarf, die das Gespräch besonders lebendig und interessant machten.

 

Durch das Lesen des Tagebuches und die Erzählungen von Frau Roubickova hatten wohl alle, die noch nie in Terezin gewesen waren, ein bestimmtes Bild des Ghettos und des KZs „Kleine Festung“ vor Augen. Umso überraschender war der erste Eindruck, als wir in der ehemaligen Kasernenstadt ankamen.

 

Josef II. ließ Terezin als Militärstützpunkt und Militärgefängnis, das schon damals für seine Härte berüchtigt war, erbauen. Auch Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajevo, saß hier seine Strafe ab und starb während der Haft. Der sternförmige Bau der Kleinen und Großen Festung Terezin erinnert noch heute an den militärischen hintergrund und die Soldatenquartiere, die in den auch heute noch stehenden Gebäuden untergebracht waren. Die spärlich vorhandenen, gut gesicherten Eingänge und die hohen Mauern dienten vormals der Verteidigung, später zur Isolierung der jüdischen Deportierten.Ab dem 24. November 1941 wurde die eigentliche Stadt, die „Große Festung“, in ein Ghetto für Juden und Jüdinnen und in ein Durchgangslager für die KZs im Osten umfunktioniert.

 

Der Bus, in dem wir aus Prag angereist waren, hielt direkt am Hauptplatz. Die größte Überraschung waren wohl die Menschen,die hier ihrem alltäglichen Leben nachgingen. Kleine Kinder, die mit ihren Hunden spielten, alte Leute, die den Schatten der Bäume suchten, es wirkte alles so weit entfernt von dem Ort, über den wir jetzt schon so viel gehört hatten. Einzig ein Davidstern an einer Informationstafel, der das Wort „Jude“ trug, erinnerte auf den ersten Blick an das ehemalige Ghetto. Für uns war es verstörend zu sehen, dass, im Gegensatz zu anderen Gedenkstätten, Terezin bewohnt war. Der Kontrast zwischen den bunten, mit der Zeit teils verfallenen Häusern, den Leuten in den sonst so leeren, streng parallel verlaufenden Straßen und der bedrückenden Geschichte dieses Ortes war erschreckend. Wir stellten uns oft die Frage, wie wir damit umgehen würden, wenn wir selber an so einem Platz leben würden. Eindeutig konnten wir diese Frage nicht beantworten, da man sicher mit der Zeit eine immer größere emotionale Distanz zur Vergangenheit dieser Straßen und Häuser entwickelt. Offenbar versucht aber auch ein Großteil der Bevölkerung eben diese Vergangenheit aufzuarbeiten, indem sie sich an der Gedenkstätte aktiv beteiligen, einige sogar ehrenamtlich.

 

Wir haben es auch zuerst als sehr schwierig empfunden, die auf den ersten Blick beinahe idyllisch wirkende Kleinstadt mit ihrer Geschichte zu assoziieren. Erst die Führung durch Terezin ließ uns die Stadt mit den Bildern und Erzählungen, die wir im Vorfeld der Studienfahrt gesehen und gehört hatten, verbinden.

 

Es war schockierend zu sehen, welche Geschichte selbst die harmlosesten Gebäude in der Stadt verbargen. So war ein kleines Restaurant ehemals das Wohnhaus eines hochdekorierten SS- Mannes. An einigen Häusern hängen Plaketten, die über deren Vergangenheit und die Zustände, die dort herrschten, informieren. Andere tragen keine und lassen so nur vermuten, welche Geschichte sie verbergen.

 

Die scheinbare äußerliche Idylle der Häuser täuscht auch heute noch viele Menschen, die sich nicht näher mit den Verbrechen, die hier stattfanden, auseinandersetzen. Das kommt nicht von Ungefähr. Aufgrund eines bevorstehenden Rot-Kreuz Besuches sollten das Ghetto und die Kleine Festung „verschönert“ werden. Systematisch wurden Maßnahmen gesetzt, wie die Einführung einer für das Ghetto bestimmten, wertlosen Währung, dem Erbau von Geschäften, die nach dem Besuch der internationalen Rot-Kreuz Delegation wieder geschlossen wurden und dem Abbau der in fensternähe befindlichen mehrstöckigen Betten, die von der Straße aus die wahren Zustände im Ghetto verraten hätten können. Nach einem Jahr Vorbereitungen und der „Entfernung“ von kranken und alten Juden und Jüdinnen, stellte sich heraus, dass viele dieser „Verschönerungen“ nicht notwendig gewesen wären, da die Vertretung des Roten Kreuzes lieber stundenlang mit den SS-Männern zu Mittag aß und es nicht einmal für wert empfand, sich das KZ „Kleine Festung“ anzusehen. Das Theresienstädter Ghetto war zum „Vorzeige-KZ“ geworden.

 

Die vermeintliche Idylle verschwindet allerdings endgültig, wenn man die Kleine Festung betritt. Dadurch, dass die Kleine Festung eher den typischen Bildern aus anderen Konzentrationslagern entspricht, mit unzumutbar engen Zellen, Wachtürmen und Appellplätzen, war der Kontrast zum ehemaligen Ghetto umso größer. Man kommt sich in der Großen Festung nicht zuletzt durch die „Verschönerungsaktionen“ nicht so eingesperrt und beengt vor.

 

Beschäftigt hat uns die Art anderer BesucherInnen mit dem Thema umzugehen. Besonders schockierend war zu sehen, wie eine kleine TouristInnengruppe eine Hinrichtung an einem Galgen nachstellte und sich dabei einen Spaß daraus machte, sich gegenseitig zu fotografieren. Diese Pietätlosigkeit war ihnen aber offenbar bewusst, da sie die Blicke senkten, als sie uns sahen. Ähnliche Ereignisse gab es des Öfteren. Das Unverständnis vieler Leute ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass es ohne Vorwissen schwer ist, die hier geschehenen Verbrechen auch nur ansatzweise begreifen zu können. Das auf den ersten Blick harmlos wirkende Aussehen von Terezin erschwert es zusätzlich, diesen Ort mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu assoziieren.

 

Die Atmosphäre, die Terezin bis zum heutigen Tag ausstrahlt, wirkt verharmlosend und erschreckend zugleich, da sie den Zynismus, mit dem die Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen durchgeführt wurde, unterstreicht. Ein gutes Beispiel für diese Scheinheiligkeit ist ein Propagandafilm, den die jüdische elbstverwaltung selber erstellen musste, um den „Vorbildcharakter“ Terezins für die Öffentlichkeit darzustellen. Dieser Film zeigt auch gut die Gefahr von Bildern, wenn man sie ohne historischen Kontext betrachtet. Genau das selbe gilt auch für die Straßen und Häuser Terezins, die ihre Vergangenheit nie loslassen wird. Umso wichtiger ist es, das Gedenken an die Opfer und die Verbrechen aufrecht zu erhalten und den Bezug des Ortes zu seiner Vergangenheit nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Lukas Meißel

Thomas Rennert

Teilnehmer an der Studienfahrt von GEDENKDIENST

nach Theresienstadt im Frühjahr 2005