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Ausgabe 2/05


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Anja und ich: Ein persönlicher „Nachruf“ auf Anja Mertinkat, EVS-Freiwillige im Gedenkdienstbüro Wien 2004/05

Als ich mich im Frühjahr 2003 erfolgreich für die Tätigkeit einer „administrativen Bürokraft“ bei GEDENKDIENST bewarb, wusste ich zunächst nicht worauf ich mich eingelassen hatte: Zu meinen bisherigen Tätigkeiten gehör(t)en inzwischen u.a. Studienfahrtsleitung, Seminar- und Tagungsvorträge, Büroaufräumen und Kuvertieren, Beratungsgespräche und Würstelbraten. Besonders unvorbereitet traf mich allerdings die Arbeit mit jenen ambitionierten Menschen, die im Rahmen des EU-Projekts „Europäischer Freiwilligendienst“ (EVS), 12 Monate nach Wien übersiedeln, um die Arbeit von GEDENKDIENST vor Ort unterstützen. Nach Jana Matischok, Juliane Urban war Anja Mertinkat die dritte Freiwillige mit der ich - diesmal bis zum 1. September 2005 - zu tun hatte. Meine Bilanz über die gemeinsame Zeit fällt klar und deutlich aus; ich hoffe ihre ebenso.

 

Anja kommt, wie ihre beiden unmittelbaren Vorgängerinnen aus dem Osten Deutschlands, also jenem Teil dieses Landes in dem die Menschen in jedem Fall anders wählen1 und vielleicht auch anderes denken, als sonst wo in der Bundesrepublik. Im Gegensatz zu den Ansagen des bayrischer Spitzenpolitiker2, aber auch in Teilen des „liberalen“ deutschen Feuilletons vorhandenen Feindbildern über angeblich „undankbare Ossis“3, fand ich diesen Aspekt stets spannend und positiv. Anja und ich tauschten uns nicht nur über die Agenda 2010, die Hartz-Reformen und – nach den NPD-Wahlerfolgen in Sachsen 20044 – immer wieder über die rechtsextreme Gefahr in den fünf neuen Ländern aus. Als Beispiel einer ebenso vorhandenen kulturellen Affinität zwischen uns, könnte ich etwa auch den wunderbaren, von Anjas Mutter organisierten (und von Anja und Florian Huber überreichten), russischen Geschenkskorb anlässlich meiner heurigen Eheschließung erwähnen.

 

Anja gehört zu den Menschen, die einem regelrechte Löcher in den Bauch fragenkönnen. Unsere erste gemeinsame Tätigkeit - eine Stadttour, bei der wir Gedenkdienstfalter in allem möglichen Institutionen auflegten - artete sofort zum Intensivseminar „Vergleich politisches System Österreich- Deutschland-USA“ aus. Dieses Insistieren und ein „lieber einmal zuviel als zuwenig nachfragen“ prägte auch Anjas Arbeitsweise: Genauigkeit, Verlässlichkeit, durchgeplantes Vorgehen, „To do“ - Listen erstellen – Anjas Stärken könnten meiner Erfahrung nach vielen NGOs nicht schaden. Besonders beeindruckend fand ich die Schnelligkeit mit der sie sich in die Handhabung unserer komplexen EDV inarbeitete; ein wirklicher Ansporn und ein echtes Vorbild für mich. Selbst wenn gerade wenig zu tun war, konnte man Anja selten ohne ein Buch oder eine Zeitung in der Hand (oder auf dem Bildschirm) sehen - ein Umstand aus dem sich dann natürlich wieder Fragen und Anregungen ergaben.

 

Meistens war aber allerdings eher „mehr“ zu tun: EVS-Freiwillige betreuen im Rahmen ihres Projekts bei GEDENKDIENST vor allem die „Mittwochstreffen“ – also wöchentliche Veranstaltungen für NeuintressentInnen. Bei diesen Treffen wird nicht nur jeweils der Verein vorgestellt und über die Arbeit an den Einsatzstellen gesprochen - Diskussionsrunden, Filmvorführungen und gemeinsame Museumsbesuche (…) gehören ebenfalls dazu. Anja hat über 30 solcher Treffen koordiniert, bzw. mitgestaltet; und damit maßgeblich dazu beigetragen, dass jene Jugendlichen die heuer (15.7.2005) ihren Gedenkdienst antraten, zu einem tatsächlichen, gemeinsamen „Jahrgang“ wurden. Ebenso hat Anja nicht nur praktisch alle wesentlichen Veranstaltungen des Vereins (Tagung, Studienfahrten, Seminare ...) besucht, sondern auch mit den jeweils Verantwortlichen (mit-)umgesetzt.

 

Auf meine Frage nach dem „Highlight“ ihrer Tätigkeit kam Anjas Antwort promt: Der Besuch von jüdischen Vertriebenen im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit unserer Einsatzstelle in London (LJCC) und dem Jewish Welcome Service in Wien. Seit dem ich bei GEDENKDIENST arbeite, konnte ich bereits zweimal die Besuche dieser Zeitzeugen miterleben, die in österreichischen Schulen vortragen und vor allem engagiert mit den Jugendlichen diskutieren. Anja hat deren Einsatz gemeinsam mit Dominik Aschauer und Bernhard Obenhuber vorbereitet und in Wien für die gesamte Dauer begleitet. Mehrere Schulen im Bundesgebiet wurden besucht, Diskussionsveranstaltungen begeleitet, Buch- und Materialienverkäufe organisiert (…). Unvergesslich wird wohl uns allen die heuer dabei gewesen sind, nicht zuletzt der gemeinsame Heurigenbesuch bleiben. Otto Deutsch (als Kind 1938 vertrieben) und einige andere TeilnehmerInnen der Reise begannen mit Hingabe Wienerlieder zu intonierten - bis uns (fast) die Tränen kamen.

 

Persönlich habe ich das Gefühl, dass Anja dieses Jahr bei GEDENKDIENST nicht nur für sich nutzen konnte, sondern auch klare Vorstellungen hat wie es für sie weiter gehen soll. Bereits in den letzten Monaten hat sie sich bei mehreren Universitäten in Deutschland beworben – die seltsame „patriotische“ Debatte um die zugangsbeschränken in Österreich, mag sie vielleicht in ihrem Entschluss sogar bestärkt haben, der Alpenrepublik den Rücken zu kehren. Sie verlässt uns Richtung Westen – nämlich Frankfurt/Oder an der deutsch-polnischen Grenze um dort Kulturwissenschaften zu studieren. Damit ist leider auch ausgeschlossen, dass nachzuvollziehen, was Jana Matischok als ehemalige EVSFreiwillige „vorzeigt“; nämlich da zu bleiben und im aktuellen Vereinsvorstand tolle Arbeit zu leisten. Tragischerweise wird Anja zumindest unmittelbar keine neue EVS-Freiwillige nachfolgen. Nicht zuletzt als Folge eines verstärkten Drucks europäischer Stellen, wurden im letzten Jahr zwei langjährige Kooperationen mit Projektpartnern gekündigt – eine davon betraf die KandidatInnenauswahl für GEDENKDIENST. GEDENKDIENST muss sich künftig selbst „am freien Markt“ um KandidatInnen kümmern, bzw. jeweils Kooperationspartner suchen – für diesen Herbst ging bereits der erste Versuch durch kurzfristige Absage schief. Anja wird daher vorerst umso mehr im Alltag von GEDENKDIENST

fehlen …

 

John Evers

Büroleiter und Betriebsrat von GEDENKDIENST

 

PS: Nicht zuletzt durch Anjas „letzte“Initiative gehen die Mittwochstreffen als durch die InteressentInnen selbst koordinierte Veranstaltungen trotzdem weiter. Infos zu laufenden Treffen auf unserer