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Ausgabe 3/05


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Den öffentlichen Raum offensiv besetzen!

Der Gegensatz könnte wohl kaum größer sein: Auf der einen Seite ein Landeshauptmann der BewohnerInnen zweisprachiger Gemeinden zu windigen Abstimmungen gegen die slowenische Minderheit mobilisiert. Auf der anderen Seite kleine lokale Initiativen, welche gemeinsam mit AnrainerInnen Druck erzeugen, sich an die vertriebenen und ermordeten NS-Opfern des jeweilige Hauses, der Strasse, oder des Ortteils (…) zu erinnern.

 

In beiden Fällen – Orts-, wie Gedenktafeln – geht es um Zeichensetzung im öffentlichen Raum, ein Raum der sich offensichtlich als umkämpftes politisches Terrain darstellt. In dieser Ausgabe von GEDENKDIENST werden mit Projekten wie Straße der Erinnerung nur einige Beispiele aufgezeigt, die in diesem Zusammenhang vor allem eines beweisen: Politisches Engagement ist nicht nur möglich, sondern kann etwas verändern. Antifaschistische Projekte und Positionen können Menschen zusammenbringen die sich sonst nicht getroffen hätten, politischen Bewusstsein stärken, bzw. schaffen und Druck auf das politische Establishment erzeugen Dinge zu tun, die sonst nicht getan worden wären. In gewisser Weise mögen „Kärntner Verhältnisse“ diese Annahmen „spiegelverkehrt“ bestätigen: Bis heute prägen dort die langjährigen Umtriebe rechtsextremer Vorfeldorganisationen wie Heimatdienst und Abwehkämpferbund die Gedenk- und Erinnerungspolitik und somit auch den öffentlichen Raum. Das gibt dem Landeshauptmann letztlich auch die gesellschaftliche Basis für populistische Manöver, um sein politisches Überleben vielleicht nochmals zu sichern.

 

Wer die Zeichensetzung im öffentlichen Raum dominiert, ist somit letztlich nicht eine Frage des formalen Rechtsanspruchs, oder abstrakter historischer Gerechtigkeit, sondern des konkreten politischen Kräfteverhältnisses und der entsprechenden Durchsetzungsfähigkeit. Organisationen wie GEDENKDIENST können, neben allen „Serviceleistungen“ die sie meist unentgeltlich für „die Gesellschaft“ erbringen, letztlich nur dann ihren eigentlichen inhaltlichen Ansprüchen wirklich nachkommen, wenn sie ein entsprechend realistisches politisches Verständnis entwickeln: Nur eine offensive Auseinandersetzung um den öffentlichen Raum, schafft jene Öffentlichkeit die notwendig ist, um diesen zu besetzen, bzw. zumindest entsprechende Zeichen setzen zu können. Letzteres gilt übrigens gerade für unser südlichstes Bundesland, wo meines Erachtens zumindest alle etablierten politischen Kräfte jahrzehntelang zu feige waren, sich eben solchen Auseinandersetzungen mit dem rechten Sumpf zu stellen – so sie nicht sogar selbst dessen Teil waren …

 

John Evers

Historiker und Buchhändler

Seit Mai 2003 Büroleiter von GEDENKDIENST