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Ausgabe 3/05


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Wie aus der Schneeflocke eine Lawine wurde

Servitengasse 1938

 

Als Barbara Kintaert 1999 beschloss, private Recherchen bezüglich der Vergangenheit ihres Schwiegervaters und seiner jüdischen Verwandten durchzuführen, ahnte sie nicht, was für Auswirkungen dieses kleine bisschen Engagement haben sollte. Frau Kintaert fand unter Anderem heraus, dass im Haus, in dem eine Tante, ein Onkel und zwei Cousins ihres Schwiegervaters in der Taborstraße 59 gewohnt hatten, 1942 keine einzige jüdische Familie übriggeblieben war. Das sollte nicht verwundern, schließlich ist es ja relativ bekannt, dass der Zweite Bezirk vor dem Zweiten Weltkrieg den höchsten Prozentsatz an Jüdinnen und Juden ganz Wiens hatte und diese fast vollständig von den Nationalsozialisten vertrieben oder ermordet wurden.

 

Erst als Frau Kintaert 2001 Rosetta Loys Buch „Via Flaminia 21“, in dem die Schicksale Loys früherer jüdischer Nachbarn aufgearbeitet werden, las und als sie 2003 in ihrer Karenz zwei Monate lang ehrenamtlich im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) arbeitete, wurde die Idee, die Vergangenheit ihres eigenen Hauses, der Servitengasse 6 im Neunten Wiener Gemeindebezirk, zu erforschen, immer konkreter. So fand sie bei der Recherche im Adressbuch Lehmann des Jahres 1942 nur noch die Hälfte aller Namen, die noch 1937 vermerkt gewesen waren. Dass das Adressbuch nur die Nachnamen und den ersten Buchstaben des Vornamen der verzeichneten Personen beinhaltet, erschwerte allerdings die Forschungsarbeit. Nur durch Zufall, durch einen einfachen Druckfehler, war ein Name vollständig enthalten: Reichsfeld, Gisela.

 

Ein weiterer Zufall führte zum nächsten Puzzlestück in der Geschichte dieses Hauses: Barbara Kintaert fiel im DÖW das Theresienstädter Totenbuch in die Hände, in dem sie, wieder auf der Suche nach Verwandten, auf den Namen Gisela Reichsfeld stieß. Es stellte sich heraus, dass es dieselbe Person war, die in der Servitengasse gewohnt hatte. 1865 geboren, wurde sie am 28. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie acht Monate später, am 14. Februar des darauffolgenden Jahres, starb.

 

Nun beschlossen mehrere Nachbarn, sich zusammenzutun und nach den anderen Jüdinnen und Juden der Servitengasse Nummer 6 zu suchen. Über das Bezirksmuseum Alsergrund wurden sie an die Kulturwissenschafterin Birgit Johler vermittelt, die bereits im Rahmen der Ausstellung „Freuds verschwundene Nachbarn“ die ehemaligen jüdischen BewohnerInnen der Berggasse 19 ausfindig gemacht hatte. Sie unterstützte die berufstätigen HausbewohnerInnen in ihrer Forschungsarbeit. Während Anfangs ihr Honorar noch von diesen BewohnerInnen selbst bezahlt wurde, übernahmen dann der Kulturverein Alsergrund sowie die österreichische Beamtenversicherung die Kosten.

 

In über 50 Recherchestunden stellte sich heraus, dass von den insgesamt 28 Parteien des Hauses 14 Parteien jüdische Ehepaare oder Familien waren – zusammen 27 Personen. Diese wurden von den Nazis deportiert und ermordet oder vertrieben. Ein Drittel dieser Menschen konnte noch legal ins Ausland emigrieren, natürlich aber nicht ohne den Verlust beinahe aller Besitztümer. Das zweite Drittel wurde in diverse KZ deportiert und dort getötet. Das Schicksal der restlichen ehemaligen BewohnerInnen dieses Hauses ist unklar, hier fehlen konkrete Aufzeichnungen. Höchstwahrscheinlich sind diese Menschen illegal über die Grenze gelangt, könnten aber dort noch von den Nazis gefasst worden sein und wären deswegen nicht in der Datenbank der österreichischen Opfer vermerkt. Bei einer Person sind sich die „Hobby- HaushistorikerInnen“, wie sie sich nennen, jedoch sicher, dass sie über die Grenze nach Kroatien entkam, dort später verhaftet wurde und im KZ umkam.

 

Der logische Schluss aus diesen Forschungen war für die engagierten MieterInnen die Anbringung einer Gedenktafel für die aus dem Haus vertriebenen Personen. Es galt nur noch die Hausbesitzerin zu überzeugen, was sich allerdings als schwieriger herausstellte, als zuerst angenommen. Die in Hamburg wohnhafte Besitzerin, Tochter des ehemaligen Hausbesitzers, der 1938 NSDAP-Mitglied geworden war, antwortete auf alle Briefe und Bitten mit strikten Absagen, nicht einmal eine Begründung wurde gegeben.

 

Mitte 2004 wurde die BürgerInnenbeteiligungsplattform Agenda 21 auf das Unterfangen der HaushistorikerInnen aufmerksam. Aufgrund eines regen Interesses am Thema entstand das Projekt „Servitengasse 1938“, das bis Herbst 2006 zum ersten Mal die Geschichte einer ganzen Gasse am Modell des Hauses Nummer 6 aufarbeiten soll. Es wurde nicht nur finanzielle Unterstützung angeboten, sondern unter Anderem auch ein Moderator, der bei der konkreten Durchführung und Organisation des Projekts helfen sollte.

 

Durch die Agenda 21 Alsergrund hörte die Bezirksvorsteherin Martina Malyar von dem Problem mit der Hausbesitzerin und beschloss, selbst einzugreifen. Sie schrieb ihr persönlich einen Brief, wiederum mit der Bitte, eine Tafel am Haus zuzulassen. Als auch die Bezirksvorsteherin eine unbegründete Absage erhielt, kam die Idee auf, das Denkmal 20 Zentimeter vor dem Haus, auf öffentlichem Grund, anzubringen.

 

Das Denkmal konnte durch großzügige Spenden und durch ein Benefizkonzert im jüdischen Museum finanziert werden, der Termin für die Enthüllung wurde aber durch Verzögerungen erst für den 20. September 2005 angesetzt. Ein weiterer glücklicher Zufall, denn zufällig hatte das Jewish Welcome Service Vienna von 18. - 25. September 70 ZeitzeugInnen aus dem Ausland eingeladen, von denen einer, Paul Lichtmann, einer der wenigen Überlebenden der Servitengasse 6 war. Seine Eltern hatten im Haus ein kleines Uhren- und Juwelengeschäft besessen, das im Zuge des Novemberpogroms 1938 ausgeraubt und völlig zerstört wurde. Paul bekam ein Visum für die USA und konnte so 17-jährig nach New York zu Verwandten flüchten. Seine Eltern wurden wegen ihren Geburtsländern Polen bzw. Tschechien nur auf Wartelisten gesetzt, da die Quoten für diese Länder bereits voll waren. Im März 1939 gelang den Eltern die Flucht nach Shanghai und erst zwei Jahre später sahen sie ihren Sohn wieder.

 

So konnte Paul Lichtmann 84-jährig am 20. September, gemeinsam mit den anderen 70 ZeitzeugInnen anwesend sein und mit musikalischer Untermalung von Roman Grinberg selbst das Denkmal enthüllen. Der Konsens unter den Anwesenden war, dass bei aller versuchter Wiedergutmachung die menschliche Geste gefehlt hatte, die nur durch solche Projekte wie die Servitengasse 6, bei denen die Initiative von den heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern ausgeht, getätigt werden kann. Sie reichen den Vertriebenen, den ehemaligen Nachbarn und Nachbarinnen, die Hand. „Aus meiner Schneeflocke, der Frau Reichsfeld, wurde durch Birgit Johler ein Schneeball, der jetzt eine Lawine ausgelöst hat“, so Barbara Kintaert.

 

Thomas Rennert