AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/05


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Die „Straße der Erinnerung“

Vor dem „Anschluss“ Österreichs ans „Dritte Reich“ hatte Wien die viertgrößte jüdische Gemeinde der Welt.

 

Im Zweiten Wiener Gemeindebezirk waren vor 1938 40 % der Bevölkerung Juden und Jüdinnen. Fast alle sind von den Nazis vertrieben, und viele ermordet worden. Fast jedeR zweite BewohnerIn des Bezirkes ist in dieser Zeit „verschwunden“. Circa 5.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger lebten alleine im Volkertviertel. 1.585 Männer, Frauen und Kinder wurden aus dem Viertel deportiert und ermordet. Der älteste war zur Zeit seiner Deportation 92 Jahre alt, das jüngste Kind 3 Monate. Lange hat es gedauert bis diesen Opfern im Volkertviertels

ein Denkmal errichtet wurde.

 

Anfang November ist auf dem neu gestalteten Platz des Volkertmarktes die so genannte „Straße der Erinnerung“ eröffnet worden. Die Gedenkstätte ist bewusst im Bereich des Platzes angelegt, der durch Sitzbänke und Bäume der Kommunikation und Erholung dient. Im Zuge des Umbaues

des gesamten Marktgeländes ist es einer Initiative von Dr. Elisabeth Ben David-Hindler gelungen, dieses Projekt

durchzusetzen. Dafür wurde der Verein „Steine der Erinnerung“ gegründet, der das Projekt auch weiter begleitet. Die Bezirksvorstehung, die Gebietsbetreuung und das „Grätzelmanagement“ haben das Vorhaben unterstützt. Das Projekt baut auf der Idee der so genannten „Stolpersteine“ auf, die in Deutschland vor einigen ehemaligen

Häusern, in denen Opfer des Nationalsozialismus gelebt hatten, errichtet wurden.

 

Die „Straße der Erinnerung“ besteht aus 87 kleinen, in Beton gegossenen Messingplatten. Die ersten drei Steine erinnern stellvertretend an die 1.585 ermordeten Juden und Jüdinnen, unter denen sich 81 Kinder befanden. Die anderen 84 „Stolpersteine“ folgen in unterschiedlichen Abständen und Formationen. In jeden einzelnen sind Name, Geburtstag und Ort und Zeitpunkt der Deportation eines der Opfer von Hand graviert. Soweit es bekannt ist, sind auch der Ort und das Datum der Ermordung angegeben. Dies sind oft die einzigen Daten, die von diesen Menschen erhalten sind. Die Namen, die ausgewählt wurden, sind vor allem von Menschen, deren Angehörige die Shoa ebenfalls nicht überlebten. So ist heute niemand aus dem privaten Umfeld dieser Menschen übrig, der ihrer gedenken könnte.

 

Lediglich 14 Steine wurden von heute in Israel lebenden Angehörigen auf Wunsch angefertigt. Ein kleines Büchlein mit den Namen aller Opfer des Volkertviertels ist symbolisch in einen der drei ersten Steine eingelassen. Im Haus des Grätzelmanagements befindet sich außerdem eine größere Version dieses Buches. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) hat bei der Recherche der Namen geholfen. Den InitatorInnen war es besonders wichtig, vor allem Namen von ermordeten Kindern einen Platz zu geben. Aber es waren vor allem die älteren Menschen denen es nicht gelungen ist, ins Ausland zu flüchten.

 

Die Finanzierung des Projektes wurde durch Patenschaften für die einzelnen Steine getragen. Die Patinnen und Paten kommen aus unterschiedlichen Teilen Österreichs, aus England und aus Israel. Neben den individuellen Patenschaften gibt es auch von mehreren Personen betreute Erinnerungssteine, von verschiedenen Gruppen finanzierte Patenschaften, sowie eine Patenschaft des PensionistInnenheimes Lew Awot in Rechowot, Israel.

 

Zusätzlich haben sich vier Schulen aus der Umgebung dazu bereiterklärt, Schulpatenschaften zu übernehmen, und die neue Gedenkstätte in ihrer Umgebung dazu genutzt, sich eingehender mit der unmittelbaren Geschichte ihres Viertels auseinander zu setzen. Frau Ben David-Hindler berichtet, dass sie selber in zwei der vier Schulen an Projekten mitgearbeitet hat.

 

Das BRG Vereinsgasse hat bereits eine gewisse Routine in Sachen eigener Vergangenheitsbewältigung. Im Eingangsbereich der Schule befindet sich eine Wand, in der auf Ziegelsteinen die Namen der vertriebenen und ermordeten SchülerInnen und LehrerInnen eingetragen sind. Die Schülerinnen und Schüler der Vereinsgasse haben die Patenschaften persönlich übernommen. Einen Vormittag lang war Frau Ben David-Hindler mit einer Zeitzeugin aus Israel an der Schule und hat über das Projekt erzählt.

 

In der Volksschule Vereinsgasse wurden die Kinder von den Lehrerinnen auf das Projekt vorbereitet. Frau Ben David- Hindler war ebenfalls einen Tag dort und hat mit drei Klassen die Thematik genauer besprochen. Danach ist sie gemeinsam mit den Kindern zur „Straße der Erinnerung“ gegangen. Die Schülerinnen und Schüler haben dort zu „ihren“ zwei Steinen Blumen gelegt. In der Volksschule Darwingasse, die alljährlich multikulturelle Projekte durchführt, wird die Initiatorin des Projektes im Frühjahr mit den Kindern die „Straße der Erinnerung“ besuchen.

 

Am 6. November 2005 wurde in einer Gedenkveranstaltung die „Straße der Erinnerung“ feierlich eröffnet und der bis dahin übergangenen Opfer offiziell gedacht. Neben bekannten Persönlichkeiten und PolitikerInnen waren zwei Zeitzeuginnen aus Israel und einer aus England und an die 300 weitere Personen anwesend. bezirksvorsteher Gerhard Kubik und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny lobten das Engagement der Initiative. Otto Tausig, selbst Opfer des Nationalsozialismus, trug das Gedicht „Juden am Bahnhof“ des beinahe

vergessenen Kleinkunstautors Walter Lindenbaum vor.

 

Die heute in Israel lebende Zeitzeugin Judith Pollak betonte in sehr persönlichen Worten: „Die Menschen, deren Steine hier liegen, haben kein Grab. Diese Straße gibt uns die Möglichkeit unsere geliebten Eltern und Familien in Ehre zu verewigen.“ Frau Pollak hatte selbst im Volkertviertel gelebt, ihre Eltern waren von den Nazis ermordet worden.

 

Elisabeth Ben David-Hindler berichtete, dass die öffentlichen Reaktionen auf die Errichtung der „Stolpersteine“ durchwegs positiv ausgefallen waren und sie gute Erfahrungen mit den Menschen in der Umgebung gemacht hatte.

 

Einige Wochen nach Eröffnung der „Straße der Erinnerung“ ergab meine persönliche Befragung einiger AnrainerInnen, dass das Projekt die Menschen im „Grätzel“ immer noch beschäftigt. Auch diesmal fielen die Reaktionen fast alle positiv aus. Einzig über das Konzept der „Stolpersteine“ schieden sich die Geister. „Ein bisschen größer hätte es schon sein können“, beschwerte sich ein älterer Herr. Andere störte die gesamte Gestaltung des Platzes, der ihrer Meinung nach der Opfer nicht würdig ist. Viele kritisierten, dass durch das Einlassen der Steine im Boden, die Opfer wieder „mit Füßen getreten würden“. Einzig eine Frau reagierte ambivalent und kam während des Gesprächs über die Gedenksteine auf das „aktuelle Ausländerproblem“ zu sprechen. Man dürfe „keine Tabuthemen“ schaffen, man müsse auch ohne als RassistIn abgestempelt zu werden, sagen dürfen, „dass es in Österreich zu viele Ausländer gäbe“. Im Bezug auf die Steine meinte sie besorgt, dass es ja sein könne, dass Leute aus der Umgebung, „vielleicht auch Ausländer“, diese ausgraben und zu Geld machen könnten. Nach kurzem nachdenken verwarf sie diesen Gedanken aber wieder: „Vielleicht doch eine blöde Idee.“

 

Lukas Meisel