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Ausgabe 3/05


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„Sie! I verkauf’ Lebensfreude. Da kann i die alten G’schichten net brauchen!“

(Elisabeth Tree, Inhaberin der Fa. „Fun Style“, 1070 Wien, Schottenfeldgasse 60) Ein jüdisches Bethaus. Eine Arisierung. Keine Rückstellung nach 1945. Der Kampf um eine Gedenktafel. Eine sehr österreichische Geschichte.

 

Der jüngste Teil des Siebten Bezirks ist das stadtauswärts gelegene Schottenfeld. Die Verbauung dieses Gebietes erfolgte erst im 19. Jahrhundert, seinen Namen verdankt es dem ehemaligen Besitzer, dem Schottenstift. Hier wohnte, zumeist unter elenden Bedingungen, wer in einer der ansässigen Seiden- und Bandfabriken arbeitete, oder sich ein Leben woanders schlicht nicht leisten konnte: ArbeiterInnen, Hausierer, kleine HandwerkerInnen, Hausbedienstete – und Neuankömmlinge.

 

Der Siebte Bezirk hatte nach dem Ersten Weltkrieg einen überdurchschnittlich hohen jüdischen Bevölkerungsanteil von 14,8 Prozent. Juden und Jüdinnen prägten das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben des Bezirks maßgeblich mit, bis heute sind Namen wie jener des Gewerkschafters und Literaten Fritz Hochwälder oder die von Kaufhausbesitzern wie Gerngross

und Herzmansky geläufig. Der Siebte Bezirk, nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er fest in bürgerlicher Hand, war in der Zwischenkriegszeit eine rote Hochburg: Aus dem 1882 gegründeten „Volksverein Gerechtigkeit für den 7. Bezirk“ ging 1919 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei – Bezirksorganisation Neubau hervor. Die Aktivitäten waren rege, der Organisationsgrad hoch, man hielt auf sich, im roten Neubau: Volkshaus, Bildungsverein, Sportveranstaltungen, Rote Falken, Sozialdemokratische Frauen, Kinderfreunde und nicht zuletzt Republikanischer Schutzbund. Kommandant des letzteren war im Neubau der Bezirksvorsteher Emil Maurer höchstselbst, auch er Kind aus jüdischem Haus. Die meisten Juden und Jüdinnen in Neubau waren wie Maurer proletarischer oder kleinbürgerlicher Herkunft, Religion spielte eine nachgeordnete Rolle. Für Sechsten und Siebten Bezirk gab es gemeinsam nur ein Bethaus, das der Verein „Neubau“ mit Unterstützung der Bezirksvorstehung und der jüdischen HauseigentümerInnen Markus und Sara Grüss in der Schottenfeldgasse 60 eingerichtet hatte.

 

Der Amtszeit Emil Maurers bereitete der Austrofaschismus im Februar 1934 ein Ende, vier Jahre später wurde er mit dem ersten Prominententransport ins KZ Dachau verschleppt. Den zu Juden emachten BewohnerInnen Neubaus erging es nach 1938 so wie rassistisch Verfolgten in allen Teilen des Landes: Bereits unmittelbar nach dem „Anschluss“ kam es zu Geschäftsplünderungen, Wohnungseinbrüchen, Schmieraktionen, öffentlichen Entwürdigungsritualen und gewalttätigen Übergriffen. Das Bethaus in der Schottenfeldgasse 60 blieb vorerst verschont, wurde vom Mob aber während des Novemberpogroms heimgesucht und verwüstet. Die gesamte Liegenschaft ging 1940 in den Besitz des Ehepaares Alfred und Marianne Polsterer (geb. Tree) über. Familie Polsterer gehörte zu den großen Gewinnern der NS-Raubpolitik, so ergatterte sie neben der Schottenfeldgasse 60 im Siebten etwa auch den Nestroyhof im Zweiten Bezirk. Zwar mussten Polsterers sich in beiden Fällen nach 1945 mit höchst unerfreulichen Begehrlichkeiten der rechtmäßigen BesitzerInnen herumschlagen, die das vorangegangene Inferno überlebt hatten, sich jedoch schließlich mit Vergleichen abwimmeln ließen: Im Fall der Schottenfeldgasse wurde die Summe von 400.000 Schilling vereinbart, den Nestroyhof gab’s dagegen zum Diskontpreis von ganzen 3.500 schilling, unter Berücksichtigung der Inflation würde dies heute knapp 1.800 Euro entsprechen.

 

Im Jahr 1988 bildete sich eine Bürgerinitiative im Bezirk, deren Ansinnen noch im selben Jahr von der Bezirksvertretung einstimmig beschlossen wurde: Die Anbringung einer Tafel zur Erinnerung an die jüdischen BewohnerInnen Neubaus an der Fassade jenes Hauses, in dem sich einst das Bethaus des Bezirks befunden hatte, der Schottenfeldgasse 60.

 

Weil die Anbringung einer solchen Tafel jedoch nur mit Zustimmung der EigentümerInnen möglich ist, wandte man sich seitens der Bezirksvorstehung brieflich an die nunmehrigen BesitzerInnen des Hauses, die Nachkommen der Familie Polsterer/ Tree. Diese ließen sich zunächst mit der Antwort Zeit um dann, wie sich ein damaliger SP-Bezirksmandatar erinnert, „in schnoddrigem Ton mitzuteilen, eine derartige Tafel sei ‚nicht erwünscht’. Weil bisauf die Grünen niemand bereit war, über Alternativen zu einer Tafel am Haus nachzudenken, verlief die Initiative nach der Absage bald im Sand.

 

Dreizehn Jahre später, 2001, wurde die Sozialistische Jugend (SJ) durch Zufall auf die Geschichte des Hauses aufmerksam. Anlässlich des Jahrestages des Novemberpogroms von 1938 veranstalteten SJAktivistInnen an unterschiedlichen Kreuzungen im Bezirk Straßenaktionen und verteilten Einladungen zu den Gedenkfeiern am ehemaligen Aspang-Bahnhof. Bei den sich dabei ergebenden Gesprächen mit BezirksbewohnerInnen berichtete eine betagte Passantin von den Ereignissen in der Schottenfeldgasse während des Pogroms und erwähnte die gescheiterte Denkmalinitiative. Als die JungsozialistInnen daraufhin im Bezirksmuseum nachfragten, wurde ihnen die Geschichte bestätigt.

 

Als sich die SJ-Gruppe daraufhin entschloss, die Anbringung einer Gedenktafel in der Schottenfeldgasse erneut in Angriff zu nehmen, hätten sich die meisten der beteiligten Jugendlichen die Angelegenheit bedeutend leichter vorgestellt. Man besorgte sich zunächst einen Grundbuchauszug und schrieb einen höflichen Brief an die drei EigentümerInnen mit dem Ersuchen, der Anbringung einer Tafel nunmehr zuzustimmen. Keine der drei AdressatInnen ließ sich zu einer Antwort herab. Nach zwei Monaten versuchte die SJ es nochmals – wieder ohne Erfolg. Beim dritten Versuch hatten die Jugendlichen dazu gelernt und versandten nur noch eingeschriebene Briefe. Diese wurden zwar sämtlich behoben, eine Antwort blieb aber erneut aus. Weil im letzten Schreiben an Polsterer/ Tree allerdings ausdrücklich festgehalten worden war, dass, sollte innerhalb eines Monats neuerlich keine Antwort erfolgen, man dies als Absage an das Projekt interpretieren werde.

 

Nachdem die Versuche, sich mit den HauseigentümerInnen gütlich zu einigen, als gescheitert betrachtet werden mussten, machte man sich auf die Suche nach Alternativen. Relativ rasch war klar, dass als einzige Möglichkeit ein Denkmal auf öffentlichem Grund in Frage kam. Gleichzeitig war klar, dass die Verbauung eines Parkplatzes Unmut unter AnrainerInnen hervorrufen könnte und daher vermutlich nicht die Zustimmung der für die Kommissionierung verantwortlichen Bezirkspolitik finden würde. Aber selbst wenn: Was sollte es denn für ein Denkmal sein, jetzt, da eine Tafel als Möglichkeit offenbar weggefallen war. Ein Stein? Eine Statue? Beides würde den Kostenrahmen des Projektes gehörig erweitern – angesichts des Umstandes, dass damals ohnehin noch kein müder Schilling das Projektsäckel füllte, keine sehr ermutigende Aussicht. Die zündende Idee kam schließlich von außerhalb. Zwei junge ArchitektInnen, Simone Honzett und Xaver Marschalek hatten über einen Freund von der Geschichte erfahren. Nach dem Besuch eines Gruppenabends machten sich die beiden ans Planen. Einige Wochen später waren sie erneut bei einem SJ-Treffenzu Gast, diesmal mit einem konkreten Entwurf.

 

Dieser ging davon aus, dass zwar aus rechtlichen Gründen auf öffentlichen Grund ausgewichen werden musste, deshalb aber nicht automatisch auch der Anspruch einer Tafel aufgegeben werden sollte. Stattdessen sollte eine Tafel auf öffentlichem Grund zehn Zentimeter vor dem Haus in den Boden eingelassen werden. Die Inschrift solle aber nicht, wie bei „normalen“ Tafeln, eingraviert, sondern die jeweiligen Buchstaben ausgefräst und die Tafel so zur Schablone werden. Bei Lichteinfall entstehe so hinter der Tafel auf der Hauswand ein Schriftzug aus Licht, gegen den juristisch seitens der HausbesitzerInnen nur schwer vorgegangen werden könne. Die Beschriftung der Tafel sollte nach den Vorstellungen der ArchitektInnen überdies vertikal erfolgen. Vorüberkommenden werde dadurch ein kurzer Moment des Innehaltens, der Konzentration abgenötigt. Als Material sh der Entwurf unbehandelten Stahl vor, der unter dem Einfluss der Witterungen zu rosten beginnen und sich auf diese Weise wie die Erinnerung selbst verändern werde. Die SJ war begeistert.

 

Deutlich weniger begeistert zeigten sich etwaige GeldgeberInnen. Über

hundert Briefe verschickten die Jugendlichen, an Unternehmen, Organisationen und öffentliche Stellen. Die Mehrzahl der Angeschriebenen machten sich immerhin die Mühe zu antworten – fast durchgehend abschlägig. Etliche Firmen lehnten die Unterstützung des Projektes mit der Begründung ab, diese Art des Gedenkens diene „nicht der Versöhnung“, andere bedauerten, diese Thematik passe „nicht in das Außendarstellung des Unternehmens“. In zwei Fällen wurde angefragt, ob im Fall einer finanziellen Beteiligung an künstlerische Miteinbeziehung des Firmenlogos zu denken sei. Als dies verneint wurde, war auch die unterstützungsbereitschaft dahin. Es sollte drei Jahre dauern, bis das Geld schließlich beisammen war.

Verglichen mit dem Fundraising wurden die restlichen Hürden leicht genommen: Einwände der im Titel genannten Güte durch die im Haus lebende Verwandte der BesitzerInnen, Elisabeth Tree, wurden während der Ortsbegehung vom zuständigen Magistratsbeamten resolut zurückgewiesen. Das Denkmalamt der Stadt Wien erklärte sich bereit, die Pflege der Tafel künftig zu übernehmen und bei etwaigen Beschädigungen für die Reparatur aufzukommen. Als Festrednerin für die Einweihung der Tafel konnte eine Stadträtin gewonnen werden. Und anstatt erwarteter Unmutsbekundungen seitens der HausbewohnerInnen, die durch die SJ persönlich zur Einweihungsfeier eingeladen wurden, gab es durchgehend äußerst positive Reaktionen. Bei der Enthüllung am 30. September 2004 zählte die verblüffte SJ über hundert Menschen, zeitweise musste die Schottenfeldgasse für den Verkehr gesperrt werden.

 

Epilog in drei Teilen:

 

1. Etwa einmal vierteljährlich muss die

Tafel vom Denkmalamt abgenommen,gereinigt und versiegelt werden. Grund: Exzessive Verunreinigung durch Hundeurin.

 

2. Fast jedes Mal werden SJ oder Denkmalamt noch am selben Tag von AnrainerInnen kontaktiert, denen „ihre“ Tafel fehlt.

 

3. Emil Maurer überlebte die Nazizeit und war zwischen 1952 und 1963 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Bei der Benennung von Strassen, Gassen oder Parks wurde er bisher gefliessentlich übergangen. Ebenso wie Fritz Hochwälder, der aus dem Exil nicht mehr zurückkehrte.

 

Florian Wenninger

Leistete 1998/99 Gedenkdienst in Yad Vashem,

Jerusalem