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Ausgabe 3/05


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Susanna und Felix Yokel – nach Washington verschlagen, in Österreich zu Hause

Im Laufe meiner Dienstzeit in Washington ist mir die Familie Yokel ganz besonders ans Herz gewachsen. Zusammen mit Susanna und Felix und dem Rest der großen Familie durfte ich verschiedene Feste feiern

und viele schöne gemeinsame Momente in Erinnerung behalten.

 

Am Samstag den 23. April wurde ich von Susanna und Felix eingeladen, um gemeinsam mit ihnen Pesach zu feiern! Die ganze Familie war eingeladen: die Tochter und die Enkelin aus Florida und der Sohn mit seiner Familie aus Ohio. Ich fühlte mich sehr geehrt, dass auch ich an diesem traditionellen Familienfest teilnehmen durfte. Ich konnte an diesem Abend die Bräuche kennen lernen und mein Verständnis über die jüdische Kultur

erweitern, es war ein großartiges Erlebnis.

Ich habe auch meinen Nachfolger Christian mit der Familie Yokel bekannt gemacht. Sie sind gute Freunde der Gedenkdienstleistenden in Washington seit mehreren Jahren und ich hoffe sehr das Susanna und Felix auch in Österreich zu Besuch kommen werden, denn der Abschied von ihnen fiel mir sehr schwer.

 

Laa an der Thaya, ist eine kleine Stadt an der Grenze zur Tschechischen Republik und ist etwa 50 Kilometer nördlich von Wien entfernt. Die Stadt beheimatet 4.500 EinwohnerInnen und ist die Heimatstadt vom Felix Yokel, der hier aufwuchs und bis zum Zeitpunkt des Anschlusses hier auch zur Schule ging.

 

Felix Yokel ist in der Nazizeit im April 1938 aus Laa an der Thaya vorerst nach Prag in die heutige Tschechische Republik ausgereist, wo er weiterhin zur Schule ging.

 

Von dort aus ist er 1939 mit einer Jugendgruppe nach Palästina in einen Kibbuz in Afiqim ins Jordantal ausgewandert. Susanna hatte sich in Wien derselben Jugendgruppe angeschlossen, und so lernten sie einander kennen.

 

Heute lebt die Familie Yokel in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland. Das Ehepaar ist schon seit mehreren Jahren mit den Gedenkdienstleistenden in Washington in Kontakt und begegnet diesen auch stets sehr offenherzig. Über die schwierige Zeit sprechen Susanna und Felix eher selten, lieber über die schönen Erinnerungen an Österreich und das heutige Kulturleben dort. Sie besuchen regelmäßig die zahlreichen Kulturveranstaltungen an der österreichischen Botschaft in Washington.

 

Susanna und Felix tragen Österreich noch immer in ihrem Herzen. Aus diesem Grund haben sie am 19. Juni 2005, auf dem Kirchplatz von Laa an der Thaya einen Gedenkstein zur Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Jüdinnen und Juden errichtet. Die Planung und Errichtung des Denkmals wurde von Felix’ Sohn Uri Yokel durchgeführt, der dieses in zusammenarbeit mit dem Verein Lead Niskor – Verein zum Gedenken an die vertriebenen und ermordeten österreichischen Juden, errichtete.

 

Der Verein Lead Niskor präsentierte das Mahnmal wider das Vergessen getöteter und vertriebener Juden: „Tot ist man erst, wenn man vergessen ist.“ Gegen dieses Sterben kämpfen die Mitglieder aus dem Verein Lead Niskor seit 14 Jahren. Mit der Errichtung dieses Gedenksteins haben

auch sie ein kleines Zeichen gesetzt, um diesem Ziel näher zukommen. Gemeinsam mit den jüdischen Familien aus Laa und deren Nachkommen, die aus der ganzen Welt angereist waren, präsentierten sie das Erinnerungsdenkmal an die ehemalige jüdische Bevölkerung von Laa. Gegenüber dem Gebäude mit der ehemaligen Synagoge sind auf Mühlviertler Granitstein die 33 Familiennamen zu lesen. Bei der Wahl des

Materials wurde bewusst ein Granitstein aus dem Mühlviertel gewählt, der nur wenige Kilometer vom ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen entfernt abgebaut wurde.

 

Für viele Jüdinnen und Juden war erst der Kontakt mit dem Verein Lead Niskor wieder Veranlassung, zurück nach Laa zu kommen - zu groß waren bisher die Verletzungen. Bei der Denkmaleröffnung berichteten Felix Yokel und seine Mitschülerin von damals Kitty Schrott aus ihren Jugendjahren in Laa. Gemäß Namen und Motto des Vereines „Lead Niskor“ – „Immerwährendes Gedenken“ appellierte Avschalom Hodik von der israelischen Kultusgemeinde in Wien aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen und verurteilte aktuelle Wortspenden umstrittener Politiker. Bürgermeister Manfred Fass, der Grund und Fundament für das Denkmal zur Verfügung gestellt hatte, wollte es als Zeichen dafür sehen, dass man rechtzeitig handeln müsse, um zu verhindern, dass Greuel wie der Holocaust wieder passieren.

 

Die Feier klang mit dem Kaddisch, dem jüdischen Totengebet aus, stilgerecht umrahmt von den „freylichen Klezmorim“ einem heimischen Ensemble, dass sich mit jüdischer Volksmusik beschäftigt.

Nachtrag:

Am Sonntag den 27. November 2005 ist Felix verstorben. Ich möchte an Susanna und der ganzen Familie Yokel mein tiefstes Beileid aussprechen. Die Trauer und der starke Schmerz sitzen tief in meinem Herzen. Ich werde Felix in ehrenvoller Erinnerung behalten.

 

Stefan Stoev

Leistete 2004/05 Gedenkdienst im United States

Holocaust Memorial Museum in Washington