AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Opfermythos


Opfermythos
Geschichte
Statements

Das erste Opfer?

Der Verweis auf den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938 ermöglichte es nach Kriegsende, Österreich als "erstes Opfer der Nazi-Aggression" darzustellen. Die aktive Unterstützung der NS-Politik und die direkte Beteiligung an deren Verbrechen von vielen Österreicher_innen wurden durch diesen Opfermythos kaschiert. In diesem verqueren Geschichtsbild war für die meisten Opfer des Nationalsozialismus kein Platz: So wurde die Reemigration aus den Exilländern zu einem bürokratischen Hürdenlauf.

Einer der wenigen Politiker_innen, die sich für einen Aufruf zur Rückkehr und deren reibungslosen Verlauf einsetzten, war Viktor Matejka. Er schrieb dazu: "...da holte ich mir die kältesten Füße meines Lebens, als ich nichts anderes wollte als das Selbstverständlichste."

 

Rückkehrende Soldaten wurden offiziell von Regierungsvertretern begrüßt. Im Parlament formulierte Alfons Gorbach, KZ-Überlebender, einen Zusatz zum Opfermythos, durch den die Wehrmachtsangehörigen als Kämpfer gegen den Bolschewismus pauschal rehabilitiert wurden: "Hier kommt uns nur eines zu, in Ehrfurcht und Würde unser Haupt zu neigen."

 

Rückkehrenden Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager hingegen wurde ihre Geschichte beinahe übelgenommen. Für die Gruppe der Roma_Romnia und Sinti_Sintizze stellte die nationalsozialistische Vernichtungspolitik das mit Abstand brutalste Kapitel in einer langen Geschichte von Verfolgung und Diskriminierung dar, in Österreich aber bei weitem nicht das letzte. Die gesellschaftspolitischen Folgen des Opfermythos und der Vorstellungen von einer "sauberen Wehrmacht" sind bis heute spürbar, vor allem in der fehlenden Thematisierung der Tatsache, daß in vielen Bereichen im Jahr 1945 personell wie ideologisch kein Bruch stattfand. Daß der Euthanasiearzt Heinrich Gross nach 1945 Karriere machen konnte, ist keineswegs ein Einzelfall. Wie hätten auch die zum Teil subtilen Kontinuitäten diskutiert werden sollen, wo nicht einmal die nach den meisten Gesetzbüchern der Weltgeschichte zu verurteilenden Verbrechen gerichtlich und gesellschaftlich behandelt wurden?

 

Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen wurden diese Auffassungen Mitte der Achtziger Jahre im Zuge der Kampagne um den Präsident_innenschaftskandidaten Kurt Waldheim, der mit seinen Aussagen zur "Pflichterfüllung in der deutschen Wehrmacht" und seiner lückenhaften Erinnerung an den Krieg und die Vernichtungspolitik auf der Balkanhalbinsel die Ambivalenz des Opfermythos personifizierte. Seither gibt es Anzeichen dafür, daß die lange Zeit unterbliebene Auseinandersetzung vielleicht doch geführt werden wird. In diesem Zusammenhang stehen die schwierigen Bemühungen, die der Anerkennung eines Gedenkdienstes als Wehrersatzdienst vorausgingen.

 

GEDENKDIENST steht nicht nur für eine Ablehnung des Opfermythos und der Absicht, Teile des nationalsozialistischen Machtapparates im nachhinein zu rehabilitieren, sondern auch für den Versuch über die Zeit des Nationalsozialismus und dessen Folgen differenzierte Aussagen zu treffen. Einem positiven Zugang zur Perspektive der Opfer kommt dabei größte Bedeutung zu.