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Ausgabe 4/05


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Kommentar und Editorial

„Wenn ich die Kirchen in der Grenzregion sehe..."

 

Plaudert man im Zug aus der Tsche­chischen Republik nach Deutschland oder Österreich etwas mit seinen Sitz­nachbarn, kann man viel über Nachbar­schaftsbeziehungen zwischen diesen Ländern erfahren.

 

Aussagen deutscher Mitreisender et­wa, die über den Zustand der Kirchen in den „Sudetengebieten" mit dem Satz „Wenn ich die Kirchen in der Grenzregion sehe, da könnte ich kotzen, so hat der Tscheche das runterkommen lassen..." klagen, sagen viel über ein Nebeneinan­der, dass nicht mehr Miteinander werden will oder kann, aus. In den gleichen Zü­gen kann man aber auch Tschechinnen kennen lernen, die sich - auf eine von ih­nen gestellte Frage aufgrund der Physio­gnomie des Gegenüber - erleichtert über die Antwort zeigen, dass man nicht Jude sei, sich auf Grund des österreichischen Akzents aber trotzdem nicht sehr wohl­wollend zeigen. Diese - wie ich natürlich zugebe (zum Glück!) - Einzelfälle zeigen aber trotzdem sehr viel über die Vergan­genheitsbewältigung in jenen Ländern und die in allen Ländern noch immer verhafteten Klischees.

 

Trotzdem scheint sich aber innerhalb der letzen Jahre ein Umbruch im gesell­schaftlichen Denken in der Tschechischen Republik abgezeichnet zu haben. Schon seit geraumer Zeit vergeht kaum eine

 

Woche, in der die großen tschechischen Wochenzeitschriften nicht einen län­gerer Artikel über die Protektoratszeit und die Opfer des NS-Regimes publi­zierten. Doch zunehmends versuchen Zeitschriften auch historische Ereignisse wie die Vertreibung der Deutschen nach 1945 oder den Prager Aufstand genauer (objektiver) unter die Lupe zu nehmen.

 

Dass der in der tschechischen Re­publik eigentlich populäre Präsident Va­clav Klaus vor einiger Zeit gegen den Abriss der Schweinefarm auf dem Ge­lände des ehemaligen KZ Lety - das vom Protektorat für „Zigeuner" erbaute Lager ist in Klaus' Augen kein KZ im ei­gentlichen Sinne - eintrat, mit diesen rechten Sprüchen auf nicht all zu große Gegenliebe stieß, mag vielleicht von einem langsamen Umdenken der Ge­schichte zeugen. Viele Medien nahmen dies zum Anlass diesen traurigen Teil der Geschichte in Reportagen oder Doku­mentationen zu erörtern. Vielleicht - so könnte man fragen - legen ja nicht die Aussagen über historische Ereignisse, sondern die öffentliche Reaktion auf di­ese, ein breites Geschichtsbewusstsein dar? - man denke hierbei nur an die „causa Kampl" in Österreich.

 

Zu verklärter Optimismus höre ich schon viele Leser sagen, ich tue gerade so, als ob es die von beiden Seiten aus

 

den untersten Schubladen heraus ge­führte Debatte über die Beneš-Dekrete oder Temelín nicht gegeben hätte und lasse rechtsextreme Gruppierungen in der Tschechischen Republik, wie jene, die gerade vor dem KZ in Lety demons­trierten, völlig außer Acht? - Ja, natürlich. Die nachbarschaftlichen Beziehungen wurden hierdurch auf einige Jahre ge­stört.

 

Was die Historiographie betrifft, ist aber klar ersichtlich, dass gerade jün­gere tschechische Historikerinnen Ge­biete aufgreifen, die vor 1989 und auch noch einige Jahre danach tabu waren. Beispiel hierfür seien neue, moderne Publikationen über das jüdische Leben vor 1939 sowie über die jüdischen Op­fer des Holocaust, deren Schicksal und Größenordnung früher oft unter die des sozialistischen Widerstands subsumiert wurden. Exemplarisch dafür sind die Ge­denkstätten in Theresienstadt. Zusätzlich wird zunehmends versucht neben der Geschichte der Vertreibungen der Deut­schen nach 1945 auch die Geschichte und Kultur der Roma in Tschechien - wie etwa durch das Museum für Roma-Kultur in Brunn - neu zu erfassen.

 

Wolfgang Schellenbacher,

 

Student der Geschichte und Philosophie in Wien

 

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

 

GEDENKDIENST befasst sich in dieser Ausgabe mit Österreichs nördlichem Nachbarn Tschechien. Schon seit seiner Gründung im Jahre 1992 entsendet GEDENKDIENST Zivildienstpflichtige und Freiwillige an die Gedenkstätte Theresienstadt, 1996 kam die Theresienstädter Initiative in Prag als Partner hinzu. Studienfahrten nach Prag und Theresienstadt gehören seit langem zum fixen Ausbildungsprogramm des Vereins, den wechselhaften Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen wurde schon im Jahre 2003 bei der Benes-Dekrete Tagung nachgegangen.

 

 

GEDENKDIENST spannt diesmal ei­nen breiten Bogen zu Themen der tsche­chischen Zeitgeschichte und Politik. So berichtet John Evers über Vergangen­heitspolitik und die umstrittenen Aus­sagen von Präsident Vaclav Klaus zum ehemaligen „Zigeuner"-KZ Lety. Veronika Springmann geht am Beispiel der Theresienstadtüberlebenden Eva Roubičková der Wirkung von im Lager verfassten Tagebüchern nach. Die derzeitigen Gedenkdienstleistenden Philipp Pickering, Stefan Lasser und Markus Rief erzählen über ihre Arbeit und das Leben in Terezin bzw. Prag. Über die Entwicklung von Konrad Henleins Sudetendeutscher Par­tei in der Tschechoslowake i der 1930er-Jahre schreibt Marco Zimmermann. Abschließend berichtet Michal Frankl über das neue, gemeinsam von der Theresienstädter Initiative und dem DÖW herausgegebene „Theresienstädter Ge­denkbuch. Österreichische Jüdinnen und Juden in Theresienstadt 1942-1945“, an dem auch Generationen von Gedenkdienstleistenden mitgearbeitet haben.

 

 

Besonderer Dank sei an dieser Stelle Wolfgang Schellenbacher ausgespro­chen, der großen Anteil am Zustande­kommen dieser Ausgabe hat.

 

Stephan Roth

 

Chefredakteur GEDENKDIENST