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Ausgabe 4/05


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Roma-Lager in Tschechien unter dem NS-Regime: „Kein KZ im eigentlichen Sinn“?

Lediglich 563 der 6.500 in Konzentra­tionslager deportierten Roma aus dem Protektorat Böhmen und Mähren über­lebten den Zweiten Weltkrieg. Doch bis vor einigen Jahren war das Thema Roma-Genozid in Tschechien unbekannt - wohl auch deswegen, weil es nicht gerade ein rühmliches Kapitel in der tschechischen Geschichte darstellt.1

 

„Wir haben das erst nach November 1989 gelernt überhaupt. Wir haben in der Schule ein wenig über den Holocaust an den Juden gelernt. Sehr wenig, aber im­merhin. Aber über den Genozid an den Roma haben wir kein Wort verloren in der Schule." (Petr Uhl, Mitgründer der Bürger­rechtsbewegung Charta 77)2

 

Dies änderte sich erst 1995, als der damaligen Präsident Vaclav Havel im süd­böhmischen Lety bei Pisek eine Gedenk­stätte einweihte. Auf dem Gelände des da­maligen Lagers steht allerdings bis heute eine Schweinezucht. Auch im mährischen Hodonin bei Kunstat erinnert lediglich ei­ne kleine Gedenkstätte an die Leiden der Lagerinsassen. An Stelle des ehemaligen Lagers steht heute eine Erholungsanla­ge - in der einzigen, noch existierenden Holzbaracke von damals befindet sich ei­ne Kneipe.3 Seit Lety nun erstmals in das Gedächtnis einer breiteren Schicht gerückt wurde, tobt ein erbitterter Streit um die Gedenkstätte, die gleichzeitig zum Pilger­ort rechtsextremer Provokateure geworden ist. Die Homepage der tschechischen Ro­mavereinigung berichtet:

 

„Etwa 40 Vertreter der rechtsradikalen tschechischen Nationalpartei (NS) sind am Samstagvormittag in der südböhmischen Gemeinde Lety bei Pisek zusammenge­troffen. Sie versammelten sich am Ort, von dem die Gemeinde am Donnerstag das von den Nationalisten installierte provokante „Mahnmal" beseitigen ließ. Am Samstag­vormittag fand auch ein Gedenkakt der Roma beim Roma-Denkmal statt, das un­weit der Schweinefarm steht, wo sich wäh­rend des Zweiten Weltkriegs ein Konzen­trationslager für die Roma befand. Nach Worten des Senators Jaromir Stetina hat einer der Vertreter der Nationalpartei in seiner Rede das Gesetz verletzt. Die Nationalisten brachten Spruchbänder mit Auf­schriften mit wie beispielsweise „800 Mil­liarden Kronen lieber für die Renovierung von Krankenhäusern" oder „Lassen wir die Schweinefarm stehen". Dies war eine An­spielung daran, dass die Beseitigung der Farm, zu dem sich das tschechische Kabi­nett verpflichtet hatte, bis zu 800 Milliarden Kronen kosten kann."4

 

 

Kein Randphänomen

 

Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus sind auch in der „neuen" tsche­chischen Gesellschaft keine Randphäno­mene; auch wenn freilich trotzdem eine einschlägige, gewaltbereite Jugend- und Musikszene in den Hinterzimmern, Kel­lerlokalen und - in einigen Wohnvierteln - sogar auf der Straße existiert.5 Denn ebenso entstanden im Kontext mit den Umgruppierungs- und Neuformierungsprozessen des Rechtsextremismus im Europa der 1990er-Jahre, hier mehrere „rechtspo­pulistische" Parteiprojekte, die zum Teil erfolgreich bei Wahlen antreten konnten.6 Eine der jüngeren Entwicklungen stellt der „National-Soziale Block" (NSB) dar, der am 3. März 2001 durch den Zusammen­schluss der „Vlastenecká republikanska strana" (VRS, Vaterländische Republikanische Partei) der „Narodni aliance" (NA, Nationale Allianz) und des „Narodni od-por Praha" (NOP, Nationaler Widerstand Prag) entstanden ist. Die VRS war eine politische Randgruppe, die 1995 von der Republikaner-Partei abgefallen war. Auf einem Parteitag im März 2001 wurde die Partei zum „National-Sozialen Block" um­benannt. Vertreter von neo-nazistischen Organisationen haben innerhalb der Partei bedeutsame Posten gewonnen. Der NSB hat es aber (noch) nicht geschafft, sich von ihrem neonazistischen Hintergrund zu lösen und sich in eine Partei zu wandeln, die fähig wäre, soziale Kritik oder populi­stische Politik so zu gestalten, dass breite Bevölkerungsgruppen angesprochen wer­den könnten.7 Aber auch andere Kräfte, wie die traditionsreiche, noch in der Habs­burgermonarchie entstandene und damals „linksnationale" „Česká strana národně so-ciální" (National-Soziale), wettern gegen illegale Migration als Hauptursache von Verbrechen und unterstreichen so, dass auch der tschechische Nationalismus sein emanzipatorisches Potential längst verlo­ren hat.8

 

Noch wesentlich bedeutender erschei­nen allerdings die nationalen Töne, die von der ehemaligen und eventuell künftigen Regierungspartei ODS, bzw. ihrem langjährigen Vorsitzenden und nunmehrigen Staatspräsidenten Vaclav Klaus ausgehen. Klaus, ursprünglich bekannt geworden durch markige neoliberale Sprüche,9 ver­suchte 2005 massiv mit Vergangenheits­politik zu punkten: Lety, so sagte Klaus kürzlich in einem Interview, sei gar kein KZ im „eigentlichen Sinne" gewesen. Klaus reagierte damit auf eine Resolution der Europäischen Union von Ende April. Darin hatte die EU die tschechische Regierung zur Beseitigung der Schweinefarm aufge­fordert. In Lety - so die Aussage Klaus', der über die Lebensverhältnisse im Lager offensichtlich bescheid wusste - seien die Leute nicht getötet, sondern hauptsächlich an Flecktyphus gestorben, was also nicht gleichbedeutend dem sei, was man heu­te unter einem KZ verstehe. Laut seinen Worten - die hier exemplarisch für die Vergangenheitsbewältigung in der Tsche­chischen Republik im Bezug auf Roma stehen können, sei Lety zumindest nicht das, was „jedes Kind in der Schule zum Thema KZ lernen würde." Laut offiziellen historischen Quellen starben mindestens 326 Menschen in Lety und über 500 Häft­linge Letys mussten ihr Leben in Auschwitz lassen.

 

Auf die komplexen historischen Zu­sammenhänge wies demgegenüber Pe­tr Uhl hin, der daran erinnerte, dass be­reits 1927 in der Tschechoslowakei ein Vagabundierverbot gegen Roma erlassen wurde. „Damit war die Tschechoslowakei der erste Staat in Europa, dessen Regie­rung eine systematische Diskriminierung der Roma einleitete. Und während des Krieges seien tschechische Aufseher im Lager Lety für den Tod der internierten Roma mitverantwortlich gewesen. Genau in dieser Mitschuld liegt für Petr Uhl der Kern des Problems."10 Die Kontinuitäten von Diskriminierung und Verfolgung der Roma rissen weder nach 1945 - trotz ei­ner Verbesserung ihrer sozialen Situation unter dem Stalinismus, die freilich mit der zwangsweisen Aufgabe der eigenen Iden­tität verknüpft war - noch nach 1989 ab. Zwangssterilisierungen, selbst wenn sie inzwischen nicht mehr systematisch betrie­ben werden dürften, stellen z.B. auch ein durchaus poststalinistisches Phänomen dar: „Von den 51 gesetzeswidrigen Ste­rilisierungen, die wir bislang nachweisen konnten, fielen 20 in die Zeit vor 1991 und 31 in die Zeit danach", stellte Ombudsmann Otakar Motejl im Jänner 2005 fest. 11

 

Wie aktuell „Vergangenheitspolitik" sein kann, zeigen somit nicht nur Bestrebungen des tschechischen Innenministeriums, erstmals seit 1938/39 (2. Republik) wieder kommunistische Verbände zu verbieten,11 bzw. aktuelle Wahlpropaganda von Klaus' Bürgerforum (ODS) welche die Sozialde­mokraten als maskierte Erben der Kom­munistischen Partei der ČSSR darstellen. Ebenso ist dies am neuen Vorstoß Vaclav Klaus', in dem er - trotz einer breiten Zu­stimmung der Bevölkerung für die legali­sierte Partnerschaft von gleichgeschlecht­lichen Paaren - massiv gegen Rechte von Homosexuellen eintritt.

 

Zur Lage der Roma in der Tschechischen Republik stellte der Jahresbericht von am-nesty international fest: „Es trafen Berichte über Polizeimisshandlungen ein, in deren Folge ein Mann starb. Angehörige der eth­nischen Minderheit der Roma litten weiter unter rassistisch motivierter Gewalt und ungenügendem Schutz durch staatliche Stellen. Käfigbetten wurden eingesetzt, um Kinder und Erwachsene in Sozialeinrich­tungen für geistig Behinderte zu fixieren."13

 

John Evers

Historiker (internationale Gewerkschaftsgeschichte), Büroangestellter bei Gedenkdienst, in seiner übrigen Zeit politisch aktiv in der Sozialistischen LinksPartei (SLP)

 

1   Katrin Bock, Roma-Verfolgung im Protektorat, www.radio.cz/de/artikel/72281.

2   romove.radio.cz/de/artikel/20635

3   Katrin Bock, Roma-Verfolgung im Protektorat, http://www.radio.cz/de/artikel/72281.

4   http://romove.radio.cz/de/artikel/20871

5   http://www.idgr.de/texte/rechtsextrernismus/tsche-chien/neonazismus.php

6   Dies galt vor allem für die Republikaner, laut Radio Praha eine „rechtsextremistische Partei, die vor allem an die nationalistischen Gefühle appelliert. Sie entstand aus den Trümmern der Republika­nischen Partei der Tschechoslowakei, die in den Wahlen von 1998 eine Niederlage erlitt. Der neue Parteiname (Republikaner Miroslav Sládek's, Anm. JE) deutet den politischen Comeback-Versuch des kontroversen Parteichefs Miroslav Sládek an. Die stark gegen Roma und Deutsche gerichtete Parteirhetorik lockt unzufriedene Bürger aller Art an. Die Partei ist gegen den EU- und NATO- Beitritt Tschechiens und gegen jegliche Migration." http:// www.radio.cz/de/html/ost_strany.html

7   http://www.idgr.de/texte/rechtsextremismus/tsche-chien/neonazismus.php

8   http://www.csns.cz/

9   „Marktwirtschaft ohne Adjektive", Vgl.: Wiener Vorlesungen 1991

10 http://romove.radio.cz/de/artikel/20635

11 http://romove.radio.cz/de/artikel/20857

12 Konkret den kommunistischen Jugendverband, Vgl.: http://4ksm.kke.gr/de/

13 AI-Jahresbericht 2005, Tschechien