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Ausgabe 4/05


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„Als hätte es eine andere Person geschrieben“

Das Theresienstadt-Tagebuch von Eva Roubičková 

 

Spreche ich heute mit Frau Roubičková über ihr Tagebuch, sagt sie manchmal ver­halten lachend, es käme ihr so vor, als habe es eine andere Person geschrieben. Sechzig Jahre liegen nun zwischen ihrer Befreiung aus dem Ghetto Theresienstadt und unserer gemeinsamen Arbeit an einer Edition des von ihr geschriebenen Diari­ums.

 

Gemeinsam mit ihrer Mutter wurde Eva Roubičková am 7. Dezember 1941 in einem der ersten Transporte nach Theresienstadt deportiert. Im Ghetto angekommen erwar­tete sie bald wieder nach Hause zu dürfen. „Wir werden wahrscheinlich bloß vorüber­gehend dort bleiben," schreibt sie in ihr Tagebuch. Eva Roubičková war insgesamt dreieinhalb Jahre in Theresienstadt. Sie blieb dort bis zu ihrer Befreiung am 5. Mai 1945 inhaftiert. Fast jeden Tag schrieb sie in ihr Tagebuch, manchmal nur einige Stichwörter, manchmal lange Passagen, die Auskunft darüber geben, auf welche Weise die Autorin ihr Erleben reflektiert und welche Ereignisse des Ghettolebens sie für sich als bedeutsam wahrgenommen hat. Das Tagebuch kann unter anderem als ein Text gelesen werden, durch den wir, wie durch ein Vergrößerungsglas, die Ent­wicklungsgeschichte Theresienstadts ver­folgen können. Der Text gibt uns aber auch Auskunft darüber, wie die Autorin diese Entwicklung schreibend verarbeitet, wie sie Handlungsstrategien des alltäglichen Überlebens beschreibt und interpretiert.1

 

Im Verlauf meiner Arbeit über Selbst­zeugnisse bin ich auf das Tagebuch von Eva Roubičková aufmerksam gemacht worden.2 Zwar ist das Diarium seit einigen Jahren eine wichtige und vielzitierte Quelle für die Theresienstädter Historiographie, aber bisher als zusammenhängendes Werk lediglich in den USA erschienen.3 In­zwischen erarbeiten Frau Roubičková und ich eine deutsche Edition.

 

Eva Roubičková, 1921 in Saatz gebo­ren, beschreibt ihr eigenes Aufwachsen als sehr behütet. Ihr Vater war Direktor des dortigen deutschen Gymnasiums. Nach dem Münchner Abkommen floh sie mit ih­rer Mutter nach Prag, eine für sie sehr ein­schneidende Erinnerung: Der alltägliche Antisemitismus war unerträglich gewor­den. Nun, konfrontiert mit Unsicherheit, ungewisser Zukunft und - da sie deutsch­sprachig aufwuchs - einer Sprache, die sie neu lernen musste, begann sie Tagebuch zu schreiben.

 

Das Tagebuch ist ein klassisches Selbst­zeugnis, wie es in der Geschichtswissen­schaft heißt. Meist ereignisnah geschrie­ben, hat das Tagebuch ein Subjekt als Mittelpunkt: die schreibende Person, die den Text gestaltet, formt und strukturiert.

 

Am 1. Januar 1941, in Prag angekom­men, notiert Eva: „Auch Hitler hält eine Neujahrsrede, dass das Jahr 1941 ent­scheidend ist. Hoffentlich auch für die Ju­den!". Ein Satz der viel darüber aussagt wie ein Tagebuch funktioniert.

 

Tagebücher beschreiben, im Unter­schied zu Autobiografien eine aktuell er­lebte Zeit. Eine Binsenweisheit, gewiss. Doch oft vergessen die Leserinnen und Leser, dass der Verfasser des Tagebuchs nichts von der Zukunft weiß. Er kann gemachte Erfahrungen noch nicht verflechten mit Erinnerungen, die nicht nur trügerisch sein können, sondern gefärbt sind von persönlichen und gesellschaftlichen Re­zeptionsmustern. Aber aus diesem Grund finden wir in Tagebüchern nicht nur die be­schriebenen Ereignisse, sondern oft auch Beispiele, wie Erlebnisse und Beobach­tungen verarbeitet werden. Oft wundert sich der Leser eines Tagebuchs über das Nichtwissen des Tagebuchautors. Diesen eingeschränkten Blick bringt Victor Klemperer auf den Punkt, dessen Tagebuch inzwischen schon fast zu einem Standard­werk zur Geschichte des Nationalsozia­lismus in Deutschland geworden ist: „Der Miterlebende weiß nichts".4

 

Mit Eva Roubičkovás Hilfe versuche ich nun das Tagebuch zu edieren, die Ge­schichte von Personen, die sie in ihrem Tagebuch erwähnt, zu rekonstruieren. Nie habe sie daran gedacht, meinte sie, ihr Tagebuch zu veröffentlichen. Ihr vertraute Personen werden im Tagebuch lediglich mit dem Vornamen erwähnt. Als prosopografische Spurensuche könnte man nun das, was wir gemeinsam versuchen, bezeichnet werden. Das Beziehungsnetzwerk, in das sich die damals 18-Jährige eingeschrieben hat und das sie in ihrem Tagebuch be­schreibt, versuchen wir nun Stück für Stück zu entwirren. Eva Roubičkovás persön­liches Erleben der Haftzeit ist eingebettet in die Geschichte anderer Menschen und den Kosmos des Ghettos Theresienstadt. Das in dem Tagebuch beschriebene Netzwerk, in deren Mitte die Schreiberin selbst steht, entschlüsselt sich Stück und für Stück. Personen und Ereignisse erhalten Kon­turen und Tiefenschärfe. Eva Roubičková hat dank dieses Netzwerkes nicht nur ihre Einreihung in einen Transport nach Po­len verhindern können, sondern verdankt diesem Netzwerk und jenen Umständen, beyond a persons control5 ihr Überleben in Theresienstadt.

 

Kurze Zeit nach ihrer Einlieferung ins Ghetto begann Eva in der so genannten Landwirtschaft zu arbeiten. Eine Tätigkeit, die ihr und ihrer Familie sehr zugute kam. Sie konnte der Familie nicht nur immer wieder überlebenswichtige Lebensmittel mitbringen, sondern darüber hinaus lernte sie durch dieses Kommando außerhalb der Mauern des Ghettos einen Mann kennen, der viel in das Ghetto schmuggelte und der die ganze Haftzeit über bereit war, Eva mit Lebensmitteln zu versorgen.

 

Nach der Befreiung kehrte Eva zurück nach Prag. Ihr Verlobter Richard, der vor dem Krieg nach England emigrierte, kehrte zurück und die beiden heirateten im Sep­tember 1945. Einfach vergessen wollte sie, wie sie immer wieder betont. Das Tage­buch ruhte so lange in seinem Versteck, bis es zufällig ihre Kinder fanden.

 

Doch die politische Situation in der da­maligen Tschechoslowakei bot kein Forum für die Erlebnisse der jüdischen Überleben­den. Im Mittelpunkt stand hier, wie auch in den meisten anderen kommunistischen Ländern, die Erinnerung an die kommuni­stischen Widerstandskämpferinnen. Dies zu verändern haben sich seit der samtenen Revolution gerade jüngere tschechische uns slowakische Historikerinnen zur Auf­gabe gemacht.

 

In der Geschichtswissenschaft sind die so genannten Egodokumente seit län­gerem Quellen, die sich großer Beliebtheit erfreuen. An ihnen entlang kann nicht nur die Geschichte einer Zeit oder eines Ereig­nisses rekonstruiert werden, wie in diesem Fall Theresienstadt. Tagebücher zeigen daneben persönliche Erlebens- und Verarbeitungsstrukturen auf. Erfahrungen werden nieder geschrieben. Erfahrungen begriffen als verschränkte Verarbeitung von per­sönlichem Erleben und gesellschaftlichen Normen, können darüber Auskunft geben wie gesellschaftliche Moralvorstellungen ausgesehen haben. Gerade hier ist Eva Roubičkovás Tagebuch eine Fundgrube, denn es gibt an vielen Stellen darüber Auf­schluss wie Werte und Moral im Ghetto begriffen und verändert wurden bis zu der Extremsituation, die dazu zwingt, zuvor gültige Moralvorstellungen über Bord zu schmeißen: „Die ganze Welt ist schlecht, ich bin schlecht, Theresienstadt hat mich schlecht gemacht. Werde ich mich jemals wieder in normale Verhältnisse einfügen können? Mann kann sich hier einfach nicht anders durchsetzen."

 

Wie Menschen sich in solchen Extrem­situationen zurechtfinden und orientierten, gerade dafür ist das Tagebuch ein beredtes Zeugnis.

 

Veronika Springman

ist Historikerin in Berlin

 

 

1   Vgl. Veronika Springmann, „Langsam gewöhnen wir uns an das Ghettoleben". Anmerkungen zu einem Tagebuch aus Theresienstadt, in: Theresi­enstädter Studien und Dokumente 2004, 223 246. Eine Edition des Tagebuchs erscheint voraussicht­lich 2006.

2   Ich bedanke mich bei Anna Hajková, die mich auf dieses Tagebuch aufmerksam gemacht hat.

3   Eva Roubičková, We're alive and life goes on. A Theresienstadt Diary, New York 1998.

4   Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1942 - 1945, Berlin 1995, S. 548.

5   Die amerikanische Historikerin Ruth R. Linden hat diesen Satz geprägt, der darauf verweist, dass das Überleben in den Konzentrationslagern oft von vielen Zufällen abhängig war, in: Making Stories, Making Selves: Feminist Reflections on the Holo­caust, Ann Arbor 1993, S. 95.