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Ausgabe 4/05


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Die Gedenkdienst-Stelle in Theresienstadt

Im September 2005 fand in Terezín das Stadtfest zum 225-jährigen Bestehen der Stadt statt. Ein großer Aufwand wurde im Vorfeld betrieben, um dieses Spektakel würdig zu feiern: Am Hauptplatz wurden Stände aufgebaut, ein Teil als Bühne reser­viert und mit einer Soundanlage ausgestat­tet, die Feuerwehr stellte renovierte histo­rische Pumpfahrzeuge zur Begutachtung bereit und im Nordwesten der Stadt wurde ein Teil der Festungsanlangen von allem Gerumpel und Gestrüpp befreit, um Platz für eine Nachstellung einer historischen Schlacht zu machen.

 

Nur zur unangenehmen Stadtgeschich­te während der Zeit zwischen 1941 und 1945 war höchstens am Rande in den gewohnten Einrichtungen der Gedenk­stätte etwas zu finden, alles Andere hätte nicht zum Charakter der Feierlichkeiten gepasst.

 

Die Gedenkstätte Theresienstadt wurde 1947 gegründet, anfangs nur in der Klei­nen Festung, dem ehemaligen Gestapo-Gefängnis, da die Große Festung nach Kriegsende bald wieder von der tschecho­slowakischen Armee genutzt wurde. Darüber hinaus schien in der kommunistischen tschechoslowakischen Historiographie kein eigener Platz für die Erinnerung an ein jüdisches Ghetto zu bestehen. Erst in den 90er-Jahren, mit der Eröffnung des Ghetto-Museums und später der Internationalen Jugendbegegnungsstätte trat auch die Ge­schichte des Ghettos Theresienstadt mehr in den Vordergrund.

 

Im Sommer 2002 richtete das Hochwas­ser, das in weiten Teilen der Tschechischen Republik, Österreichs und Deutschlands wütete, größere Schäden an den Einrich­tungen der Gedenkstätte an, Wasser drang in die ebenerdigen Büros ein, beschädigte Ausstellungen und auch das Archiv in der Kleinen Festung blieb nicht verschont. In den darauf folgenden Jahren wurde vieles davon wiederhergestellt, allerdings ist noch immer nicht alles in Ordnung. Im Ar­chiv ist noch immer ein großer Teilbestand nicht vollständig trocken und an einigen Stellen in der Stadt sinkt die Straße auf Grund des durch Feuchtigkeit instabilen Tunnelsystems immer wieder ein. Auch die versteckte Betstube konnte noch nicht rekonstruiert werden, obwohl die Förder­vereine bereits dafür Spenden sammeln. Die Schäden an der Jugendbegegnungs­stätte waren schneller behoben, bereits im Herbst konnten wieder Gruppen aufge­nommen werden.

 

Genau solche Gruppen sind es, für die die Freiwilligen verantwortlich sind. Die Freiwilligen, das sind dieses Jahr ein Deutscher, der über Aktion Sühnezeichen Friedensdienste sein Freiwilliges Soziales Jahr ableistet und ein österreichischer Gedenkdienstleistender. Die deutschspra­chigen Gruppen kommen vorrangig aus Deutschland, vereinzelt auch aus Öster­reich. Manchmal kümmern sich die Zivilersatzdienstleistenden auch um englischsprachige Gruppen. Tschechische Gruppen werden von der Pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte selbst betreut.

 

Betreuung einer solchen Schülergrup­pe bedeutet sowohl die Vorbereitung, also beispielsweise die Organisation der Un­terkunft und Planung des Programms, als auch Begleitung während der Studienfahrt, von der Führung durch Theresienstadt bis zur Durchführung von Workshops mit den Schülern.

 

Da dieses Jahr, im Vergleich zu den Vorjahren, nur zwei Freiwillige in Theresi­enstadt arbeiten, sind sie durch die Arbeit mit Gruppen relativ ausgelastet. Frühere Generationen, teilweise doppelt so groß, organisierten unter anderem Konzerte mit Kompositionen Theresienstädter Häftlinge oder Projekte mit Zeitzeugen. Allerdings sinkt auch der Anteil deutschsprachiger Gruppen im Vergleich zu den tsche­chischen, unter anderem, weil diese schon bis zu zwei Jahre vorher reservieren, wo­hingegen deutschsprachige Gruppen oft erst ein halbes Jahr vor deren Wunschter­min anfragen.

 

In den nächsten Jahren wird sich die Aufgabe der Freiwilligen im Bezug auf Gruppenarbeit wieder mehr zu internatio­naler Jugendbegegnung während der Stu­dienfahrten entwickeln, wie bereits mehre­re Anfragen von Lehrern aus Deutschland belegen. Damit kann auch langsam das Ziel, gemeinsam das Gedenken an die Op­fer aufrecht zu erhalten, erreicht werden.

 

Philipp Pickering

Gedenkdienstleistender in Theresienstadt seit Sommer 2005